# taz.de -- Nationaltheater Mannheim Maria Lazar: Britney, one more time!
> Das Nationaltheater Mannheim bringt Maria Lazars Roman „Veritas verhext
> die Stadt“ auf die Bühne. Das Stück analysiert die Folgen von Fakes und
> Verleumdungen.
(IMG) Bild: Die digitalen Sphären schaffen Scheinrealitäten und drohen die eigentliche zu ersetzen – Szenenbild aus Mannheim
Wie ein Geschwür breitet es sich aus und bildet Metastasen: das Gerücht,
das sukzessive unsere Gewissheiten infrage zu stellen vermag. Schon lange
vor viralen Fake News hat die 1948 in Stockholm gestorbene österreichische
Autorin Maria Lazar seine zerstörerische Macht in ihrem Roman „Veritas
verhext die Stadt“ beschrieben.
Die Stimmung scheint darin von Anfang an vergiftet. Von einem „Himmel“ ist
die Rede, der an rotes, „hypermangansaures Kali [erinnert], wenn man zu
viel davon in Gurgelwasser tut“. Dass Übles in der Luft liegt, geht auf
anonyme Briefe zurück, die die titelgebende, mysteriöse Figur des Romans an
die Bewohner:innen Kopenhagens verschickt. Sie enthalten allerlei
kompromittierende Informationen oder auch Lügen.
Ein Arzt sieht sich in seinen pädophilen Neigungen ertappt, einer Frau wird
eine außereheliche Beziehung und Schwangerschaft nachgesagt. Wieder andere
werden beschuldigt, ihr Kind vergiftet zu haben. Nachdem eine Frau ob
dieser Offenbarungen vor Schreck stirbt, macht sich Panik breit.
Die Fama regiert und entfacht eine Hexenjagd auf die mögliche Verfasserin
der Schmähschriften. Mit fatalen Folgen, denn eine weitere Bewohnerin der
Stadt verliert im Zuge dessen ihr Leben.
## Zugang zur Wahrheit verweigert
Sicher erweist sich nicht allein die Story des 1931 veröffentlichten Textes
als brisant. Die Form dafür umso mehr, entwirft die erst spät
wiederentdeckte Autorin doch darin ein multiperspektivisches Spiel. Ähnlich
der „Truman Show“ springt ihr Erzähler von einem olympischen Standpunkt aus
abwechselnd in das Bewusstsein ihrer Protagonist:innen. Gebunden an diese
subjektiven Perspektiven, wird uns der Zugang zur Wahrheit verweigert.
Verstärkend kommt hier die Geschwätzigkeit als ästhetisches Prinzip hinzu.
Immer wieder schweift die Geschichte ab. Redewendungen, Phrasen und
dialektale Wendungen blasen die Sprache förmlich auf – dem Textdesign wohnt
damit das anwachsende Gerücht inne. Aber, taugt diese komplexe Struktur
ebenfalls für die Inszenierung auf der Bühne?
[1][Am Nationaltheater Mannheim] hat sich nun Katharina Kohler an das mit
seinen zahlreichen Namen und Abzweigungen herausfordernde Werk herangewagt.
Natürlich in modernisierter Aufmachung.
Statt Briefe werden jetzt vor allem Posts und Handynachrichten
herumgeschickt. Da die mal entlarvenden, mal falschen Behauptungen schon in
der ursprünglichen Geschichte eine ganz eigene Wirklichkeit erzeugen, hat
sich die Regie in der ersten Hälfte für einen durchsichtigen Vorhang vor
dem Schauplatz des Geschehens entschieden.
## Collien Fernandes oder Jeffrey Epstein
Im Laufe des Abends lesen wir darauf Sprüche wie „What a bitch. Schlampe“
oder blicken auf gleich drei projizierte Insta-Timelines mit Meldungen zu
Collien Fernandes oder Jeffrey Epstein. Derweil vollführen die
Darsteller:innen (u. a. Sarah Zastrau, Paul Simon, Maria Munkert)
dahinter, insbesondere zwischen den Szenen kantige, touretteartige
Bewegungen aus, ganz so, als würden sie – vom Sog der Gerüchte –
mitgerissen oder fremdbestimmt.
