# taz.de -- Komödie „Normal“ mit Bob Odenkirk: Kugelhagel im Schnee
       
       > Die Actionkomödie „Normal“ von Ben Wheatley bietet eine Paraderolle für
       > Hauptdarsteller Bob Odenkirk. Klischees umschiffen Regie und Drehbuch
       > geschickt.
       
 (IMG) Bild: In „Normal“ bekommt es Sheriff Ulysses (Bob Odenkirk) mit einer heftigen Lage zu tun
       
       Nach einem fehlgeschlagenen Auftrag vor die Wahl gestellt, einen Teil eines
       Fingers zu verlieren oder den Kopf, entscheiden sich immerhin zwei von drei
       Yakuzas für den Finger. Der dritte täuscht nur an und wird vom Chef prompt
       mit einem Schwert geköpft. Danach werden die beiden Gangster strafversetzt,
       mitten hinein in die Handlung von Ben Wheatleys neuem Film, nach Normal,
       einer dauerverschneiten Kleinstadt in Minnesota.
       
       Genau dorthin, wo Ulysses Richardson (Bob Odenkirk) nach einem
       Karriereknick als temporärer Sheriff seinen Dienst tut, mit dem Vorsatz,
       die Stadt „genauso zu verlassen, wie er sie vorgefunden hat“. Doch Normal,
       das wird bei [1][Ben Wheatley] niemanden wundern, wird sich als Stadt schon
       bald als nicht ganz so normal und piefig erweisen. Und die Vorliebe des
       Regisseurs für Genrefilme ist ohnehin schon in der Eröffnungsszene mit den
       Yakuzas nicht zu übersehen.
       
       Das Drehbuch von Derek Kolstad und [2][Bob Odenkirk] entwirft das Setting
       mit viel Sinn für Details, was Wheatley in der Inszenierung mit großer
       Leichtigkeit aufgreift. Im Großen sind das scheinbar bekannte Bilder:
       pittoreske Schneelandschaften, Kleinstadtidylle und das abgehalfterte
       Hotel, in dem Richardson abgestiegen ist, im Kleinen die knatschende
       Lederjacke von Mike Nelson, dem etwas schlichten Polizisten, mit dem
       Richardson Streife fährt, und eine ganze Bandbreite von Bewohner*innen
       (streitlustige Kunden des Heimwerkermarktes, abgebrühte Angestellte im
       Eiscafé und ein eitler Bürgermeister).
       
       Die heile Kleinstadtfassade bekommt erste Risse, als Richardson versucht,
       die Umstände zu verstehen, unter denen sein Vorgänger umgekommen ist.
       Endgültig bricht sie zusammen, als es zu einem Überfall auf die Bank kommt.
       Richardson findet sich in einem Kugelhagel wieder, der die Dimensionen
       selbst einer US-Kleinstadt übersteigt.
       
       ## Mut zu eigenen Akzenten
       
       „Normal“ geht auf eine Drehbuchskizze von Derek Kolstad zurück, noch bevor
       dieser mit Odenkirk bei „Nobody“ (2021) zusammenarbeitete. Odenkirks Rolle
       als Sheriff hat denn auch große Ähnlichkeiten mit dem unverhofft in sein
       Leben als Auftragskiller zurückgekehrten Familienvater in den inzwischen
       zwei „Nobody“-Filmen.
       
       Nach der erfolgreichen Zusammenarbeit arbeiteten die beiden an dem Drehbuch
       weiter. Bekannt wurde Kolstad vor allem dadurch, dass er die Figur des
       Auftragskillers John Wick erschuf und das Drehbuch zu den ersten beiden
       Filmen der Reihe schrieb. In der Mischung aus Genreinstinkt und Humor
       ergänzen sich das Drehbuch und die Regievorlieben Wheatleys trefflich.
       
       Zugleich umschifft „Normal“ in Drehbuch und Inszenierung diverse Klischees,
       die Actionkomödien nicht selten zu einem Refugium reaktionären Humors
       machen, und setzt stattdessen andere Akzente: Alex (Jess McLeod), das
       erwachsene Kind von Richardsons Vorgänger als Sheriff, wird sehr beiläufig
       als nonbinär eingeführt. Richardson telefoniert seiner Frau hinterher, die
       seit dem Zwischenfall, der ihn zu einer Kaskade von temporären Sheriffjobs
       verdammt hat, nicht mehr mit ihm redet. Er spricht ihr Nachricht über
       Nachricht auf die Mailbox, ohne in Selbstmitleid zu zerfließen.
       
       Ein einziges Mal erlaubt sich Wheatley unübersehbare Tendenzen zum
       Dude-Kino: Eine Schießerei im letzten Drittel von „Normal“, mit Musik
       unterlegt und in der Montage stark zergliedert, erinnert arg an
       vergleichbare Szenen aus seinen früheren [3][Filmen, etwa jene in einer
       Garage in „Free Fire“ (2016)].
       
       Doch jenseits solcher kurzen Momente ist „Normal“ mit seiner gradlinigen
       Dramaturgie und einer Inszenierung mit Sinn für Details, die sich
       gleichzeitig nie verzettelt, beeindruckend unterhaltsam. Ben Wheatleys
       neuer Film versucht an keiner Stelle Komplexität zu suggerieren, ist bis in
       die Nebenrollen gut besetzt (Lena Headey etwa spielt mit der Barkeeperin
       Moira eine schöne Nebenrolle) und ebenso humorvoll wie temporeich. „Normal“
       ist großes, sorgloses Kinovergnügen.
       
       16 Apr 2026
       
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