# taz.de -- Alternativmedien früher und heute: Geschäft mit der Angst
       
       > Angst ist eine treibende Kraft von Alternativmedien. Während Rechte sie
       > zur Zerstörungslust einsetzen, nutzten Linke sie nach Tschornobyl
       > produktiv.
       
 (IMG) Bild: Verzweifelt protestiert die Alternativbewegung 1986 gegen das Waldsterben
       
       Als die Reiseredakteurin hereinkam und ihren nassen Regenschirm auf den
       Tisch knallte, „haben alle aufgeschrien, ob sie jetzt komplett verrückt
       geworden sei“, [1][erinnert sich ein früherer taz-Redakteur] an die Tage
       nach der Tschornobylkatastrophe. Ein Kollege lief derweil „mit seinem
       Geigerzähler grinsend durch die Redaktionsflure. Er hat uns ausgemessen, ob
       wir noch sauber tickten.“
       
       Die Explosion des Reaktors traf 1986 in Deutschland eine Gesellschaft, in
       der zwei große kollektive Ängste jahrelang öffentlich verhandelt worden
       waren: die vor dem Atomkrieg und die vor der ökologischen Zerstörung. Im
       Tschornobyl-GAU verschmolzen beide – und läuteten die große Stunde der
       Alternativmedien ein.
       
       Der Historiker Frank Biess hat in seinem Werk „Republik der Angst“ die
       Genese der bundesrepublikanischen Ängste nachgezeichnet. Angst hatten
       demnach alle. Die Unterschiede in den politischen Milieus aber sind
       interessant.
       
       Die emotionale Verpanzerung der Kriegsgeneration aufgebrochen zu haben, war
       wesentlicher Kern der aufbegehrenden Nachkriegsgeneration. Folglich wurde
       das Emotionale betont, Ängste wurden offensiv artikuliert, teils wurden sie
       zur Grundlage von Subkultur. Auch deshalb wurden für die politischen Kämpfe
       des Alternativmilieus zwei Themen zentral: Frieden und Umwelt.
       
       Der Kampf gegen die Atomkraft nahm darin eine besondere Rolle ein, in ihm
       berührten sich diese angstbesetzten Themen. Der Staat, der AKWs baut, ist
       auch einer, der Atomraketen duldet. Und er ist einer, der die zum Krieg
       nötige Härte bereits im Zivilen gegen seine Bürger wendet, um die
       Atomkraftnutzung durchzusetzen. Diese Überzeugungen waren für das
       Alternativmilieu konstitutiv. Entsprechend galten die im „Atomstaat“
       Herrschenden als verlogene Feinde echter Demokratie. Ähnlich blickte man
       auf die ihnen verbunden scheinenden „bürgerlichen“ Medien.
       
       Also mussten Alternativmedien her. So entstand die taz 1979, aber auch das
       Magazin Pflasterstrand, die Zeitschrift Bürgerrechte & Polizei, der
       Informations-Dienst zur Verbreitung unterbliebener Nachrichten (ID) sowie
       diverse Piratensender und Stadtzeitungen. Es war ein publizistisches
       Ökosystem von unten, das „Gegenöffentlichkeit“ gleichermaßen herstellen wie
       diese informieren wollte.
       
       ## Der Apokalypse nah
       
       Als im Mai 1986 die Strahlenwolken aus Tschornobyl heranwehten, war dem
       Fallout kaum zu entkommen: Milch, Böden, Wälder, Felder wurden zur Gefahr.
       Nur wenig triggert Ängste mehr als das Gefühl des Ausgeliefertseins. Und so
       fühlten sich viele der Apokalypse, die die Alternativbewegung ohnehin
       erwartet hatte, nah.
       
       Einige Tage ließ die Sowjetunion die Welt über den GAU im Unklaren. Danach
       berichteten die Alternativmedien alarmierter und kritischer als die
       Etablierten, warfen Regierung und Behörden vor, die Lage zu verharmlosen.
       „[2][Vor Entwarnung wird gewarnt]“, schrieb etwa die taz. Sie bestätigten
       damit ihre Leser:innen in deren – teils übersteigertem – Misstrauen
       gegenüber offiziellen Grenzwerten, die damals vielen als politisch
       festgelegt galten.
       
