# taz.de -- Russische Umweltaktivistin zu Anti-AKW: „Wer sich an Protesten beteiligt, landet im Gefängnis“
> Die russische Aktivistin Alexandra Korolewa positionierte sich in den
> 1990ern gegen AKWs. Seit 2019 lebt sie in Dresden.
(IMG) Bild: Alexandra Korolewa in Dresden, April 2026
taz: Frau Korolewa, erinnern Sie sich noch daran, was Sie am 26. April
1986, dem Tag der Nuklearkatastrophe in Tschornobyl, gemacht haben?
Alexandra Korolewa: Ich erinnere mich ganz genau. Ich arbeitete damals an
einer Schule in Kaliningrad und habe mit meinen Fünftklässlern einen
Ausflug gemacht. Die Sonne schien, wir waren den ganzen Tag draußen an der
frischen Luft – im Nachhinein eine komplett falsche Entscheidung. Denn wie
sich später herausstellte, schwebte auch über dem Gebiet Kaliningrad eine
radioaktive Wolke.
taz: Wann haben die Menschen in der Sowjetunion von der Explosion im
vierten Reaktor erfahren?
Korolewa: Über eine Woche später. Die Staatsmacht hielt Informationen
zurück, sie wollte sich die Feierlichkeiten zum 1. Mai nicht verderben
lassen. Genaue Details über die Situation im Kaliningrader Gebiet habe ich
erst Jahre später erfahren. 1989 fing ich an, für das Komitee für
Naturschutz zu arbeiten, ein Vorläufer des heutigen russischen
Umweltministeriums. Da gab es auch einen Geologen, der zuvor für ein
radiologisches Labor tätig gewesen war. Von ihm erfuhr ich, dass über
Kaliningrad zweimal eine radioaktive Wolke hinweggezogen war.
taz: Einige sagen, dass der Umgang mit dem GAU in Tschornobyl ein Sargnagel
war, der schließlich mit zum Zusammenbruch der Sowjetunion führte. Stimmen
Sie dem zu?
Korolewa: In gewisser Weise, ja. Tschornobyl war ein Baustein in diesem
Prozess. Hinzu kam, dass es Ende der 1980er Jahre bereits angefangen hatte,
in diesem Monster namens Sowjetunion zu brodeln – in der Gesellschaft, der
Regierung, dem Kreis der Mächtigen sowie in den einzelnen Republiken.
taz: In den 1990er Jahren wurden Sie Umweltaktivistin. Wie kam es dazu?
Korolewa: Ich war beim staatlichen Komitee für natürliche Ressourcen für
Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Wir arbeiteten eng mit
Journalist*innen zusammen. Die Menschen konnten einfach zu uns kommen.
Wir hatten wirklich viele Informationen über die Umweltsituation in der
Region Kaliningrad, die wir auch teilen konnten. Damals war eine Arbeit in
dieser Form in Russland noch möglich. Aber nach und nach zog unsere Führung
die Daumenschrauben an.
taz: Wie lief das ab?
Korolewa: In meiner Funktion als Mitarbeiterin des Komitees moderierte ich
eine wöchentliche Radiosendung in Kaliningrad. Jedes Mal, wenn ich danach
ins Büro kam, bestellte mich die Leitung ein und warf mir vor, ich hätte
mir meine Texte vorher nicht absegnen lassen. Irgendwann fingen wir an, uns
als „Abteilung für Informationsverschleierung“ zu bezeichnen. [1][In dieser
Zeit lernte ich Wladimir Sliwjak kennen, den Gründer der NGO Ecodefense].
Ein paar Jahre später quittierte ich den Staatsdienst, schloss mich
Ecodefense an und widmete mich fortan ganz dem Aktivismus.
taz: Ein Verdienst von Ecodefense war, den Bau eines Atomkraftwerkes im
Gebiet Kaliningrad 2014 gestoppt zu haben …
Korolewa: Das war ein großer Erfolg. 2014 war das Fundament bereits gelegt.
Im selben Jahr gaben die russische Regierung und der Staatskonzern Rosatom
das Projekt jedoch auf. Aber die Folge davon war, dass wir, als erste
Umweltorganisation, zum ausländischen Agenten erklärt wurden. Trotzdem
haben wir danach einfach weitergemacht.
taz: Hatte das Konsequenzen?
Korolewa: Gegen mich wurde ein Strafverfahren eingeleitet, mir drohte eine
Haftstrafe. Mit Mitte 60 wollte ich das russische Gefängnissystem nicht
mehr kennenlernen. Also bin ich nach Deutschland gegangen.
taz: Sind Umweltschützer*innen heute in Russland noch aktiv?
