# taz.de -- Besetzte Häuser in Leipzig: Villa Krause bleibt – leer
       
       > Aktivist:innen besetzten fünf Häuser in Leipzig. Die Polizei räumte.
       > Nun verfallen die Gebäude weiter. Warum nutzt sie keiner?
       
 (IMG) Bild: Villa Krause, 12. Oktober 2025: Polizisten werden von einem bunten Besetzer:innenkomitee empfangen
       
       Mit einer Ramme marschieren die Polizist:innen los. Helme auf, Visiere
       unten. Mehrere Dutzend räumen an einem Sonntag im Oktober eine Villa in
       Leipzig. Seit dem Morgen haben Aktivist:innen das Haus besetzt. Dunkle
       Vollmontur, Brechstangen, durchsichtige Schutzschilde aus Kunststoff.
       Schritt für Schritt nähern sie sich dem Gebäude.
       
       Zwischen den Fenstern im ersten Stock der Villa in der Julius-Krause-Straße
       lugt rötliches Gemäuer unter dem Putz hervor. Eine massive Mauer schützt
       das Anwesen, fast wie eine kleine Festung. Doch die Toreinfahrt steht
       offen. Bunte Luftschlangen und Ballons hängen darüber, als lüden sie zur
       Besichtigung ein.
       
       „Willkommen in der Villa Krause“, heißt es auf einem Banner im ersten
       Stock. Vor dem Haus stehen ein paar Menschen, quatschen und scherzen, ein
       Mann mit blondierten Haaren macht einen Kopfstand – das [1][zeigen Videos
       von Journalist:innen und Aktivist:innen von diesem Tag im Oktober.]
       An der Mauer lehnt ein weißes Schild, darauf steht: „Nachbarschaftstreff um
       15 Uhr“. Etwa zwanzig Minuten zuvor drückten sich die behelmten
       Polizist:innen durch das Tor der Villa. Besetzung beendet.
       
       Die „Villa Krause“ ist das dritte Haus, das während der „Autonomen
       Besetzungstage“ in Leipzig besetzt wurde. In der Stadt leben über 630.000
       Einwohner:innen und jedes Jahr kommen weitere hinzu. Bereits im Mai
       2022 stellte der Freistaat Sachsen amtlich fest: In Leipzig herrscht ein
       „besonders angespannter Wohnungsmarkt“. Es mangelt an Wohnraum, [2][vor
       allem an günstigem]. Die Mieten steigen.
       
       ## Besetzt, geräumt, warum?
       
       Und trotzdem stehen [3][viele Häuser in Leipzig leer], selbst in den
       beliebten Stadtteilen wie der Südvorstadt, um die Eisenbahnstraße im Osten
       herum oder in Plagwitz im Leipziger Westen. Oft sehen sie so aus:
       verrammelte Türen, kaputte Fenster, Hinterhöfe voller Unrat. In fünf
       solcher Gebäude sind Aktivist:innen während der Autonomen
       Besetzungstage eingedrungen, haben Transparente aus den Fenstern gehängt
       und Reden vom Balkon aus geschwungen – gegen Immobilienspekulation,
       steigende Mieten und Verdrängung.
       
       Wenige Stunden später räumte die Polizei die Häuser. Seitdem stehen sie
       wieder leer, verfallen weiter, ungenutzt. Warum? Das wollte die taz von den
       Eigentümer:innen wissen und hat sich auf die Suche nach ihnen gemacht.
       
       Sechs Wochen nachdem die Villa in der Julius-Krause-Straße erst besetzt und
       dann geräumt wurde, blicken Rosa und Alex von der Straße durch das nun
       wieder verschlossene Metalltor. Das Haus liegt weit im Osten der Stadt. Es
       ist kalt an diesem Novembernachmittag. Am Straßenrand liegen kleine
       Schneehaufen. Rosa hat sich eine dunkle Kapuze über die Mütze gezogen. Alex
       trägt warme Wanderstiefel. Beide möchten ohne Pronomen angesprochen werden
       und ihre vollständigen Namen nicht nennen. Sie waren bei den Autonomen
       Besetzungstagen dabei. Wo und wie genau? Mit Details halten sie sich
       zurück.
       