       Auch in ARD und ZDF war sehr wohl zu hören, dass man den Salat besser nicht
       isst. Doch die Alternativmedien boten mehr konkrete Tipps, regionale
       Messwerte, eigene Interpretationen. Es gab Erfahrungsberichte, Interviews
       mit kritischen Wissenschaftlern, Ärzten und Umweltaktivisten zu lesen, die
       in großen Medien nicht auftauchten.
       
       Als einzige Zeitung warnte die taz nach Rücksprache mit den Meteorologen
       davor, am 1. Mai, als die radioaktive Wolke Deutschland erreichte, die
       Kinder rauszulassen. „Als Atomgegner hatten wir uns jahrelang mit einer
       möglichen Katastrophe befasst, das war unser Vorsprung“, schrieb später der
       taz-Redakteur Harald Schumann.
       
       Die Alternativmedien-Landschaft differenzierte sich. Spezialisierte
       Publikationen wie Strahlentelex entstanden, finanziert von Vereinen wie
       Mütter und Väter gegen atomare Bedrohung e. V. Staatliche Messstellen
       durften keine Radioaktivitätswerte konkreter Produkte oder Firmen nennen.
       Strahlentelex aber maß die Belastung in Milch und Babynahrung. „Besorgte
       Eltern bekamen so erstmals unverschlüsselte Daten, die es ihnen
       ermöglichten, die Strahlenbelastung ihrer Kinder so gering wie möglich zu
       halten“, behaupteten sie.
       
       Die Angst, die das Alternativmilieu in besonderer Weise ergriffen hatte,
       ließ seine eigenen Medien erregter, aber auch substanzieller über
       Umweltthemen berichten. Ihr „Es ist viel schlimmer, als sie zugeben“ stand
       der Aufklärung nicht im Weg, sondern ermöglichte sie. Die Forderungen der
       Umweltbewegung wurden übersetzbar in Politik, auch weil sie ihre frühere,
       teils grundlegende Technologie- und Wissenschaftsskepsis korrigierte.
       Rationale und progressive Stimmen verschafften sich Raum und Reichweite.
       
       So fanden die hochgekochten kollektiven Ängste in der Gegenöffentlichkeit
       Ventile. Und die wiederum unterstützten die Suche nach produktiven,
       rationalen Auswegen. Langfristig zeigt sich das heute in vielen Erfolgen
       der Umweltbewegung: beim Ozonloch, dem Waldschutz oder der
       Schadstoffbegrenzung.
       
       ## Unproduktiver Alarmismus
       
       Heute haben Ängste wieder Hochkonjunktur. Doch die Art, wie sie verhandelt
       werden, ist dysfunktionaler geworden. Wieder spielen Milieuunterschiede
       eine wichtige Rolle. Das progressive Lager fürchtet sich heute oft vor den
       Folgen der Klimakrise, des Artensterbens, vor (KI-)Faschismus oder
       Sozialabbau. Wer rechts denkt, hat hingegen vielfach Angst vor dem
       Wirtschaftscrash, vor Migration, Kriminalität, „Heimatverlust“.
       
       Das sind eben jene Themen, die heute ein neues, florierendes Ökosystem
       rechter Alternativmedien und mit ihnen verbundene Social-Media-Kanäle
       bewirtschaftet. Auf1, Apollo News, Compact, Deutschland-Kurier,
       Journalistenwatch, Nius, Tichys Einblick und viele mehr reklamieren den
       Begriff der Gegenöffentlichkeit für sich. Sie machen sich das schwindende
       Vertrauen in etablierte Medien zunutze und befeuern es.
       
