# taz.de -- Männliche Mode: Warum Männer sich nicht anziehen können
       
       > Zu enge Hosen, Hoodie als Dauerlösung: Der Mann wirkt erstaunlich
       > gleichgültig gegenüber seiner Erscheinung. Er hat nie gelernt, sich
       > selbst zu sehen.
       
 (IMG) Bild: Sprezzatura – die modische Arbeit, die ihre eigene Arbeit versteckt, ist in Deutschland eher eine Seltenheit
       
       Fangen wir am besten mal ganz von vorne an, ist ja auch alles ein bisschen
       kompliziert. Also: Um das Jahr 1800 verbrachte ein englischer Dandy namens
       George Bryan Brummell jeden Morgen mehrere Stunden damit, [1][seinen
       Schlips zu binden]. Sein Ziel war es, dass der Schlips am Ende so aussah,
       als habe das Binden höchstens eine Minute gedauert. Diese gepflegte
       Nachlässigkeit – das Ergebnis äußerster Sorgfalt, die alle Spuren ihrer
       selbst tilgt – hat einen Namen. Die Italiener nennen es sprezzatura:
       gekonnte Nonchalance. Eleganz, die wie Zufall wirkt.
       
       Brummell war der erste moderne Modemann. Vor ihm trugen europäische
       Aristokraten Kleidung als Machtdemonstration: Perücken, Spitze, Seide, jede
       Menge Gold. Herrschaft, sichtbar gemacht in Stoff und Tand. Dann kam
       Brummell, bürgerlicher Herkunft, ohne Titel, kein Vermögen – und zog einen
       dunklen Wollrock an, schlichte cremefarbene Hose, weißes Leinenhemd;
       Schnitt, Sitz und Qualität.
       
       Der britische Psychologe John Carl Flügel nannte das, was Brummell da, ohne
       es zu wollen, etabliert hat, in seinem Buch „The Psychology of Clothes“
       1930 die „Große Männliche Absage“: den Moment, in dem die Männer des
       aufsteigenden Bürgertums kollektiv auf Farbe, Prunk und Ornament
       verzichteten. Was blieb, war [2][der Anzug]. Das war kein Stilwechsel. Das
       war eine Gründungsurkunde des Liberalismus in Stoff.
       
       Und diese Urkunde enthielt von Anfang an ein Paradox. Denn Brummells Anzug
       verlangte, was Männer bis dahin nie geübt hatten: ein bewusstes Verhältnis
       zur eigenen Erscheinung. Sprezzatura meint keine Selbstvergessenheit,
       sondern das Gegenteil. Sie setzt voraus, dass man seinen Körper kennt,
       weiß, was ihm steht, und dann so tut, als hätte man darüber nie
       nachgedacht. Brummell verbrachte Stunden vor dem Spiegel, damit es aussah,
       als habe er gar keinen. Oder als habe er sich morgens einfach durch seinen
       Kleiderschrank gerollt – und was hängen blieb, zog er halt an.
       
       ## Quellen der Männermode
       
       Problematisch ist dabei nur, dass Männer historisch nie gelernt haben,
       Kleidung als persönliches Verhältnis zum eigenen Körper zu denken. Und der
       Grund dafür sitzt tief in der Geschichte ihrer Kleidung selbst. Folgendes
       sollte man nämlich wissen: Die Quellen der Männermode sind nicht Eleganz
       oder Selbstausdruck; die Männermode speist sich vielmehr aus den Bereichen
       Militär, Arbeit und Sport.
       
       Feldjacken, Trenchcoats, Bomberjacken – Uniformteile, die in die
       Alltagsmode eingewandert sind. Jeans und Chambray-Hemden trugen
       Minenarbeiter, und die Canvas-Jacke gehörte auf Baustellen, bevor sie in
       Boutiquen landete. Seit dem frühen 20. Jahrhundert setzte sich dann die
       Sportmode durch: erst der Blazer aus dem Ruderclub, dann der
       Trainingsanzug, heute die Allherrschaft von Sneaker und Hoodie.
       
       Diese drei Quellen haben etwas Entscheidendes gemeinsam: Kleidung war
       Funktion, nicht Sprache. Männer trugen, was die Gruppe trug, der sie
       angehörten. Immer hat eine Institution die Wahl der Kleidung vorgegeben –
       die Armee, der Betrieb, der Verein. Der Mann selbst musste nie entscheiden.
       Er musste sich nie vor den Spiegel stellen und fragen: „Was bin ich? Wie
       will ich vor der Welt erscheinen?“
       
       Das ist natürlich keine Kleinigkeit. Denn wer nie gelernt hat, sich selbst
       anzusehen, kennt seinen Körper nicht. Die meisten Männer wissen nicht, wo
       ihre Schulternähte sitzen sollen. Sie wissen nicht, dass eine Hose, die am
       Bund passt und an der Wade zieht, schlicht die falsche Hose in der falschen
       Größe ist. Sie wissen nicht, welche Silhouette zu ihrer Figur passt,
       welcher Kragen ihren Hals verlängert oder verkürzt. Und sie ahnen nicht,
       dass Passformprobleme meist keine Frage des Geldes sind, sondern des
       Wissens: Ein günstiger Anzug, der sitzt, schlägt jeden teuren, der
       schlottert.
       
       ## Der Anzug – ein kulturelles Versprechen
       
       In unserer Kultur ist es nun einmal so, dass Frauen damit aufwachsen, ihren
       Körper früh zu thematisieren. Das ist falsch und eine Zumutung. Männer
       lernen das Gegenteil (das ist auch falsch und eine andere Art der
       Zumutung): Der Körper soll funktionieren, nicht erscheinen. Also stecken
       sie ihn in Funktionsjacken, Hoodies, in zu große Hemden. Der Mann in
       formlosen Zeugs hat sich nicht gegen Mode entschieden. Er hat sich gegen
       die eigene Sichtbarkeit entschieden. Seine Rettung wäre – na? – genau: der
       Anzug.
       