Korolewa: Wer sich etwa an Protesten gegen Atomkraftwerke beteiligt, landet
direkt im Gefängnis. Dasselbe gilt für Aktivist*innen, die beispielsweise
gegen Mülldeponien oder die Abholzung von Wäldern demonstrieren. Heute
würde ich eher von einem sanften Aktivismus sprechen. In meiner Heimatstadt
Kaliningrad gibt es beispielsweise viele großartige Menschen, die
sogenannte Öko-Höfe organisieren. Dort sammeln sie Müll zum Recyceln,
tauschen Dinge und betreiben Reparaturwerkstätten, um den Leuten
beizubringen, Gegenstände nicht einfach wegzuwerfen. Übrigens: Für die
Region Kaliningrad sind aktuell wieder Atomreaktoren im Gespräch,
[2][sogenannte Mini-AKWs]. Ich hoffe jedoch, dass das Geld in Russland
dafür derzeit nicht ausreicht.
taz: Ist das Umweltbewusstsein in Russland gewachsen?
Korolewa: Das ist schwer zu sagen. Wir reden von einem Land, das einen
blutigen, höllischen Krieg gegen die Ukraine führt und in dem ein großer
Teil der Bevölkerung diesen Krieg offenbar auch noch unterstützt. Ehrlich
gesagt kann ich mir nur schwer vorstellen, wie die Menschen jetzt in
Russland leben. Ich sehe es an meiner Schwester, die in Russland geblieben
ist, und an den Angehörigen, mit denen ich weiterhin Kontakt halte. Es ist
verboten, über bestimmte Themen zu reden. Man ist gezwungen, ständig zu
lügen oder zu schweigen, selbst innerhalb der Familie.
taz: Wenn in einem Land wie derzeit in der Ukraine ein Krieg tobt, wo es
Atomkraftwerke gibt, reden wir von ganz anderen Risiken …
Korolewa: Mit Militäraktionen in der Nähe eines Atomkraftwerks steigt die
Gefahr exponentiell. Sollte ein direkter Treffer einer Granate oder einer
Drohne ein Atomkraftwerk zerstören, wird es ein zweites Tschornobyl geben.
Dort wurde der Sarkophag während des Krieges infolge von russischen
Angriffen teilweise zerstört, er ist jedoch noch nicht wiederhergestellt.
Gleichzeitig erhebt der Chef von Rosatom schwere Vorwürfe gegen die USA
wegen ihres Krieges in Iran. Er argumentiert, Iran besitze ein
Atomkraftwerk, das durch einen Krieg beschädigt werden könnte. Absurd.
taz: Apropos Rosatom. Gegen das Unternehmen hat die EU keine Sanktionen
verhängt …
Korolewa: Die Europäer können sich nicht einigen. Dabei wären Sanktionen
dringlicher denn je, [3][denn Rosatom ist direkt am Krieg beteiligt]. Als
das Kernkraftwerk Saporischschja erobert wurde, wurde es zunächst von
Rosatom-Mitarbeitern besetzt und verwaltet.
taz: [4][Im niedersächsischen Lingen gibt es eine Fabrik für
Brennelemente]. Dort ist am 26. April 2026 eine Protestaktion geplant. Was
ist der Hintergrund?
Korolewa: Das Werk, das in französischem Besitz ist, produziert genau die
Art von radioaktiven Brennstoffen, die für osteuropäische Kernkraftwerke
benötigt werden. Als die Produktion modernisiert werden musste, haben die
Betreiber des Werks einen Vertrag mit Rosatom unterzeichnet. Man hat
russische Atomwissenschaftler nach Deutschland geholt. Das stelle man sich
einmal vor. Fachleute eines Landes, das Krieg führt. Und diese Experten
sind jetzt mitten in Europa. Da muss man mit allem rechnen: Spionage,
Sabotage … Hier, direkt vor unserer Haustür haben wir ein Unternehmen, das
sich zu einem Mini-Tschornobyl entwickeln könnte, vielleicht sogar zu etwas
noch Schlimmeren.
taz: Sie leben jetzt seit sieben Jahren in Deutschland. Wie geht es Ihnen
hier?
Korolewa: Ich hatte unglaubliches Glück. So viel Glück, wie man es als
Migrantin nur haben kann, die mit jetzt 72 Jahren und nur einem Rucksack
ihre Heimat verlassen musste. Ich bin in einem Land angekommen, das sich
sehr gastfreundlich gezeigt hat. [5][Ich habe gelernt, „nach Hause“ zu
sagen, wenn ich nach Dresden zurückkehre]. Die Stadt schien mir wie auf den
Leib geschneidert. Ich habe Straßen gefunden, die mich an Kaliningrad
erinnern, und Beschäftigungen, die meinen Interessen entsprechen.
taz: Welche sind das?