       Sie reklamieren eine Rolle für sich, die dem Selbstbild der
       Alternativmedien von einst ähnelt: Als „Stimme des Widerstands“, Kämpfer
       für Meinungsfreiheit, als marginalisiert vom Mainstream, bedroht oder gar
       verfolgt. Ihre Kernbotschaft: Verfall überall, den Eliten ist nicht zu
       trauen, Medien lügen. Die etablierten Parteien treiben den Untergang
       bewusst voran. Sie müssen entmachtet werden, doch dafür bleibt nur wenig
       Zeit.
       
       Ähnlich wie früher sieht man sich als „wahre Opposition“. Wo sich einst von
       „bürgerlichen Medien“ abgegrenzt wurde, sind heute „Systemmedien“ der
       Gegner, wo früher „Establishment“ und „Schweinesystem“ wegsollten, geht es
       heute gegen „Volksverräter“, „Grün-links“ oder einen „tiefen Staat“. Die
       Inhalte der rechten Alternativmedien sind des vielfach progressiven
       Charakters ihrer nominellen Vorgänger beraubt und ins Gegenteil verkehrt.
       
       Eine neue, „bewegungsnahe“ Partei, deren Erfolg herbeigeschrieben werden
       soll, gibt es auch. Die Grünen sollten einst das Land von AKWs und
       [3][Pershing-Raketen] befreien. Die AfD soll aufräumen mit Migration,
       Gender, EU oder Klimapolitik.
       
       ## Das wirksamste Mittel: Angstmacherei
       
       Reichweite, Radikalität und Selbstverständnis der neuen rechten
       Alternativmedien unterscheiden sich. Ihnen gemein ist, dass sie für die
       Abwicklung von Errungenschaften sozialer Bewegungen werben, um den
       angeblichen Zusammenbruch zu stoppen. Das wirksamste Mittel dafür ist
       Angstmacherei: vor dem Islam, vor Flüchtlingen, der „Transideologie“, dem
       Verbrenner-Aus, kriegstreiberischen „Globalisten“, die Wirtschaft
       zerstörenden Grünen.
       
       In der Umweltbewegung der 1970er und 1980er Jahre waren
       Wissenschaftsskepsis, Verschwörungsglaube und Irrationalismus durchaus
       verbreitet, etwa bei der Gentechnik und Esoterik. Letztlich wandte sich die
       ökologische Linke aber der Naturwissenschaft zu, um sie aufklärerisch zu
       nutzen. In den heutigen Alternativmedien gelten Klimawissenschaftler als
       gefährliche Sekte, deren Einfluss zurückgedrängt gehört. Wissenschaftliche
       Ratio wird als Feind des gesunden Volksempfindens gesehen, sofern sie nicht
       zufällig zur eigenen Agenda passt: „Lasst euch von den Eierköppen nichts
       erzählen!“
       
       Bei allen Unterschieden diskreditieren Nius & Co die liberale Demokratie
       und ebnen so dem Autoritarismus den Weg. Auf die ökologischen und sozialen
       Probleme der Gegenwart hat diese teils rechtsextrem gepolte
       Gegenöffentlichkeit keine Antworten. Ihr Alarmismus ist deshalb nicht
       produktiv. Er kann und will kollektive Ängste nicht rational bearbeiten und
       dadurch regulieren. Stattdessen peitscht er sie für einen destruktiven
       Umsturz immer weiter auf. Dabei setzen die rechten Alternativmedien neben
       Angstmacherei auch auf Desinformation.
       
       Das beste Mittel dagegen ist eine unabhängige Presse, die kollektive Ängste
       nicht anheizt, sondern Risiken rational verhandelt. Dann trägt sie dazu
       bei, dass Ängste nicht in autoritäre Politik umschlagen, sondern – das
       zeigt die Erfahrung – Aufklärung voranzutreiben helfen.
       
       25 Apr 2026
       
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       1990ern gegen AKWs. Seit 2019 lebt sie in Dresden.
       
 (DIR) Tschernobyl in der taz: Vor der Entwarnung wird gewarnt
       
       Wenn alle behaupten, es gebe kein Problem, wird Gegenöffentlichkeit
       lebensnotwendig, wie die taz bewiesen hat.