       Aber was sie erzählen, fügt sich ein in etwas, das am Wochenende vom 10.
       Oktober in Leipzig passiert: Die Besetzungstage beginnen am Freitag. Am
       Nachmittag erscheint online ein kurzer Text: „Wir haben ein Haus besetzt
       und eröffnen hiermit die Autonomen Besetzungstage Leipzig.“ Die
       Aktivist:innen geben dem ersten besetzten Gebäude an der
       Straßenbahnhaltestelle Henriettenstraße im Leipziger Westen den Namen
       „Henri“. Auf einem schwarzen Banner im dritten Stock steht „Stadt für
       alle“. In der ersten Etage lässt eine vermummte Gestalt violetten Rauch
       aufsteigen. Das [4][zeigen Videos auf Social Media].
       
       ## Am Sonntag folgt Villa Krause
       
       In dem Haus solle solidarisch finanzierter Wohnraum entstehen und
       öffentlich nutzbare Räume für Vereine, denen das Fördergeld ausgeht.
       Außerdem sieht das „Nutzungskonzept“ der Besetzer:innen „Schutzräume“
       für queere Personen und Betroffene von rechtsextremer Gewalt vor. Die Stadt
       Leipzig und die Eigentümer:innen seien eingeladen, über die Zukunft
       des Hauses zu verhandeln. „Wir freuen uns auf den Austausch.“ Dazu kommt es
       nicht. Noch in der Nacht räumt die Polizei das Gebäude und leitet
       Ermittlungen gegen vier Personen ein – einmal wegen Verdachts auf
       Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, dreimal wegen des Verdachts des
       Hausfriedensbruchs.
       
       Dass es mit der Räumung so schnell geht, damit hatten die
       Aktivist:innen offenbar nicht gerechnet. In den Stunden danach
       veröffentlichen sie weitere Texte zur mittlerweile wieder leerstehenden
       Henri. Das [5][sächsische Innenministerium] argumentiert später, für die
       Räumung habe es keinen richterlichen Beschluss gebraucht. Die Polizei habe
       lediglich Straftaten unterbunden. Die Besetzungstage gehen trotz des
       schnell beendeten Auftakts weiter.
       
       Am Samstag danach hängt an einem leerstehenden Haus in der Waldstraße ein
       Banner: „Besetzt“. Die Polizei rückt an, doch im Gebäude ist niemand. Am
       Sonntag folgt die Villa Krause. Am Montag taucht ein Video aus der Eythraer
       Straße auf: wieder ein Banner, wieder leer – eine Scheinbesetzung. Dann ist
       die Einertstraße im Leipziger Osten dran: Am Nachmittag verkünden
       Besetzer:innen, sie wollten im Erdgeschoss des großen, leerstehenden Hauses
       ein „soziales Zentrum für den Kiez“ eröffnen. Die Polizei ist erneut
       schnell vor Ort und holt noch am Abend vier Besetzer:innen aus dem
       Gebäude.
       
       Wenn Alex und Rosa über die Besetzungen reden, lächeln sie immer wieder.
       Auch wenn keine lang hielt, habe es sich gelohnt, sagen sie. Lokale Medien
       hätten aus ihren Texten zitiert. In einer Bäckerei hätten sie gehört, wie
       Anwohner:innen in der Warteschlange über die besetzten Häuser
       diskutieren. Vor allem die Villa Krause sei für Rosa ein „Erfolg“.
       
       ## Nachbar:innen kamen zum Kuchenessen
       
       Statt sich zu verbarrikadieren, öffneten die Besetzer:innen dort die
       Tür, luden ein und verzierten das Haus. Im gefliesten Bad mit dunklem Boden
       füllten sie eine Wanne mit Luftballons. Bei der Räumung später habe die
       Polizei keine Besetzer:innen mehr im Haus angetroffen. Gegen zwei
       Personen, beide 25 Jahre alt, ermitteln die Behörden trotzdem.
       
