# taz.de -- Machtkampf in Iran: Von der Islamischen Republik zur Diktatur der Garden
       
       > Wer hat das Sagen in Iran? Der Konflikt zwischen den Hardlinern der
       > Revolutionsgarden und der politischen Führung wird auch öffentlich
       > ausgetragen.
       
 (IMG) Bild: Irans Außenminister Abbas Araghtschi und Pakistans Armeechef Asim Munir begrüßen sich am 15. April am Flughafen in Teheran
       
       Die Kuss- und Umarmungsszene sprach Bände. Asim Munir, Chef des Armeestabs
       von Pakistan, schien Mühe zu haben, sich aus der Umarmung seiner iranischen
       Gastgeber zu befreien, als er am vergangenen Mittwoch Teheran besuchte. Und
       auch bei US-Präsident Donald Trump genießt Munir hohes Ansehen: Seinen
       „Lieblingsfeldmarschall“ nannte ihn Trump, einen „großartigen Kämpfer“,
       einen „sehr wichtigen Mann“, „einen außergewöhnlichen Mensch“, und „den
       besten Irankenner“. Klar ist: Munir ist mehr als nur ein einfacher
       Vermittler zwischen Teheran und Washington, Pakistan mehr als ein Gastgeber
       für die [1][Gespräche zwischen den beiden kriegführenden Parteien.]
       
       Das System, dem Munir vorsteht, nennt sich eine „Islamische Republik“ –
       ebenso wie Iran. Doch die Islamische Republik Pakistan hatte vor fast 40
       Jahren erreicht, wovon viele Gardisten in Iran träumen: Das Land hat die
       Bombe, die unangreifbar macht – die Atombombe.
       
       [2][Im Jahr 1998 erfolgte Pakistans erster öffentlich bestätigter Test von
       Atomwaffen.] Damals war die westliche Welt mit der heraufziehenden
       postkommunistischen Ära beschäftigt. Die Breaking-News-Meldung über einen
       Bombentest Pakistans fand wenig Rezeption. Dabei war die Geschichte der
       nuklearen Aufrüstung aus vielerlei Gründen pikant. [3][Auch weil Abdul
       Qadeer Khan] – jener pakistanische Nuklearingenieur, der zuvor Baupläne für
       Urananreicherungszentrifugen aus den Niederlanden entwendet hatte –
       [4][sein Wissen später den Teheraner Machthabern wohl für viel Geld zur
       Verfügung stellte].
       
       Seit jenen Tagen versuchen die iranischen Revolutionsgarden ebenfalls
       „unangreifbar“ zu werden. Ihre Pläne stießen in der Welt auf Widerstand.
       Dennoch blieben sie in all diesen Jahren hartnäckig, zielstrebig und
       unnachgiebig. Bis zum Krieg mit Israel und den USA 2025. Damals wurden die
       iranischen Atomanlagen weitgehend zerstört, viele Spitzengeneräle fanden
       den Tod. Der Krieg ab Ende Februar 2026 traf die Führungsriege der
       Islamischen Republik sogar noch härter. Unter denen, die übriggeblieben
       sind, wird nun gekämpft: [5][Darüber, wie es weitergehen soll]. Darüber,
       wer im Namen der Republik sprechen darf.
       
       ## Die Kämpfe in Teheran werden auch auf X ausgetragen
       
       Wer gegen wen kämpft und mit welchen Mitteln, zeigt sich etwa in den
       Mitteilungen, die Mitglieder des iranischen Führungssystems auf der
       Plattform X absetzen.
       
       Ein Beispiel: [6][Die Straße von Hormus, die Meerenge, die zwischen dem
       Persischen Golf und dem Golf von Oman liegt], scheint für Teheran derzeit
       eine Bedeutung zu haben wie einst das Atomprogramm. Mit ihr kann man auch
       die Welt, vor allem die USA, unter Druck setzen. Nach vielem Hin und Her
       setzte vor einigen Tagen der Außenminister [7][Abbas Araghtschi einen Post
       ab, in dem er die Straße von Hormus für frei erklärte.]
       
       Wenige Stunden später erschien ein anderer sensationeller Post eines
       Accounts namens „Anhänger von Dr. Said Dschalili“. Dschalili ist die
       wichtigste Galionsfigur der Radikalsten aller Radikalen. Der 61-Jährige,
       der mit sechzehn Jahren an der iranisch-irakischen Front kämpfte und dabei
       ein Bein verlor, hat in der islamischen Republik eine große Karriere
       hingelegt. [8][Der getötete oberste Führer Ali Chamenei] ließ ihm viel
       Freiheit. Er war Chameneis Büroleiter, Verhandler des Atomprogramms und bei
       der letzten Präsidentschaftswahl ein ernsthafter Konkurrent des derzeitigen
       Präsidenten Massud Peseschkian.
       
