# taz.de -- Berliner Grünen-Landesparteitag: Doch kein Superlativ
> Die Grünen wollten ihre Kandidaten zur Abgeordnetenhauswahl direkt von
> den Mitgliedern bestimmen lassen. Doch von denen kommen zu wenige zum
> Parteitag, um einen Weltrekord zu erzielen.
(IMG) Bild: Ex-Bundesparteichefin und Neu-Halbmarathonläuferin Ricarda Lang sorgte fürs emotionale Warm-up beim Grünen-Landesparteitag
„Gleich geht's los“, steht auf zwei großen Videowänden links und rechts der
Parteitagsbühne. Aber das ist jetzt schon länger so. Bereits seit über
einer halben Stunde sollte zwischen diesen Wänden die frühere
Grünen-Bundeschefin Ricarda Lang stehen und reden. Ist aber nicht so, weil
am Eingang zum weitläufigen Veranstaltungsbereich des Estrel-Hotels in
Neukölln noch immer Grünen-Mitglieder anstehen, um sich für die Teilnahme
zu registrieren.
Das hat seinen Grund: Wo sonst nur rund 180 Delegierte plus Gäste
zusammenkommen, haben die Berliner Grünen eine Art Weltrekordversuch
gestartet: Die Kandidatenliste für die Abgeordnetenhauswahl am 20.
September sollen eben nicht nur Parteifunktionäre wählen können, sondern
alle, die zum Berliner Landesverband gehören. Damit diese
Mitgliederversammlung beschlussfähig ist, müssen 15 Prozent der auf rund
18.000 gewachsenen Mitgliedschaft im Saal sein, fast 2.700. Doch zu groß
ist offenbar die Konkurrenz gewesen durch den laut Wetterbericht bislang
sonnigsten Tag des Jahres und eine Großdemonstration für erneuerbare
Energien.
Inzwischen steht die Frau am Rednerpunkt, die auf dem Videoschirm als
Mitglied des Kreisverbands Schwäbisch Gmünd ausgewiesen ist: Ricarda Lang.
Die hat [1][schon früher mal bei einem Parteitag der Berliner Grünen]
geredet. Aber da war sie noch Grünen-Bundesvorsitzende, [2][40 Kilo
schwerer], hatte noch keinen Bachelor-Abschluss und nicht [3][einen
Halbmarathon] schneller [4][als CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann]
gelaufen. Lang selbst hat der BILD-Zeitung gesagt, sie freue sich, wenn
andere ihre schlankere Erscheinung bemerken und das sagen. Im Berliner
Abgeordnetenhaus, wo die Grünen nach der Wahl das Sagen haben wollen, war
sie zu Studienzeiten Mitarbeiterin.
Jetzt ist sie formal nur Bundestagsabgeordnete, aber merklich mit einer
zweiten Führungskarriere vor sich. Im Parteitagssaal macht sie genau den
Job, den sich der Landesvorstand von ihr erwartete und für den sie sich
selbst anbot: Sie sorgt für Stimmung schon am frühen Vormittag in dem nicht
gerade heimeligen Saal. Etwa indem sie sagt, sie möge gar nicht – wie es
Unionspolitiker beim früheren Grünen-Amtsinhaber Robert Habeck machten –
Katherina Reiche als schlechteste Wirtschaftsministerin bezeichnen, sondern
als erfolgreichste Gaslobbyistin in der schlechtesten Bundesregierung aller
Zeiten.
## Unterstützung für andere wahlkämpfende Grünen-Verbände
Der Parteitag ist auch eine Art Soli-Event für die beiden weiteren
Landtagswahlen im Herbst. Am 6. September in Sachsen-Anhalt und zeitgleich
mit der Berliner Wahl am 20. September in Mecklenburg-Vorpommern ringen die
dortigen Grünen ums politische Überleben und den Verbleib im Parlament. Bei
3 bis 4 Prozent liegt die Partei im selbsterklärten Land der Frühaufsteher,
bei 4 bis 5 zwischen Uckermark und Ostseeküste. Im Foyer des Parteitags
sind beide Landesverbände vertreten und werben nach Kräften um
Unterstützung – selbst Adventskalender sind unter den Werbegeschenken.