       Mit weißer Kreide haben Aktivist:innen „Herzlich willkommen“ auf die
       dunkle Mauer vor der Villa geschrieben. „Für eine solidarische
       Nachbarschaft“. Auch sechs Wochen später ist das noch zu lesen, viel mehr
       nicht. Alex legt den Kopf in den Nacken und blickt zu den Fenstern im
       dritten Stock. Ein bisschen düster sehe die Villa nun aus, sagt Alex, ganz
       anders als während der Besetzung.
       
       Rosa erzählt, es sei traurig und unverständlich, dass die Polizei die
       Besetzung so schnell und mit so vielen Einsatzkräften beendete. Trotzdem
       sei da noch ein bisschen Euphorie, „dass es den ganzen Vormittag so
       angenehm war, Nachbar:innen kamen, das Gespräch gesucht und Kuchen
       gegessen haben“.
       
       Nicht alle fanden die Besetzung gut. „Natürlich gab es welche, die es blöd
       fanden, wenn das Eigentum von Leuten entwendet wird“, räumt Rosa ein und
       fügt schnell an, „trotzdem haben sie das Gespräch gesucht“.
       
       ## Was sagen die Eigentümer:innen?
       
       Nicht überall agierten die Besetzer:innen während der Autonomen
       Besetzungstage gewaltfrei. In der Südvorstadt schmissen Aktivist:innen
       offenbar Steine auf das Fenster eines Schlüsseldienstes. Der habe sich
       „bereitwillig an der Öffnung der Türen unserer Genoss:innen beteiligt“,
       heißt es in einem Schreiben auf der Plattform Indymedia. Ein Foto zeigt
       große Risse, die sich von zwei Einschlägen aus durch ein Schaufenster
       ziehen. Wie finden Rosa und Alex das? Mit ruhiger Stimme sagt Rosa: „Wir
       wollen Menschen nicht vorschreiben, welche Aktionsform sie nutzen.“ Die
       Hausbesetzungen seien nur „ein Beitrag gegen Gentrifizierung, aber da gibt
       es auch noch viele mehr“.
       
       Und was sagen die Eigentümer:innen dazu? Die Villa in der
       Julius-Krause-Straße gehört zwei Parteien: eine Privatperson und eine
       Immobilienfirma. Beide Namen, sowohl der Name der Privatperson als auch der
       Name der Firmeninhaberin, stehen auf einem Klingelschild mitten in Leipzig.
       Dort ist aber niemand anzutreffen.
       
       Auch auf Briefe mit der Bitte um Rückmeldung reagieren die
       Eigentümer:innen des Hauses in der Julius-Krause-Straße nicht.
       Telefonnummern, die online stehen, führen zu keinem Anschluss. Laut
       Handelsregister ist der Firmensitz nur 18 Kilometer Luftlinie südwestlich
       von Leipzig im kleinen Ort Lützen zu suchen. Vielleicht gibt es dort
       Antworten?
       
       Auf dem Weg aus Leipzig heraus geht es in der Lützner Straße an der Henri
       vorbei, dem ersten der besetzten Häuser. Nach der Räumung wurden die
       Eingangstür und die Fenster im Erdgeschoss mit rohen Steinen zugemauert. So
       schnell geht hier also niemand mehr ein und aus.
       
       ## Die Spur führt nach Lützen
       
       Nach Informationen der taz gehört das Gebäude einer anderen
       Immobilienfirma, die in Leipzig seit Jahren aktiv ist. Mehr als 2.000
       Wohneinheiten habe die Firma seit 2007 saniert, schreibt sie auf ihrer
       Website. Unter anderem wirbt sie mit drei kernsanierten Projekten direkt in
       der Nachbarschaft des leerstehenden Gebäudes Henri in der Lützner Straße.
       Das erwarb die Immobilienfirma 2024.
       