       Der Account schrieb: Wenn der Befehl zur Öffnung der Meerenge von der
       „Führung“ stamme, dann solle der Führer selbst – also [9][Mojtaba Chamenei,
       Sohn des getöteten Ali Chamenei] – das in einem Video oder Audiofile
       bestätigen. Wenn dies nicht geschehe, dann habe man es mit „Putschisten“ zu
       tun. ٍEin schwerer Vorwurf gegen [10][Araghtschi].
       
       ## Wer entscheidet denn nun?
       
       Und eine Sackgasse, für den Außenminister und [11][für Parlamentssprecher
       Mohammad Bagher Ghalibaf], die derzeit die Verhandlungen mit den USA
       führen. Den Vorwurf, Putschisten zu sein, könnten sie nur mit einem Video
       oder Auftritt des neuen Führers widerlegen. Aber wie? Mojtaba
       [12][Chamenei] meldet sich seit seiner Ernennung nur schriftlich zu Wort,
       es kursieren Gerüchte über seinen Gesundheitszustand: Er soll schwerst
       verletzt sein, im Koma liegen, vielleicht sogar bereits tot.
       
       Wie nuancenreich die Differenzen an der Spitze der islamischen Restrepublik
       sind, lässt sich auch an der Delegationsgröße ablesen: Ganze 71 Personen
       reisten für die jüngsten Verhandlungen mit den USA nach Pakistan.
       
       Während der bizarren Auseinandersetzung zwischen [13][Araghtschi] und
       Dschalili herrschte seitens des mächtigen nationalen Sicherheitsrats in
       Iran schweigen. Sprecher dieses Rats, der allen Entscheidungen in Teheran
       letztendlich zustimmen muss, ist Mohammad Bagher Zolghadr. Nach dem Tod von
       Ali Laridschani wurde er zum Sekretär des Rats ernannt. Zolghadr gehört wie
       Dschalili zu den harten Fundamentalisten. Zolghadr lebt dieser Tage wie
       viele andere der wahren Machthaber in einem Versteck. Auch von ihm ist
       jüngst kein Video übermittelt worden.
       
       Ghalibaf und [14][Araghtschi], können sich deshalb in der Öffentlichkeit
       zeigen, weil Donald Trump mit ihnen verhandeln will. Das scheint ihnen
       vorerst eine Art Immunität zu verschaffen. Auch sie waren
       Revolutionsgardisten der ersten Stunde, gehörten in „normalen“ Zeiten zu
       den Hardlinern.
       
       ## Die Diktatur der Revolutionsgarden
       
       Und Ghalibaf und [15][Araghtschi] sehen wohl im pakistanischen
       Feldmarschall Asim Munir ein Vorbild. [16][Die pakistanischen Militärs]
       führten ihre „Islamische Republik“ relativ erfolgreich durch Krisen und
       Kriege. Munir verkörpert das.
       
       Munir ignorierte Berichten zufolge während seines Aufenthalts in Iran
       vergangene Woche den Präsidenten Massud Peseschkian völlig. Er empfing
       ausschließlich Gardisten. Etwa General Ali Abdollahi, den Chef von Khatam
       al-Anbiya, des mächtigen Konglomerats aus Industrie, Rüstung und
       Dienstleitung unter Kontrolle der Garden.
       
       Die Islamische Republik Iran, wie sie bestand – mit einem Geistlichen an
       der Spitze, der eine Scharnierfunktion zwischen verschiedenen Flügeln hatte
       –, gehört wohl endgültig der Geschichte an. Aus ihr ist eine Diktatur der
       Revolutionsgarden geworden, die das Schicksal des Landes nach innen und
       außen bestimmen wollen.
       
       Und diese Garden, diese Junta, befindet sich nun in ihrer ersten großen
       Krise. Nach Außen hat sie bislang Schwierigkeiten, Einigkeit zu
       demonstrieren. Anders im Inneren, wo sie die Straßen fest unter ihrer
       Kontrolle halten.
       
       ## In den Straßen Irans patrouilliert das Regime
       
       Nach wochenlangen Bombardements durch die USA und Israel, nach Massentötung
       bei den Protesten im Januar, blicken die Iraner nun mit Angst in die
       Zukunft. [17][„Der Krieg wird enden, aber dann beginnen unsere wirklichen
       Probleme mit diesem System]“, sagte eine 37-jährige Iranerin der
       Nachrichtenagentur Reuters jüngst. Sie hatte an den Protesten im Januar
       teilgenommen. Jetzt sagt sie: „Ich habe große Angst, dass das Regime, wenn
       es eine Einigung mit den Vereinigten Staaten erzielt, den Druck auf die
       einfachen Menschen erhöhen wird.“
       
       Manche Straßenzüge in Teheran und anderen Großstädten wirken heute, als
       herrsche bereits Bürgerkrieg: [18][Überall patrouilliert die den
       Revolutionsgarden unterstellte Basidsch-Miliz], überall befinden sich
       Kontrollposten. Nacht für Nacht marschieren die Bewaffneten schreiend durch
       die Gassen. In der Außenpolitik knirscht es noch zwischen den Lagern. In
       der Innenpolitik sind die Würfel bereits gefallen.
       
       20 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
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