„Wenn einer mal den Verdacht auf sich hat“, so hören wir, „das klebt fest
[…] wie Pech.“ Es verschiebt die Koordinaten dessen, was als zweifelsfrei
gelten kann. Kohler hat daher auch mehrere Zerrspiegel im Bühnenbild
(Kulisse: Jodie Fox) positioniert. Die Protagonist:innen wirken darauf
dick und unförmig, entsprechen eben nicht ihrer objektiven Statur.
Obgleich die Regisseurin auf eine plakative Aktualisierung verzichtet,
macht sie mit derlei Requisiten ihre Medienkritik deutlich. Allen voran die
digitalen Sphären schaffen ganz im Sinne des französischen
Poststrukturalisten Jean Baudrillard Scheinrealitäten. Sie drohen die
eigentliche zu ersetzen, wenn etwa einmal die KI Grok gebeten wird, eine
der Figuren doch mal im Bikini oder gar nackt zu zeigen.
Zum einen greift die Inszenierung die Folgen eines aller Moral beraubten
Netzes auf, in dem Menschen zum pornografischen Material verkommen, zum
anderen zeigt es die Effekte von Hetzkampagnen. Letzteres ist durchaus auch
mit Blick auf den Roman kein unheikles Thema.
## Jörg Kachelmann oder Kevin Spacey
Woran wir heute denken, sind nicht zuletzt öffentliche Vorwürfe gegen
männliche Prominente wie Jörg Kachelmann oder Kevin Spacey wegen sexueller
Übergriffe. Viele stimmen, manche haben sich im Nachhinein als zumindest
nicht eindeutig evident herausgestellt (und Lebensläufe schwer beschädigt).
Dieser Gemengelage steht ein literarischer Entwurf mit markant
feministischer Handschrift gegenüber, handelt es sich bei den Todesopfern
doch durchweg um Frauen. Eine davon die Köchin Jeannette, in der die
meisten Bewohner:innen ein Lästermaul sahen und somit sogleich die
Verfasserin der Briefe identifizieren wollten.
Dabei lässt uns Lazar über die Urheberschaft der Briefe bis zum Schluss im
Unklaren. Genauso wie Kohler. Sie hebt keine:n exklusiv hervor. Ihr
Ensemble spricht häufig im Chor. Jede:r nimmt verschiedene Rollen an, und
alle sprechen sie hin und wieder durch Öffnungen im Bühnenbild.
Jenseits des Vorhangs schauen wir auf zwei halbrunde, verrückbare Wände mit
Rissen und Löchern, durch die die Spieler:innen ihre Köpfe stecken. Der
innere Kreis dient als Interieur, der äußere als Hausfassade. Passend muten
ebenfalls die Kostüme an. Mehrfach treten die Figuren in beigegrauen
Trenchcoats zum Tuscheln zusammen und erinnern an anonyme Spitzel.
Wer weiß, dass [2][die 1895 in Wien geborene Schriftstellerin vor den Nazis
ins Exil] floh und zuvor schmerzlich die Auswirkungen der Zensur erfahren
musste, kann erahnen, welch ernste Bewandtnis „Veritas verhext die Stadt“
zugrunde liegt.
## „Baby One More Time“
Nichtsdestotrotz spart sie nicht an Komik und typisch österreichischer
Ironie. Kohlers so kluge wie beschwingte Inszenierung greift die situative
Leichtigkeit gekonnt auf, indem sie zum Beispiel eine ihrer
Darsteller:innen herrlich Britney Spears’ „Baby One More Time“
vorsingen lässt. Ja, diesen einen Schlag, den sich die Sängerin wünscht, um
sich zu spüren, er täte so gut. Könnte er doch einfach die verschüttete
Wahrheit ans Tageslicht bringen und überhaupt alle Lügen aus der Welt
räumen.
Aber das wäre dann eben doch ein wenig zu banal für diesen vielschichtigen
Abend.
28 Apr 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.nationaltheater-mannheim.de/spielplan/a-z/veritas-eine-hexenjagd/
(DIR) [2] /Wiederentdeckung-der-Autorin-Maria-Lazar/!5930892
## AUTOREN
(DIR) Björn Hayer
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