       Auf Anfrage der taz heißt es zunächst, die Firma melde sich zeitnah wegen
       eines Gesprächstermins. Doch auch nach Monaten passiert das nicht.
       Schließlich antwortet die Pressesprecherin nur mit einem einzigen Satz: Der
       Erhalt historischer Gebäude und eine nachhaltige Nutzung bestehender
       Bausubstanz spiele eine wichtige Rolle.
       
       Die kleine Stadt Lützen liegt zwar nur ein paar Kilometer von Leipzig
       entfernt, gehört aber trotzdem zu einem anderen Bundesland, Sachsen-Anhalt.
       Bekannt ist Lützen regional vor allem wegen seiner niedrigen Gewerbesteuer.
       Auf 8.000 Einwohner:innen kommen 400 Unternehmen in der Gemeinde,
       darunter Tochterfirmen der Deutschen Bank, wie etwa das Portal „Frag den
       Staat“ berichtet.
       
       Die Immobilienfirma, die zum Teil die Villa in der Julius-Krause-Straße
       besitzt, hat ihren Sitz nur wenige Meter von der Hauptstraße in Lützen
       entfernt. Zumindest steht es so im Handelsregister. Vor Ort gibt es einen
       großen Hof. An einem Februarnachmittag steht dort ein Pick-up mit laufendem
       Motor, rechts von der Einfahrt mehrere Reihen Grabsteine. Ein Steinmetz ist
       an der gleichen Adresse ansässig. Auf einem Briefkasten, der am Tor hängt,
       findet sich der Name der Immobilienfirma.
       
       ## Offene Türen, leere Büros
       
       Auf dem Gelände ist nicht viel los. Der Motor rattert. In der flachen Halle
       räumen offenbar zwei Männer auf. Auf den Namen der Immobilienfirma
       angesprochen, sagt einer von ihnen, den kenne er nicht. Er zeigt auf das
       Haus gegenüber und sagt, zu dem Thema wisse „der Chef“ mehr. Dessen Büro
       ist leer. Aber direkt daneben führt eine Außentreppe in den ersten Stock zu
       einer Tür. Dort, mit grauem Klebeband befestigt, steht erneut der Name der
       Immobilienfirma.
       
       Auf Klopfen reagiert niemand. Doch die Tür ist unverschlossen. Knarzend
       geht sie auf. Niemand da. Im Erdgeschoss öffnet kurze Zeit später ein Mann
       in grüner Arbeitshose die Tür zu den Verkaufsräumen. Er habe keinen Kontakt
       zur Immobilienfirma, versichert er, aber es komme regelmäßig jemand, um den
       Briefkasten der Firma zu leeren. Also geht ein weiterer Brief mit
       Presseanfrage an die Firma in den Kasten – eine Antwort bleibt aus.
       
       Zurück in Leipzig. Das leere Haus in der Einertstraße war das letzte, in
       das Aktivist:innen während der Besetzungstage eingedrungen sind. Nach
       taz-Informationen gehört auch dieses Gebäude einer Immobiliengesellschaft,
       deren Geschäftsführer und alleiniger Gesellschafter laut Handelsregister in
       Tschechien lebt. Dort war er an ähnlichen Firmen beteiligt. Ältere Einträge
       des tschechischen Handelsregisters führen noch weiter in den Osten: Der
       Mann soll in St. Petersburg gelebt haben.
       
       Direkt nach den Hausbesetzungen fragte die Leipziger Stadträtin Juliane
       Nagel (Linke) bei der Verwaltung nach, was diese über die leerstehenden
       Gebäude wisse. In der Antwort heißt es, für das Objekt in der Einertstraße
       habe die Stadt 2013 eine Baugenehmigung erteilt. „Es fanden bis 2018
       Bautätigkeiten statt. Danach und bis heute ruht die Bautätigkeit.“
       Mittlerweile sei die Baugenehmigung erloschen. Das Amt habe 2025 mehrfach
       versucht, den Eigentümer zu kontaktieren. Das sei fehlgeschlagen.
       
