# taz.de -- Bodybuilding-Event in Berlin: Jede Menge Muskeln und Verletzlichkeit
       
       > Bei der Veranstaltung „Massive Soldier Berlin Classic“ posieren
       > Bodybuilder vor großem Publikum. Sie bringen sich nicht nur körperlich an
       > den Rand ihrer Kräfte.
       
 (IMG) Bild: Hart und herzlich: Zwei Bodybuilder beglückwünschen sich nach dem Wettkampf
       
       Im Fontane-Haus können über das Jahr Veranstaltungen aller Art besucht
       werden. Die Kulturstätte in Berlin-Reinickendorf lädt im April
       beispielsweise zum „Reinickendorfer Taschenlampenkonzert“, zur Band Die
       Cowboys oder zu einem Event mit dem Namen [1][„Massive Soldier Berlin
       Classic“] ein. Über den letzten Namen stolpert man. Massive Soldier Berlin
       Classic? Das Event trägt den Namen eines Sponsors, eine deutsche Modemarke
       für Fitness- und Lifestylebekleidung. Was sich dem Zeitgeist entsprechend
       nach Aufrüstung und heroischer Aufopferung anhört, verspricht am Samstag,
       dem 11. April, vor allem eins: [2][Bodybuilding.]
       
       Eine Sportart, die weiterhin mit vielen Vorurteilen zu kämpfen hat. Viele
       bevorzugen deshalb den Rückzug in die eigene Bubble. In der Szene herrscht
       auch ein großer Argwohn gegenüber möglicher negativer Berichterstattung.
       Presseakkreditierungen und Bildanfragen werden bei den „Massive Soldier
       Berlin Classic“ abgelehnt. Ein Ticket kostet 52 Euro.
       
       Die regionale Bodybuildingshow wird ausgetragen von der NPC Worldwide
       Germany, der größten Amateurliga des Sports. 2026 finden in Deutschland
       sieben dieser Shows statt. „Heute stehen etwa 100 Athleten und Athletinnen
       auf der Bühne“, meint eine der Organisatorinnen. Schätzungsweise 60 Prozent
       Männer und 40 Prozent Frauen. Und sie sind nicht allein. Menschen aller
       Altersgruppen haben sich hier versammelt. Die Veranstaltung gleicht einem
       Familienfest. Zu Beginn begrüßt die Moderatorin das Publikum sowie die
       sieben Wertungsrichter.
       
       Der Charme des großen Saals im Fontane-Haus ist durch die multifunktionale
       Architektur der 1970er Jahre bestimmt. Viel Sichtbeton, dunkelviolette
       Teppichböden, knallrote Geländer und senfgelbe Stühle. Im Hintergrund der
       Bühne hängt das monumentale Banner des Events. Es ist eine Ästhetik, die
       keine Subtilität kennt. Das Brandenburger Tor flankiert von Hantelscheiben
       und der deutschen Trikolore. Es ist eine visuelle Sprache, die tief im
       US-amerikanischen Fitnesspatriotismus wurzelt.
       
       ## „Angst, dass ich von der Bühne kippe“
       
       Von Anfang an ist klar, hier wird der Körper nicht nur trainiert, hier wird
       aufgerüstet. Für den Kampf hat der Soldat seinen Körper von Hals bis Fuß
       glattrasiert und diesen anschließend in mehreren Schichten mit
       dunkelbrauner Farbe lasiert. So glänzt jede Vene, jede Muskelfaser wie
       poliertes Ebenholz im Scheinwerferlicht. Leicht bekleidet betritt er die
       Bühne. Das Bild des unbesiegbaren Kriegers ist jedoch brüchig. „Ich hatte
       Angst, dass ich von der Bühne kippe“, berichtet ein Athlet später. Er ist
       abgemagert, dehydriert und steht kurz vor dem physischen Kollaps. Er ist in
       einem Zustand extremer Fragilität. Ein Trainer brüllt: „Zieh hoch! Arsch
       anspannen nicht vergessen!“ Seine Lebensgefährtin ruft: „Ja Schatz, komm
       jetzt!“ Ein Athlet vollführt seine einstudierte Kür zur Musik von Kiss. „I
       hear my song and it pulls me through, comes on strong, tells me what I got
       to do.“ Nach und nach lässt der Athlet seine Muskeln in verschiedensten
       Posen einrasten. Angespannt wird die Muskulatur zu einem tief zerklüfteten
       Relief.
       