Folgt man dem Berliner Landesvorstand, werden sich in den nächsten Monaten
viele hiesige Grüne auf den Weg machen, um ihre Parteifreunde in den
Landtagen in Schwerin und Magdeburg zu halten.
In der Hauptsache aber geht es an diesem Samstag und auch noch am Sonntag
darum, die Landesliste der Partei für die Abgeordnetenhauswahl
aufzustellen. Über sie besetzen die Grünen jene Parlamentssitze, die ihnen
über die gewonnenen Wahlkreissitze hinaus zustehen. Außerdem rücken über
diese Liste Bewerber nach, wenn Abgeordnete ihr Mandat niederlegen. Das
könnte insbesondere passieren, wenn die Grünen nach der Wahl wie schon von
2016 bis 2023 mitregieren würden: Senatsmitglieder der Partei sind
gehalten, ihre Abgeordnetenhaussitze abzugeben, bei [5][Staatssekretären
ist das laut Landeswahlgesetz] sogar zwingend so.
Mit den 18,4 Prozent bei der Wahl 2023 holten die Grünen 34 Sitze, von
denen 20 durch Wahlkreissiege und nicht über die Liste besetzt wurden. In
der jüngsten Umfrage kamen sie auf 15 Prozent. Die Liste, die an diesem
Wochenende gefüllt wird, soll fünfzig Namen enthalten. Anders als bei
früheren Listenaufstellungen war zuvor wenig von Kampfkandidaturen zu
hören.
Offenbar stimmte man sich zwischen den unterschiedlichen Lagern der Partei
weitgehend ab, was dem erklärten Ziel entsprechen würde, nicht als
zerstrittener Verband, sondern als breit aufgestellte Partei dazustehen.
[6][Im taz-Interview] lobte der schon im Juli 2025 ausgerufene
Spitzenkandidat Werner Graf die erfolgreiche Strategie beim
Landtagswahlkampf in Baden-Württemberg: „Wir haben es geschafft, unsere
ganze Vielfalt als Partei komplett auszuspielen“ – vom grün-konservativen
Wahlsieger Cem Özdemir [7][bis zur Parteilinken Ricarda Lang, die im Ländle
zahlreiche Auftritte absolviert hatte].
Auf der Kandidatenliste steht Graf allerdings, obwohl er für die Grünen den
CDU-Mann Kai Wegner als Regierungschef ablösen soll, nur auf Platz 2:
Ungerade Listenplätze sind bei den Berliner Grünen für Frauen reserviert.
Nummer 1 wird darum Bettina Jarasch, die mit Graf zusammen seit 2023 die
Abgeordnetenhausfraktion anführt.
## Kandidatin beklagt „ausgebliebene Unterstützung“
Für Aufsehen gesorgt hatte im Vorfeld eine Kandidaturankündigung für
Listenplatz drei. Gülşah Bayar, [8][die Antidiskriminierungsbeauftragte des
Landesverbands], hatte jüngst öffentlich gemacht, dass sie sich nach einer
Vergewaltigung mehr Unterstützung von ihrer Partei gewünscht hätte. Ihr
Fall machte bundesweit Schlagzeilen und füllte noch vor einer Woche die
Seite 3 der Süddeutschen Zeitung.
Ihre Gegenkandidatin ist ausgerechnet eine Frau, die seit langem Feminismus
als eines ihrer Kernthemen nennt und die nun nach zehn Jahren als
Bezirksverordnete in Lichtenberg ins Abgeordnetenhaus möchte. Daniela
Ehlers verspricht in ihrer Bewerbungsrede unter anderem, sich für
Plattenbewohner und ihre Innenhöfe einzusetzen und sich Spekulanten zu
widersetzen.