       ## Leerstand als Lösung?
       
       Warum macht die Stadt nicht mehr gegen den Leerstand? Zuständig für diese
       Frage ist Thomas Dienberg (Grüne), Leipziger Bürgermeister für
       Stadtentwicklung und Bau. Sein Büro liegt im vierten Stock des Neuen
       Rathauses. Der Blick aus den Fenstern geht auf den Clara-Zetkin-Park und
       weit über die Dächer von Leipzig. An der Wand gegenüber hängt eine große
       Satellitenaufnahme der Stadt. Alle fünf besetzten Häuser sind darauf zu
       erkennen.
       
       Noch im Oktober erzählte Dienberg dem Leipziger Stadtmagazin kreuzer, er
       könne verstehen, dass „junge Menschen“ sich mit Hausbesetzungen Gehör
       verschaffen wollen. Doch im Gespräch mit der taz geht es zunächst um das
       große Ganze: den angespannten Wohnungsmarkt in Leipzig. Der
       Baubürgermeister sagt, es brauche bezahlbaren Wohnraum, aber den finde man
       nicht im Leipziger Leerstand.
       
       Auf eine Anfrage der Linken im Leipziger Stadtrat antwortete die Verwaltung
       Ende März, es gebe keine aktuellen Daten zum Leerstand der Stadt. Jüngste
       Daten stammen aus dem Jahr 2022. Damals seien etwa 19.200 Wohnungen als
       leerstehend registriert worden. Ein Großteil davon galt als kurzfristig
       wieder bewohnbar oder befand sich in Sanierung. Rund 3.000 Wohnungen stuft
       die Stadt als „nicht marktaktiv“ ein – ohne konkrete Pläne für Vermietung
       oder Umbau. Dienberg sagt: „Struktureller Leerstand ist in Leipzig kein
       Problem mehr.“
       
       Vor 10, 15 oder 20 Jahren sei das anders gewesen: leerstehende Straßenzüge,
       ungeklärte Besitzverhältnisse. Heute handele es sich bei leerstehenden
       Gebäuden um Einzelfälle. Zu wenige, um genug Wohnraum zu schaffen. Und im
       Zweifel würden deren Besitzer:innen so luxuriös sanieren, dass es für
       viele unerschwinglich werde. „Da haben wir viel mehr erreicht, wenn wir
       bezahlbaren Wohnraum erhalten und in der Fläche neuen schaffen.“
       
       ## „Das ist nicht zielführend“
       
       Okay, also bauen, so wie es die Bundesregierung seit Jahren ankündigt?
       Dienberg schüttelt den Kopf. „Dieses Mantra: bauen, bauen, bauen, das
       reicht nicht aus. Wir müssen bezahlbar bauen und langfristig im Bestand
       halten. Sozialwohnungsbau“, betont er.
       
       Aber was ist denn jetzt mit der großen Villa in der Julius-Krause-Straße?
       Oder dem leeren Haus in der Lützner Straße, bei dem die Eingangstür
       zugemauert ist? Dienberg klingt nicht interessiert. „Wir können jedes
       einzelne Objekt durchgehen, aber das ist nicht zielführend“, grätscht er
       noch in die Fragen rein. „Wenn ich meine Leute darauf losschicke, dann
       fehlt uns die Arbeitskraft an anderer Stelle, an der ich sage, das hilft
       uns viel, viel mehr.“ Beim leerstehenden Haus in der Einertstraße, dessen
       Eigentümer nicht erreichbar ist, halte Dienberg ein Enteignungsverfahren
       aber für nicht vollständig abwegig. „Das ist ein Fall, bei dem die Behörden
       mit dem Amtsgericht und dem Grundbuchamt mal über sowas nachdenken
       könnten.“
       