       Ein Zuschauer ruft sichtlich beeindruckt: „Alter, schau dir die Streifen in
       seinen Beinen an!“ Anschließend posen die stärksten Bodybuilder ihrer
       Klasse im direkten Vergleich nebeneinander. Die Menge tobt. Über den Tag
       füllt sich die Halle, sodass am späten Nachmittag nur noch die letzten
       Reihen des 1.000-Plätze-Saals frei bleiben. Die Chefin des Kampfgerichts
       gibt nun auf Englisch den Takt für die nächsten Posen vor: „Front Double
       Biceps, Front Lat Spread …“ Wie bei einem Zahlenschloss werden nun die
       Körper vor und zurückgedreht. Wiederholt müssen sie ihre Positionen
       wechseln, bis die richtigen in der Mitte stehen. „Sixty-one and sixty-seven
       switch please.“
       
       Medaillen gibt es für die besten Fünf. Es ist ein durchaus paradoxes
       Unterfangen. Um hier bejubelt zu werden und für 15 Minuten wie das blühende
       Leben zu wirken, müssen die Athleten ihren Körper in einen Zustand der
       Unterernährung bringen. Die Wangen sind eingefallen und die Blicke glasig.
       Dass Doping Teil des Sports ist, bleibt eine unausgesprochene Wahrheit.
       Einzig ein Athlet offenbart zu dem Thema: „Ich weiß genau, dass ich hinten
       raus Jahre verlieren werde. Dafür bin ich jetzt die nächsten Jahre mehr als
       fit.“
       
       Wenige Minuten zuvor hatte er Frau und Kinder nach seinem Sieg in die Arme
       geschlossen. Hier zeigt sich die Kehrseite der totalen Selbstoptimierung.
       Die totale Unterwerfung der Gesundheit unter das Diktat der Sichtbarkeit.
       Sichtbar wird auch die jahrelange Disziplin, die beeindruckende
       Leidensfähigkeit und das enorme Wissen über das Handwerk am eigenen
       Fleisch. Als die erste Frau die Bühne betritt, lachen zwei Männer im
       Publikum. Auf Nachfrage antworten sie: „Schaut schon lustig aus, wie die
       läuft.“ Die Frauen müssen eine Gratwanderung vollziehen. Sie balancieren
       auf High Heels, das Lächeln eingefroren, die Bewegungen gelernt feminin.
       [3][Die Größe ihrer Muskeln sprengt zunächst jedes klassische
       Rollenverständnis.] Dann zwängen sie sich wieder für die Wertungsrichter in
       ein Korsett aus Glitzerbikini, Glitzerohrringen, und künstliche Wimpern.
       Hinter der Bühne fragt eine die andere Athletin vorm Auftritt: „Soll ich
       noch pushen? Ich hab Füllwatte dabei.“
       
       ## Ehrlichste Spiegel des Neoliberalismus
       
       Als Preis für die Gewinnerin wartet dann noch eine Krone. In Glitzer
       selbstverständlich. Der Sport reproduziert das Binäre, während er es durch
       die schiere Masse an Muskeln gleichzeitig ad absurdum führt.
       
       Vielleicht ist Bodybuilding dieser Logik nach der ehrlichste Spiegel des
       Neoliberalismus. Die wenigsten Menschen können sich doch dem
       Selbstoptimierungswahn entziehen. Wir zählen Schritte, tracken unseren
       Schlaf oder rollen morgens die Yogamatte für die nötige Resilienz aus. Die
       Menschen auf der Bühne in Reinickendorf lassen nur die Maske der
       Beiläufigkeit fallen. Sie zeigen uns, was passiert, wenn man den Wunsch
       nach Kontrolle zu seinem logischen Ende führt. Nur leider kippt die totale
       Kontrolle wieder in den totalen Kontrollverlust.
       
       Eine Athletin berichtet, dass der Sport ihr geholfen hätte, die Magersucht
       zu überwinden. Im nächsten Augenblick spricht sie davon, dass sie sich
       jetzt nach der Wettkampfdiät auf größere Portionen freut. Die Athleten
       kontrollieren zwar jedes Gramm Reis und jede Wiederholung im Gym, aber sie
       haben die Kontrolle darüber verloren, die Grenzen ihres Körpers zu achten.
       Dieser wird zu einer Baustelle, die verglichen und niemals fertig wird.
       Drinnen wird die Show noch einige Stunden weitergehen. Und draußen auf den
       Treppenstufen sitzen die Athleten, die wieder Wasser trinken dürfen und
       später zur Feier des Tages Burger oder Sushi essen gehen werden.
       
       18 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.ifbbproleaguegermany.de/details-registrierung/massive-soldier-berlin-classic-1
 (DIR) [2] /Bodybuilding/!t5205510
 (DIR) [3] /Frauen-in-der-Bodybuilding-Szene/!5353034
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jona Killius
       
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