       Die Bourgeoisie des 18. und 19. Jahrhunderts hatte eine andere Vorstellung
       davon, wie Sichtbarkeit hergestellt werden sollte: nicht durch ostentativen
       Reichtum, sondern durch Selbstkontrolle. Der dunkle Anzug signalisierte
       Disziplin, Ernsthaftigkeit, Verlässlichkeit. Seine Botschaft lautete: Ich
       habe mich im Griff. Er war demokratisch an der Oberfläche, weil ihn im
       Prinzip jeder tragen konnte; in der Praxis verlangte er Wissen – über
       Schnitt, Stoff, Passform, Kontext —, das man sich aneignen musste.
       
       Der Anzug war somit ein kulturelles Versprechen: Ich bin die Sache, nicht
       das Spektakel. Dann liberalisierte sich die Mode selbst. Die Grenzen
       zwischen formell und leger lösten sich auf. Fast Fashion machte Kleidung zu
       Wegwerfware. Der „Missing Middle“ – gute, bezahlbare, alltagstaugliche
       Herrenbekleidung – verschwand, zerrieben zwischen H&M und
       [3][Maßschneider]. Und die industriellen und militärischen Kontexte, die
       die funktionale Männerkleidung einst mit Bedeutung aufgeladen hatten,
       verschwanden ebenfalls.
       
       Das Problem ist heute nicht, dass Männer sich schlecht anziehen. Das
       Problem ist, dass niemand mehr sagen kann, was „gut angezogen“ eigentlich
       bedeutet – und dass Männer nie gelernt haben, diese Frage selbst zu
       beantworten.
       
       ## Der formlose Mann und der Hyperkurierte
       
       Kleiderregeln sind keine ästhetischen Absolutheiten, sondern geronnene
       Geschichte. Schwarze Oxfords passen zum dunkelblauen Anzug, weil das die
       Uniform von Männern einer bestimmten Klasse war, wenn sie in London
       Geschäfte machten. Wenn diese Geschichte sich auflöst, lösen sich die
       Regeln auf. Und wer keine Regeln mehr hat, an denen er sich abarbeiten kann
       – und nie gelernt hat, jenseits der Regeln selbst zu urteilen —, hat auch
       keine Sprache mehr für sich selbst.
       
       Charles Baudelaire schrieb Mitte des 19. Jahrhunderts, Mode sei ein
       Spiegel, der den Geist des Zeitalters reflektiert. Was sich heute im
       Spiegel zeigt, sind zwei entgegengesetzte Erscheinungen, die dasselbe
       verraten.
       
       Die erste: der formlose Mann. Nichts passt, weder von der Größe noch von
       der kulturellen Sprache. Alles ist [4][bequem bis zur Selbstaufgabe] – oder
       funktional ohne Grund.
       
       Die zweite: der hyperkurierte Körper. In bestimmten Ecken des Internets
       wird Männlichkeit als Optimierungsprojekt betrieben – Training, Ernährung,
       Disziplin. Der Körper wird zur sichtbaren Leistung, Kleidung zum Rahmen:
       eng, damit das, was man geschafft hat, zur Schau gestellt werden kann. Aber
       auch das ist keine persönliche Sprache, sondern Konformität – diesmal nicht
       zur Gruppe, sondern [5][zum Instagram-Algorithmus]. Diese Ästhetik ist
       keine Marotte, sondern Ideologie. Sie zeigt sich im engen Stoff und ist
       quasi eine Gegenreaktion auf eine Kulturlandschaft, in der traditionelle
       Geschlechterbilder unscharf geworden sind.
       
       Beide Erscheinungen – der Formlose und der Hyperkurierte – sind Reaktionen
       auf dieselbe Leere. Der Anzug war eine Schöpfung des Liberalismus – und er
       wurde vom Liberalismus getötet. Dort, wo der Anzug als gemeinsamer Code
       stand, ist nichts nachgewachsen.
       
       ## Unfähigkeit und politische Orientierungslosigkeit
       
       Brummells vermeintlich zufällig Eleganz war kein Betrug, sondern Kunst. Das
       Maximum an Luxus im Dienst minimaler Protzigkeit. Sprezzatura – die Arbeit,
       die ihre eigene Arbeit versteckt.
       
       Genau diese Fähigkeit fehlt. Nicht die Fähigkeit, sich herauszuputzen.
       Sondern die Fähigkeit, die eigene Erscheinung in der Welt ernst zu nehmen,
       ohne sich dafür schämen zu müssen. Den eigenen Körper zu kennen, statt ihn
       zu verstecken. Die Frage zu stellen: Wer bin ich – und wie will ich
       aussehen?
       
       Der deutsche Mann ist nicht deshalb, wer er ist, weil er schlecht gekleidet
       ist. Aber es ist auch [6][kein Zufall, wie er rumläuft]. Seine Kleidung ist
       nicht die Ursache der politischen Orientierungslosigkeit – sie ist ihr
       sichtbarstes Symptom. Sie zeigt, dass das bürgerliche Versprechen, das der
       Anzug einmal verkörperte, nicht mehr geglaubt wird. Und dass an seiner
       Stelle nichts steht: kein neues Versprechen, keine neue Sprache, kein neues
       Bild davon, wie ein Mann in der Welt erscheinen will.
       
       Die große männliche Absage war einmal ein politischer Akt.
       
       Ihre Rücknahme auch.
       
       11 May 2026
       
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