       Ein Versuch noch: Das Baugesetzbuch gibt Kommunen die Möglichkeit,
       Eigentümer:innen zur Instandsetzung verwahrloster Gebäude zu
       verpflichten. Warum hat Leipzig noch nie Gebrauch von diesem Instrument
       gemacht? „Das ist ein stumpfes Schwert“, winkt Dienberg ab. Die rechtlichen
       Hürden seien hoch. Zudem sieht das Baugesetzbuch vor, dass die Gemeinde die
       anfallenden Kosten zum Teil übernimmt. Dafür fehle Geld und Personal,
       erklärt er. Leipzig müsse sparen.
       
       Auf dem großen Satellitenbild in Dienbergs Büro ist in Leipziger Westen von
       oben auch das Haus in der Eythraer Straße zu sehen. Während der Autonomen
       Besetzungstage veröffentlichten Aktivist:innen ein Video davon, wie
       sie, erleuchtet von rotem Bengalfeuer, ein Banner im obersten Stock
       befestigten. Das Haus steht seit mindestens 15 Jahren leer. Die meisten
       Fenster sind eingeschmissen.
       
       ## „Glauben nicht an ein klares Eigentumskonzept“
       
       Online gibt es mehrere inaktive Verkaufsanzeigen für das Gebäude. In einem
       Büroflur in der Leipziger Innenstadt sagt die Eigentümerin, sie habe
       derzeit kein Interesse zu sanieren. Vielleicht in ein oder zwei Jahren.
       Verkaufen wolle sie nicht.
       
       Vor der ehemaligen Villa Krause, sechs Wochen nach der Besetzung, klagt
       Rosa über kalte Füße und schlägt vor, zurück in die Stadt zu gehen. Haben
       die beiden Aktivist:innen kein schlechtes Gewissen, weil sie mit der
       Besetzung fremdes Eigentum nutzen? „Wenn ein Haus einfach leer steht und
       verwahrlost?“, fragt Rosa zurück, denkt kurz nach und sagt dann einen Satz,
       der ganz nach autonomer Szene klingt: „Wir glauben nicht an ein klares
       Eigentumskonzept und kritisieren, dass das eines der höchsten Güter in
       Deutschland ist.“
       
       Aus Sicht der Besetzer:innen sei es nicht illegitim, ein leerstehendes
       Haus zu öffnen und zu nutzen, sagt Alex. Dass Polizei und
       Staatsanwaltschaft das anders sehen, wüssten sie. Die möglichen Strafen
       hätten sie gegen „das Potenzial“ einer erfolgreichen Besetzung abgewogen.
       „Für uns ist es das wert.“ Aktuell ermittelt die Polizei noch gegen sechs
       Personen: vier, die sie bei der Besetzung in der Lützer Straße angetroffen
       hat, und zwei weitere vom Gelände der Villa Krause.
       
       Das Verfahren wegen Hausfriedensbruchs gegen die vier Personen aus der
       Einertstraße wurde hingegen eingestellt. Laut Staatsanwaltschaft Leipzig
       stellte der Hauseigentümer keinen Strafantrag. Wird es noch einmal eine
       Autonome Besetzungswoche in Leipzig geben? Alex lächelt verschmitzt. „Ich
       würde nicht ausschließen, dass sich nochmal Menschen denken: Eine
       Aktionswoche wäre nice.“
       
       17 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://x.com/marcoIsantos/status/1977354775797579993
 (DIR) [2] /Kampf-gegen-Mietenexplosion/!5635030
 (DIR) [3] /30-Jahre-Einheit-in-Leipzig/!5716592
 (DIR) [4] https://www.instagram.com/p/DPo3Ic4ET1n/
 (DIR) [5] http://edas.landtag.sachsen.de/viewer.aspx?dok_nr=4434&dok_art=Drs&leg_per=8&pos_dok=&dok_id=307526
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) David Muschenich
       
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