# taz.de -- Übersetzerin über literarische Texte: „Leichte Sprache verändert Ästhetik auf der Bühne“
       
       > Anne Leichtfuß hat die antike Tragödie „Antigone“ in Leichte Sprache
       > übersetzt. Sowas verändert den demokratischen Diskurs, sagt die
       > Übersetzerin.
       
 (IMG) Bild: Kurze, prägnante Sätze: Johanna Kappauf als Antigone in der Version der Münchner Kammerspiele im Jahr 2023
       
       taz: Frau Leichtfuß, Sie haben „Antigone“ für eine Inszenierung der
       Münchner Kammerspiele in Leichte Sprache übersetzt. Wie haben Sie das
       gemacht? 
       
       [1][Anne Leichtfuß]: Die Übersetzung von einem literarischen Text in
       Leichter Sprache funktioniert ja ganz anders als die Übersetzung von einem
       Gebrauchstext. Ich habe noch vor meiner Textarbeit Menschen aus der
       Zielgruppe zusammengeholt und wir haben über das grundsätzliche Setting
       gesprochen: Wer sind die Personen? Wie lange ist das her und wie war das
       politische Konstrukt in dieser Zeit? Dann habe ich geguckt, wie viel davon
       muss ich wie erzählen, damit die Handlung auf der Bühne gut verstanden
       wird. Zum Beispiel gibt es in dem Stück einen Seher, und keine von den
       Prüfpersonen wusste, was ein Seher macht.
       
       taz: Wer war denn in dieser Gruppe von Prüfer:innen dabei? 
       
       Leichtfuß: Die Prüfpersonen sind Menschen, die selber Bedarf an Leichter
       Sprache haben. Das sind [2][Menschen mit Down-Syndrom], Menschen mit
       anderen Lernmöglichkeiten und Menschen mit geringen Deutschkenntnissen.
       
       taz: Mögen Sie kurz definieren, was Leichte Sprache für Sie bedeutet? 
       
       Leichtfuß: Leichte Sprache ist eine vereinfachte Form des Deutschen. Das
       Ziel ist, dass in einer Demokratie alle Menschen die Chance haben sollen,
       mitzureden und mitzubestimmen. Dazu müssen sie verstehen, was rund um sie
       herum passiert. Seit 2009 gibt es dafür das erste feste Regelwerk dafür in
       Deutschland.
       
       taz: War es schwierig, die Leichte Sprache im öffentlichen Leben
       durchzusetzen? 
       
       Leichtfuß: Ja! Bis vor etwa zwei Jahren gab es zum Beispiel in Deutschland
       kein tägliches Nachrichtenformat in Leichter Sprache. Egal was passierte:
       eine weltweite Pandemie oder ein Krieg in der Ukraine – es gab keine
       tagesaktuellen Nachrichten, die für etwa 14 Millionen Menschen in
       Deutschland verständlich waren. Darum habe ich mit Menschen aus der
       Zielgruppe eine Petition gestartet, die ein tägliches Nachrichtenmagazin in
       leichter Sprache forderte. Jetzt gibt es die [3][Tagesschau in einfacher
       Sprache] und ich merke an den Gesprächen mit den Kolleg:innen aus meiner
       Prüfgruppe, dass sich zum Beispiel die Themen total verändert haben, weil
       sie jetzt mitkriegen, was gerade im Diskurs ist und worüber sich alle
       unterhalten.
       
       taz: Wie waren denn die Reaktionen auf die Inszenierung von Antigone als
       „Anti.Gone“ in München? 
       
       Leichtfuß: Der größte Teil der Rückmeldungen waren positiv. Besonders
       greifbar war das bei den Publikumsgesprächen. Da waren immer wieder
       Menschen dabei, die gesagt haben: Ich gehe sonst nie ins Theater und jetzt
       habe ich zum ersten Mal verstanden, worum es dabei geht. Aber im Feuilleton
       der Süddeutschen Zeitung ist die Inszenierung total verrissen worden. Da
       ging es etwa darum, dass die Feinheiten der deutschen Sprache verloren
       gehen, oder ob die Menschen überhaupt noch kognitiv gefordert seien, wenn
       es alles auch in Leichter Sprache geben würde.
       
       taz: Da wurde also nicht kritisiert, dass Sie es nicht gut gemacht haben,
       sondern dass es überhaupt gemacht wurde? 
       
       Leichtfuß: Genau. Ich finde, diese Diskussion geht am Thema vorbei, weil
       die Leichte Sprache ja eine ganz klare Zielgruppe hat. Aber viele
       Kritiker:innen tun so, als würde man in Zukunft nur noch diese Art von
       Theater machen. Dabei gibt es die Auswahl zwischen Hunderten von
       Inszenierungen des Stücks in komplexer Sprache und der einen von uns.
       
       taz: Dies war ja 2023 die erste Inszenierung eines Theaterstücks in
       Leichter Sprache in Deutschland. 
       
       Leichtfuß: Inzwischen hat zum Beispiel das [4][Nationaltheater Mannheim
       „Faust“ in Leichter Sprache] gemacht. Es ist interessant, wie sich da neben
       der Sprache auch die Zugänge und die Ästhetik auf der Bühne verändern. Das
       ist ein Pionierfeld, auf dem man große Freiheiten hat und viel ausprobieren
       kann.
       
       26 Apr 2026
       
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