# taz.de -- Repression in Russland: Russisches Gericht stuft Memorial als extremistisch ein
> Die Organisation Memorial wahrt das Andenken an die Opfer politischer
> Verfolgung. Doch Putins Führung macht aus kritischer Erinnerung eine
> Straftat.
(IMG) Bild: Gedenken an Stalin-Opfer in Moskau, hier im Jahr 2022
dpa | Die mit dem Friedensnobelpreis geehrte [1][Menschenrechtsorganisation
Memorial] ist in Russland verboten worden. Auf Antrag des
Justizministeriums stufte das Oberste Gericht Russlands die „internationale
gesellschaftliche Bewegung Memorial“ als extremistisch ein und erklärte
ihre Tätigkeit im Land für verboten. Das meldete die staatliche
Nachrichtenagentur Tass aus dem Gericht in Moskau. Der Beschluss sei sofort
umzusetzen. Der Prozess hatte hinter verschlossenen Türen stattgefunden.
Unter Kremlchef Wladimir Putin kann damit die Unterstützung für Memorial
für Tausende Menschen in Russland strafbar werden – im schlimmsten Fall
rückwirkend. „Mit diesem beispiellosen Schritt sollen das gesamte
Memorial-Netzwerk und alle, die es unterstützen, delegitimiert und
kriminalisiert werden“, teilte die Exilorganisation Zukunft Memorial in
Berlin mit. „Das Putin-Regime fürchtet die Erinnerung an Sowjetdiktatur und
Staatsterror. Aber diese Erinnerung lässt sich nicht verbieten.“
Fragen und Antworten zum Schicksal der wichtigsten russischen
Nichtregierungsorganisation:
## Warum war Memorial für Russland so wichtig?
Der [2][Friedensnobelpreis 2022], geteilt mit Preisträgern aus der Ukraine
und Belarus, bedeutete für Memorial Anerkennung für fast vier Jahrzehnte
Geschichts- und Menschenrechtsarbeit. Die Organisation wurde 1989 in der
Spätzeit der Sowjetunion gegründet, der Atomphysiker und Dissident Andrei
Sacharow (1921–1989) war einer ihrer Gründerväter.
Getragen durch viele Freiwillige arbeitete Memorial lange verschwiegene
Verbrechen der Stalin-Zeit auf. Es sammelte Namen und Daten zu
Lagerhäftlingen, legte Archive an, kümmerte sich um Überlebende und half
Angehörigen bei Recherchen. Auch Gedenkstätten wurden gebaut.
Bücher und Bildungsarbeit erreichten Zehntausende Menschen.
Menschenrechtsexperten vom Memorial prangerten immer wieder Rechtsverstöße
der russischen Staatsmacht an – ob in den Kriegen gegen die abtrünnige
Region Tschetschenien oder in politischen Prozessen.
## Was sagt das Urteil über die Lage in Russland?
Je autoritärer Putin herrscht, desto weniger lässt er eine kritische Sicht
auf die russische Geschichte zu. Sein Russland soll als orthodoxe Großmacht
ohne Fehler und Verbrechen dastehen. Memorial wurde schon 2016 als
sogenannter ausländischer Agent gebrandmarkt. 2021 wurden die zentralen
Strukturen in Moskau durch einen umstrittenen Gerichtsbeschluss aufgelöst,
viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ins Exil gedrängt.
Memorial-Mitbegründerin [3][Irina Scherbakowa] nennt den Extremismusvorwurf
einen Angriff auf kritische Geschichtsarbeit. Auch das Gulag-Museum in
Moskau, das an das sowjetische Lagersystem erinnerte, sei geschlossen
worden, sagt die heutige Vorsitzende von Zukunft Memorial in Berlin. Wegen
des Kriegs gegen die Ukraine versuche Putins Führung, jeden möglichen
Widerstand in der russischen Gesellschaft zu ersticken. „Wir sehen, dass
die Menschen Angst bekommen haben.“
## Was droht Mitstreitern von Memorial in Russland?
Trotz der Repressionen ist die Arbeit von Memorial in Russland nicht ganz
zum Erliegen gekommen. Es gibt regionale Zirkel. Die Aktion „Letzte
Adresse“ lief weiter, die an Opfer von politischer Verfolgung erinnert –
ähnlich wie die goldenen Stolpersteine in Deutschland an Holocaust-Opfer.
Jedes Jahr am 30. Oktober wurden am Solowezki-Gedenkstein direkt vor der
Moskauer Geheimdienstzentrale die Namen von Stalin-Opfern verlesen.
Das neue Verbot richtet sich juristisch schwammig gegen Memorial als
Bewegung. Damit können viele Aktivitäten als extremistisch gelten – ähnlich
wie beim russischen Verbot einer angeblich gut organisierten LGBT-Bewegung.
Die Behörden haben auch die Organisationen des 2024 in Haft zu Tode
gequälten Kremlgegners Alexei Nawalny als extremistisch eingestuft.
Nawalny-Anhänger werden wegen ihrer früheren Mitarbeit oder wegen Spenden
bestraft. Selbst längst vergessene Posts in sozialen Netzwerken dienen als
Beleg für Extremismus. Die Opposition arbeitet im Exil weiter.
Memorial empfiehlt seinen Mitstreitern, das Logo aus Social-Media-Profilen
zu entfernen und keine Texte zu reposten. Man wolle möglichst wenig
Angriffsfläche bieten, sagt Scherbakowa. Welches Risiko jemand zukünftig
auf sich nehme, „wird die Entscheidung jedes Einzelnen sein“.
## Was ändert sich für die Arbeit von Memorial im Exil?
Angesichts der Vertreibung von Memorial aus der Heimat gewinnt die Arbeit
im Ausland umso größere Bedeutung; und aufstecken wollen die
Menschenrechtler nicht. „Wir bleiben die Stimme unserer Organisation“, sagt
Scherbakowa. Das wichtige Archiv mit Millionen Dokumenten sei weitgehend
digitalisiert und im Internet veröffentlicht, sagt Elena Zhemkova,
Geschäftsführerin von Zukunft Memorial in Berlin. „Dieses Wissen ist
weltweit zugänglich und kann nicht mehr vernichtet werden.“
Auch wenn die Arbeit in Russland unmöglich werde, sei Memorial nicht
überflüssig, heißt es in der Mitteilung der Organisation. „Im Gegenteil: Es
macht unsere Aufgabe dringlicher. Erinnern ist Widerstand – gegen
Geschichtsmythen und gegen eine neue Legitimation staatlicher Aggressionen
nach innen und außen.“
9 Apr 2026
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