# taz.de -- Homophobie in Russland: Sogar Familien zeigen queere Verwandte an
       
       > Anfangs war Online-Dating für queere Menschen in Russland vergleichsweise
       > sicher. Neue Gesetze befeuern jedoch Hetze und Denunziation, bis hin zu
       > offener Gewalt.
       
 (IMG) Bild: Die aktive Verfolgung von queeren Menschen in Russland nimmt eine neue Dimension an
       
       Die taz präsentiert unter [1][taz.de/unserfenster] jeden Mittwoch eine
       wöchentliche Auswahl aktueller Berichte aus russischen kritischen Medien.
       Mit diesem Projekt stärkt die taz panterstiftung unabhängigen Journalismus
       und ermöglicht es kritischen Redaktionen, ihre Arbeit auch unter
       schwierigen Bedingungen fortzuführen.
       
       [2][DOXA] öffnet mit dem folgenden Beitrag ein Fenster nach Russland. Die
       gesamte Recherche [3][ist hier auf Russisch verfügbar].
       
       In Russland leben mehrere Millionen queere Menschen. Für viele von ihnen
       ist das Internet oft der einzige Ort, um andere kennenzulernen. Doch in den
       letzten zehn Jahren ist dieser Raum für sie immer gefährlicher geworden.
       
       Anfang der 2010er Jahre erlebte Online-Dating in Russland noch einen
       Aufschwung. Plattformen wie Grindr, Hornet oder Tinder ermöglichten es
       queeren Menschen, offener über ihre Identität zu sprechen und Kontakte zu
       knüpfen. Gerade weil Begegnungen im öffentlichen Raum oft mit Risiken
       verbunden waren, bot das Internet vergleichsweise viel Schutz.
       
       Dieser Freiraum schrumpfte jedoch schrittweise. 2013 verabschiedete
       Russland ein Gesetz gegen angebliche „LGBT-Propaganda“ gegenüber
       Minderjährigen. 2017 folgten die „tschetschenischen Säuberungsaktionen“,
       bei denen Hunderte Menschen festgenommen, gefoltert oder getötet wurden.
       Der tschetschenische Präsident Ramzan Kadyrow leugnete damals sogar die
       Existenz von Homosexuellen. Dennoch wurde Tschetschenien lange als Ausnahme
       betrachtet – als regionales Problem, das die großen Städte nicht betreffe.
       
       2020 wurde die Verfassung geändert und die Ehe ausdrücklich als Verbindung
       zwischen Mann und Frau definiert. Mit Beginn der [4][russischen
       Vollinvasion in der Ukraine] zogen sich internationale Plattformen wie
       Badoo, Bumble und später auch Tinder aus Russland zurück.
       
       ## LGBTQ als „extremistische Organisation“ eingestuft
       
       Im Dezember 2022 weitete ein neues Gesetz das Verbot von „LGBT-Propaganda“
       auf alle Altersgruppen aus. Den entscheidenden Einschnitt markierte jedoch
       der 30. November 2023: An diesem Tag stufte der Oberste Gerichtshof die
       „internationale LGBT-Bewegung“ als extremistische Organisation ein. Seitdem
       hat sich die Lage für queere Menschen weiterverschärft – mit Folgen, die
       über gesellschaftliche Ausgrenzung hinausgehen und bis zu Gewalt und
       tödlichen Übergriffen reichen.
       
       Besonders deutlich zeigen sich die Auswirkungen im digitalen Raum. Laut der
       LGBTQIA-Organisation „Wychod“ (übersetzt: Ausgang) wurden im Jahr 2025
       mindestens 37 Fälle von Erpressung sowie circa 300 Verstöße gegen die
       Privatsphäre dokumentiert. Trotz dieser Zahlen wurde offenbar nur in einem
       einzigen Fall ein Strafverfahren eingeleitet.
       
       Gleichzeitig haben sich die Bedrohungsmuster verändert. Sogenannte
       Lockvogel-Dates – fingierte Treffen, bei denen Menschen gezielt in Fallen
       gelockt werden – [5][und Erpressung] verlagern sich zunehmend ins Internet.
       Täter drohen nicht mehr nur mit einem Outing, sondern auch mit
       Strafanzeigen wegen „Extremismus“ oder der Verbreitung von Pornografie,
       etwa im Zusammenhang mit privaten Bildern. Für Betroffene entsteht so eine
       besonders prekäre Situation: Gegen Online-Erpressung gibt es faktisch
       keinen wirksamen rechtlichen Schutz.
       
       ## Hetze auch auf Telegram
       
       Hinzu kommt eine neue Form digitaler Gewalt. In der Gay-Dating-Szene
       entstehen Gruppen, in denen ohne Zustimmung Fotos von Menschen
       veröffentlicht werden. DOXA identifizierte eine solche Gruppe mit mehr als
       1.600 Mitgliedern. Dort kursieren Aufnahmen von Unbekannten – fotografiert
       in Umkleidekabinen, in der Metro oder auf offener Straße.
       
       Auf dem Messengerdienst Telegram entstehen zudem anonyme Dating-Communitys,
       in denen sich Nutzer gegenseitig vor Betrügern und Gewalttätern warnen
       wollen. Doch statt verlässlichen Schutz zu bieten, entwickeln sich auch
       diese Räume häufig zu Plattformen öffentlicher Anprangerung und Hetze.
       
       Maxim ist Administrator eines größeren Dating-Chats in Sankt Petersburg mit
       mehr als tausend Mitgliedern. In zehn Jahren Erfahrung mit Online-Dating
       hat er beobachtet, mit welchen Risiken die Nutzer konfrontiert sind. Eine
       dieser Gefahren sei das Kopieren von Chats: Betrüger erstellen identische
       Gruppen, um Nutzer zu täuschen. Maxim berichtet von einem Fall, in dem ein
       Mann seinen Chat kopierte, um gezielt nach Jugendlichen unter 15 Jahren zu
       suchen.
       
       Zugleich werden staatliche Repressionsinstrumente zunehmend ins Private
       getragen. Drohungen mit Anzeigen wegen „Propaganda“ oder „Extremismus“
       werden laut „Wychod“ heute am Arbeitsplatz, in Bildungseinrichtungen und
       sogar innerhalb von Familien eingesetzt. Selbst persönliche Fotos – etwa
       von Küssen oder Umarmungen – können von Behörden als „Propaganda“ gewertet
       werden. Besonders häufig greifen Angehörige zu diesem Mittel, um
       Beziehungen zu unterbinden, die sie ablehnen.
       
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       15 Apr 2026
       
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