Korolewa: Ich habe immer noch Sehnsucht nach der Ostsee, ich kann sie
einfach nicht vergessen. Deshalb versuche ich, dort Zeit zu verbringen. Bei
einem Besuch haben wir einen Film über die Auswirkungen des Klimawandels
auf die Ostseeküste und über verschiedene historische und moderne Methoden
des Küstenschutzes gedreht. Der Film wurde sogar in einem Kino in Dresden
gezeigt. Und noch eins: Ich bin den Grünen beigetreten.
taz: Fühlen Sie sich in Dresden sicher?
Korolewa: Auf jeden Fall. Ich habe Joker, meinen Hund, der mich beschützt.
Dresden ist eine friedliche, ruhige Stadt, genauso ruhig fühle auch ich
mich hier. Doch dieses Gefühl der Sicherheit hat mir einmal übel
mitgespielt. Eine mir unbekannte Journalistin bat um ein Interview und lud
mich dafür nach Warschau ein. Zunächst fiel mir nichts weiter auf, aber
letztendlich stellte sich heraus, dass diese Person, anders als sie
behauptet hatte, weder für das polnische Fernsehen arbeitete, noch
überhaupt Journalistin war. Niemand im Sender kannte sie. Zu dem Interview
ist es dann gar nicht gekommen und die Sache ging für mich noch einmal gut
aus. Aber es hat mir Angst gemacht.
taz: Welche Perspektiven sehen Sie für Russland?
Korolewa: Auch ein Wladimir Putin ist nicht unsterblich, egal wie viele
Doppelgänger er hat. Die Zeiten sind und bleiben schwer. Aber ich hoffe,
dass sich irgendwann etwas ändern wird.
22 Apr 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.urgewald.org/en/debt-delays-dependencies-nuclear
(DIR) [2] https://www.bund.net/atomkraft/small-modular-reactor/
(DIR) [3] /Atomindustrie-unter-russischem-Einfluss/!6160616
(DIR) [4] /Atomindustrie-unter-russischem-Einfluss/!6160616
(DIR) [5] /Erfahrungen-als-Asylbewerberin/!5619064
## AUTOREN
(DIR) Barbara Oertel
## TAGS
(DIR) 40 Jahre Tschornobyl
(DIR) Atomkraftgegner
(DIR) Russland
(DIR) Kaliningrad
(DIR) Social-Auswahl
(DIR) Zukunft
(DIR) wochentaz
(DIR) 40 Jahre Tschornobyl
(DIR) 40 Jahre Tschornobyl
(DIR) 40 Jahre Tschornobyl
(DIR) Umweltschutz
(DIR) Russland
(DIR) Russland
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Alternativmedien früher und heute: Geschäft mit der Angst
Angst ist eine treibende Kraft von Alternativmedien. Während Rechte sie zur
Zerstörungslust einsetzen, nutzten Linke sie nach Tschornobyl produktiv.
(DIR) 40 Jahre Tschornobyl: Untergepflügter Salat und gesperrte Sandkästen
Junge Eltern sind verunsichert, als 1986 die Strahlenwolke aus der
Sowjetunion Westdeutschland erreicht. Nach einiger Show reagiert die
Politik.
(DIR) Russischer Atomkonzern: Die Welt bleibt abhängig von Rosatom
Mit Rosatom kontrolliert Wladimir Putin den vielleicht wichtigsten
Atomkonzern der Welt. Diese Macht weiß er auszunutzen.
(DIR) 40 Jahre Tschornobyl: Vergiftete Wissenschaft
Tschornobyl wird inzwischen kaum noch erforscht. Der Krieg hat zerstört,
was Jahrzehnte Wissenschaft aufgebaut haben.
(DIR) Folgen der Atomkraftnutzung: Der Traum von Atommüll ohne Schrecken
Die sogenannte Transmutation soll hochradioaktive Abfälle unschädlich oder
sogar energetisch nutzbar machen. Ist das realistisch?
(DIR) Russische Umweltaktivistin im Exil: Vielleicht kann sie bald zurück
Weil sie in Russland von Haft bedroht ist, verließ Alexandra Korolewa das
Land. Nun gab ihr ein russisches Gericht recht.
(DIR) Russische Umweltaktivistin im Asyl: Ihr drohen bis zu zwei Jahre Haft
Alexandra Korolewa lebt seit kurzem in Dresden in einer Erstaufnahmestelle
für Geflüchtete. Wird sie von Ängsten gepackt, setzt sie sich aufs Fahrrad.
(DIR) Umweltaktivistin flieht aus Russland: Alexandra Korolewas Kampf
Die Klimakrise ist in Moskau kaum ein Thema. Eine Frau wollte das ändern.
Nachdem sie das Land verlassen musste, gibt sie sich weiter kämpferisch.