Bayar sagt, sie habe schon vor zwei Jahren geplant, beim Parteitag eine
Rede zu halten, in der sie als Beamtin die Schwächen der Verwaltung
aufzeigt. Jetzt sei sie selbst hier als Opfer eines Systems mit zu langen
Wartezeiten, zu wenig Hilfen oder Therapieplätzen. Bayar wird nicht
konkreter, was sie sich dabei vom Landesvorstand erwartet hätte. Sie stehe
nicht wegen, sondern trotz „ausgebliebener Unterstützung“ mit ihrer
Bewerbung vor den Mitgliedern, sagt sie. Sie bitte um Stimmen, damit aus
der oft gehörten Aussage „Es reicht“ ein „Wir handeln“ werde.
Anschließen mag sich ihrer Bitte kaum jeder und jede Achte im Saal. Ehlers
setzt sich klar mit über 80 Prozent der Stimmen durch. Bayar zeigt sich
anschließend der taz gegenüber gefasst und kündigt an, nicht noch für einen
anderen Listenplatz anzutreten. Die klare Niederlage soll auch nicht dazu
führen, dass sie die Partei verlässt. Bayar will bei den Grünen bleiben und
dort darauf drängen, den Umgang der Partei mit ihr weiter aufzuarbeiten.
Sie habe schon Schlimmeres erlebt, sagt sie der taz zu der Niederlage, und
das meine sie nicht politisch.
## Parteichef Ghirmai künftig im Parlament
Auf die nächsten Plätze werden bekannte Gesichter gewählt wie die frühere
Fraktionschefin Silke Gebel oder die Sportpolitikerin Klara Schedlich. Bei
ihr, die sich erneut klar gegen eine Olympia-Bewerbung wendet, taucht unter
den Fragen zu ihrer Bewerbung die Bitte auf, ein paar Lockerungsübungen für
den Parteitag anzuleiten. Schedlich hatte damit schon einen Parteitag im
November begeistert und kommt dem gerne nach.
Künftig auch Teil der Fraktion wird der jetzige Landesvorsitzende Philmon
Ghirmai – auf Platz 6 der Liste kann er sicher sein, selbst ohne
Wahlkreissieg ins Parlament zu kommen. Das Wahlergebnis am 20. September
kann sowohl Empfehlung wie Gegenargument sein, wenn Ghirmai auch in der
Fraktion die Führung anstrebt: Für den Wahlkampf ist schließlich die
Landesspitze zuständig und damit er mit seiner Co-Vorsitzenden Nina Stahr.
Die komplette Liste wollen die Grünen bis Sonntagabend beschließen.
18 Apr 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Landesparteitag-der-Berliner-Gruenen/!5978830
(DIR) [2] https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/ernahrung-ricarda-lang-verrat-wie-sie-40-kilo-abgenommen-hat-14670380.html
(DIR) [3] https://www.marathon-hannover.de/ergebnisse-1/2026.html#5_06DA2E
(DIR) [4] https://www.generali-berliner-halbmarathon.de/das-rennen/ergebnisse
(DIR) [5] https://www.parlament-berlin.de/Lexikon/inkompatibilitat#:~:text=Die%20Inkompatibilit%C3%A4t%20bezeichnet%20die%20Unvereinbarkeit%20von%20Amt,Dienstverh%C3%A4ltnis%20ruhen%20f%C3%BCr%20die%20Dauer%20der%20Mitgliedschaft.
(DIR) [6] /Werner-Graf-ueber-den-Gruenen-Wahlkampf/!6169576
(DIR) [7] /Landtagswahl-in-Baden-Wuerttemberg/!6154429
(DIR) [8] https://gruene.berlin/ueber-uns/kontakt-service/beschwerdestrukturen
## AUTOREN
(DIR) Stefan Alberti
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