# taz.de -- Vorurteile im Ehrenamt: „Häufig fehlt das Bewusstsein für die eigenen Privilegien“
       
       > Um Machtverhältnisse abzubauen, müssen wir uns kritisch mit unseren
       > Vorurteilen auseinandersetzen. Mit dem „Anti-Bias-Ansatz“ hilft Rita
       > Panesar dabei.
       
 (IMG) Bild: Unbegleitete minderjährige Geflüchtete: Hilfe ist am besten, wenn sie auf Augenhöhe geschieht
       
       taz: Frau Panesar, was bedeutet „Bias“? 
       
       Rita Panesar: Bias kommt aus dem Englischen und heißt so viel wie Vorurteil
       und Schieflage. Der Begriff bezieht sich nicht nur auf individuelle
       Wahrnehmungsverschiebungen, sondern es geht auch um die
       Vorurteilsstrukturen, die wir in Institutionen finden, in Sprechweisen, in
       Logiken, Entscheidungspraktiken, Witzkulturen – auch da haben sich
       Vorurteile eingenistet. Es geht um Schieflagen in der Gesellschaft, um
       Benachteiligung und Privilegien.
       
       taz: Und mit dem Anti-Bias-Ansatz wollen Sie Schieflagen ins Gleichgewicht
       bringen? 
       
       Panesar: Genau. Der Ansatz kommt aus der US-amerikanischen
       Elementarpädagogik. Dort hat man festgestellt, dass Kinder schon im Alter
       von zwei bis drei Jahren unbewusst Vorstellungen über die
       Ungleichwertigkeit von Menschen erlernen. Der Anti-Bias-Ansatz wurde
       entwickelt, um diese Vorstellungen zu verlernen, strukturelle Barrieren
       abzubauen und Gleichwürdigkeit im Miteinander einzuüben. Der Ansatz wurde
       dann in Südafrika weiterentwickelt, weil man festgestellt hat, dass die
       Apartheid zwar qua Gesetz abgeschafft ist, aber in den Köpfen
       weiterexistiert.
       
       taz: Es geht also darum, internalisierten Rassismus zu verlernen? 
       
       Panesar: Der Anti-Bias-Ansatz bezieht sich auch auf Sexismus, Ableismus,
       Queerfeindlichkeit, Klassismus – es ist ein intersektionaler Ansatz. Das
       macht ihn so besonders, weil er die Chance bietet, dass Menschen
       miteinander in Kontakt treten und sich in all ihren Verstrickungen und
       Betroffenheiten gemeinsam gegen Ungerechtigkeit und gegen diese schädlichen
       Vorstellungen der Ungleichwertigkeit von Menschen engagieren.
       
       taz: Statt unterschiedliche Betroffenheiten gegeneinander auszuspielen. 
       
       Panesar: Genau, wie zum Beispiel im antimuslimischen Rassismus und im alten
       Feminismus. Dabei rufen alle Diskriminierungsformen Gefühle von Trauer,
       Verletzung, Scham hervor, sie schwächen sowohl individuell als auch
       gesellschaftlich. [1][Es ergibt sehr viel Sinn, sich zu verbünden,] um sich
       gemeinsam gegen strukturelle Diskriminierung stark zu machen. Und es kann
       unglaublich hilfreich sein, in einem geschützten Raum miteinander in den
       Austausch zu gehen.
       
       taz: Und welche Rolle spielt der Ansatz im Ehrenamt? Denn – jetzt mal
       polemisch formuliert – [2][im Ehrenamt will man ja helfen.] 
       
       Panesar: Es gibt auch schädliche „Hilfe“ – Paternalismus, wo man sich gut
       fühlt, dass man anderen hilft, jedoch sein Gegenüber schwächt, weil man es
       abhängig macht. Und dann gibt es Hilfe zu Selbsthilfe, die empowert. Auch
       im Ehrenamt geht es darum, das Machtverhältnis in eine Balance zu bringen,
       anstatt sich nur gut zu fühlen, weil man hilft. Im Ehrenamt gibt es viele
       engagierte Menschen, [3][die Gerechtigkeit vorantreiben wollen.] Da liegt
       der Teufel im Detail: Wie verhindere ich, irgendwelche Klischees
       aufzumachen? Das ist eben gar nicht so einfach, weil wir ja alle diese
       Vorurteile erlernt haben.
       
       taz: Der Workshop, den Sie geben, heißt „Auf Augenhöhe mit Geflüchteten?“. 
       
       Panesar: Genau, mit einem Fragezeichen. Viele Ehrenamtliche wünschen sich
       Augenhöhe. Aber häufig fehlt das Bewusstsein für die eigenen Privilegien:
       Wie viel einfacher es beispielsweise ist, sich mit Behörden auszutauschen,
       Wissen, Ressourcen oder Netzwerke zu nutzen.
       
       taz: Anti-Bias-Arbeit setzt voraus, dass man überhaupt das Interesse hat,
       sich mit eigenen Vorurteilen auseinanderzusetzen. Damit werden rechte
       Menschen gar nicht erreicht. 
       
       Panesar: Trotzdem ist es sehr wichtig, auch innerhalb der Bubble zu
       arbeiten. Sich zu stärken, sich zu verbinden – gerade angesichts der
       aktuellen politischen Lage. Rassismus tritt oft verschleiert auf und äußert
       sich in Zwischentönen und Mikroaggressionen, im Vorenthalten von
       Anerkennung, Ressourcen und Teilhabe. Neben den Menschen, die ein
       geschlossen rechtsextremes Weltbild haben, gibt es viele Menschen, die
       unsicher und orientierungslos sind, die Zukunftssorgen haben – gerade diese
       Menschen wollen wir erreichen, um noch mal daran zu erinnern: Alle Menschen
       sind gleich viel wert.
       
       14 Apr 2026
       
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