# taz.de -- Anschlag auf israelisches Restaurant: Worüber man mittlerweile froh sein muss
       
       > Diese Kolumne fängt heiter an. Leider bleibt es nicht dabei. Denn wir
       > sind mitten drin: in einer neuen Realität, die Sicherheit nicht mehr
       > kennt.
       
 (IMG) Bild: Das israelische Restaurant Eclipse in München am 10. April
       
       Diese Woche war ich auf einem Punkkonzert, und es war großartig. Während
       die Menge [1][„Ganz Berlin hasst die Bundeswehr“] grölte, nippte ich am
       Seitenrand an meinem Bier und dachte daran, wie befreiend es sein kann,
       nicht dazuzugehören. Nicht im rebellischen Sinne oder als Pose, sondern als
       stilles Wissen, dass all das hier zu hundert Prozent nicht die eigene
       Lebensrealität ist.
       
       Die junge Punkband aus Österreich sang von Dingen, von denen junge
       Punkbands eben so singen: Faschos, Bierflaschen, die Freiheit, nicht zu
       wissen, welcher Wochentag ist, das eigene Bett. Für einen Abend gelingt es
       ganz gut, sich in diese andere Wirklichkeit hineinzudenken. Auch, weil es
       so unglaublich unterhaltsam ist.
       
       Ich selbst war nie Punk. Dafür war ich zu brav, zu ängstlich und, um
       ehrlich zu sein, zu sehr eingeschüchtert von der Strenge meiner
       osteuropäischen Mutter, deren Ausläufer sowjetischer Kindererziehung mir
       genug Respekt oder Angst beigebracht haben, um mir Rebellion eher
       theoretisch vorzustellen.
       
       Aber dies ist keine Kolumne über Jugendphasen. Während ich da also stand
       und in die Menge blickte, dachte ich plötzlich an München. An das
       israelische Restaurant „Eclipse“, [2][auf das vor Kurzem ein
       Sprengstoffanschlag verübt wurde.] Ja, wie kommt man von warmem Bier auf so
       etwas?
       
       ## Der Anschlag in München war kein Zufall
       
       Nun, es gibt Menschen, für die „nicht dazugehören“ keine ästhetische
       Entscheidung ist, keine Rebellion gegen gesellschaftliche Normen, sondern
       eine Zuschreibung. Eine Gefahr.
       
       Der Anschlag in München war kein Zufall, kein eskalierter Streit, keine
       spontane Tat. Jemand entschied sich bewusst, einen Ort anzugreifen, der
       sichtbar jüdisch und israelisch ist. Ermittler prüfen ein mögliches
       Bekennervideo einer neuen proiranischen Gruppierung. In einem Text dort
       heißt es: „Es hätte am Tag passieren können und die Zionisten wären dabei
       getötet worden.“ Antisemitismus ist nicht nur Hass. Zu Ende gedacht ist er
       tödlich.
       
       Nach solchen Anschlägen hört man dann oft Sätze, die für mich jedes Mal
       merkwürdig klingen: dass jüdisches Leben Teil dieser Stadt ist. Dass man
       dazugehört. Dass man bleiben will. „Wir sind Münchner, wir gehören zur
       Mitte der Gesellschaft. Ich bin deutscher Staatsbürger und bin mir sicher,
       dass der Großteil der Münchner hinter uns steht“, sagte [3][Grigori Dratva,
       Geschäftsführer von „Eclipse“, in der <i>Jüdischen Allgemeinen.</i>]
       
       Man kann ihm dafür keinen Vorwurf machen. Im Gegenteil: Es sind richtige,
       notwendige Sätze. Genau darin liegt das Problem. Dass sie notwendig sind.
       Dass Menschen in die Situation gebracht werden zu betonen, dass sie
       dazugehören. Dass sie bleiben wollen. Weil der eigene Platz nicht nur
       infrage gestellt, sondern buchstäblich angegriffen wird.
       
       Die Frage nach Zugehörigkeit ist für viele Juden in diesem Land eng an das
       Thema Sicherheit geknüpft. An Polizeiwagen vor Schulen, vor Gemeinden, vor
       Veranstaltungen. Das Verhältnis zu diesen Sicherheitsbehörden ist dabei,
       vorsichtig gesagt, kein einfaches. Man kennt die Berichte über
       rechtsextreme Chatgruppen, [4][über Antisemitismus in Strukturen der
       Polizei –] und weiß gleichzeitig: Ohne sie geht es nicht.
       
       Anschläge, antisemitische Schmierereien, Morddrohungen, Boykotte: In der
       Süddeutschen Zeitung las ich neulich dazu, da verschiebe sich etwas. Es war
       die Rede von einer neuen Normalität, die entsteht. Ich habe lange über
       diesen Text nachgedacht. Ich stimmte in vielem überein, nur in einem Punkt
       nicht: Es ist längst verschoben. Vielleicht fällt es nur gerade mehr
       Menschen auf.
       
       Draußen vor dem Konzert traf ich später einen Bekannten. Er sagte, es habe
       ihm gefallen. „Keine Pali-Rufe oder Flaggen“, meinte er, da müsse man ja
       mittlerweile froh sein.
       
       Ja, dachte ich. Muss man wohl.
       
       24 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) [4] /Lagebericht-des-Verfassungsschutzes/!6130361
       
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