# taz.de -- Werner-Schulz-Preis: Menschenrechte als Realpolitik
> Der Schriftsteller und Publizist Marko Martin erhält in Leipzig den
> Werner-Schulz-Preis. Erinnern und Aufarbeiten ist ihm ein besonderes
> Anliegen.
(IMG) Bild: Scheut sich nicht, unbequeme Wahrheiten auszusprechen: Marko Martin
Sie dürfte Werner Schulz gefallen haben, die Veranstaltung am
Donnerstagabend im Tagungszentrum Mediencampus Villa Ida in Leipzig. Über
drei Jahre ist es schon her, dass der ehemalige DDR-Bürgerrechtler sowie
spätere Abgeordnete der Grünen im Bundestag und EU-Parlament ganz plötzlich
verstarb.
Doch an diesem Abend ist er wieder ganz präsent, man spürt es deutlich.
Rechts von der Bühne blickt Schulz von einem Foto ins Publikum. Daneben auf
einem Plakat steht: „Friedliche Revolution, wir gehen weiter! Keine Gewalt.
Schwerter zu Pflugscharen. Wir sind das Volk. Offen für alle.“
Auf der linken Seite wird an die Aktivistin Marfa Rabkowa von der
belarussischen Menschenrechtsorganisation Vjasna erinnert. Zu 15 Jahren
Haft verurteilt, sitzt sie seit 2020 ein – eine von aktuell über 1.000
politischen Gefangenen, die der belarussische Machthaber Alexander
Lukaschenko in Gefängnissen quälen lässt und auch eiskalt kalkuliert als
Währung einsetzt, um bei Austauschaktionen von westlichen Staaten
Zugeständnisse zu erpressen.
[1][Am 22. Januar wäre Schulz 76 Jahre alt geworden]. Doch sein Erbe lebt
weiter. Dies ist vor allem einer Gruppe von Freund:innen und ehemaligen
Kolleg:innen zu verdanken. Sie gründeten im Juni 2024 die
Werner-Schulz-Initiative, um sein Andenken zu bewahren.
## Demokratie und Menschenrechte
Dazu gehört auch ein gleichnamiger Preis. Einmal im Jahr wird eine Person
ausgezeichnet, die sich in besonderer Weise um Demokratie und
Menschenrechte verdient gemacht haben. Überreicht wird die mit 7.500 Euro
dotierte Auszeichnung für 2026 am Donnerstagabend dem Schriftsteller und
Publizisten Marko Martin – [2][nach der deutschen Belarus-Aktivistin Ina
Rumiantseva] der zweite Preisträger.
An Prominenz mangelt es an diesem Abend nicht. Gekommen sind auch die grüne
Abgeordnete und ehemalige Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages Katrin
Göring-Eckardt und Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung. Die
Herausforderung ist keine geringe: Wie den Bogen spannen von Werner Schulz
und wofür er stand zu Marko Martin, der sich nicht scheut, unbequeme
Wahrheiten auszusprechen, ohne dabei in einen lähmenden Pessimismus zu
verfallen.
Burghard Jung erinnert an das Jahr 2001, den Auftritt von Russlands
Präsidenten Wladimir Putin im Bundestag. Während die Abgeordneten den
Kremlchef mit Standing Ovations gefeiert hätten, habe Schulz demonstrativ
den Plenarsaal verlassen. Schulz habe schon früh vor Putin gewarnt, aber er
sei überhört worden. Auch Martin habe den Mut zur frühen Wahrheit. „Wir
brauchen wieder Kassandra-Stimmen. So eine Stimme war Werner Schulz“, sagt
Jung. Und an Martin gewandt: Seien Sie Kassandra, lesen Sie uns die
Leviten.“
Die Laudatorin Göring-Eckardt charakterisiert Schulz als einen durch und
durch politischen Menschen, der stets nach dem Richtigen gesucht und den
Blick gen Osten gerichtet habe. Martin attestiert sie ein uneiteles
Selbstbewusstsein und Weltläufigkeit. Nicht Mahner und Warner sei er,
sondern mache Menschen Angebote, um aus ihnen Schlussfolgerungen zu ziehen.
Dabei habe er immer vor allem auch die „deutsche Vorgeschichte“ im Blick.
## Nichts Neues
Sie erinnert an Martins Rede am 7. November 2024 im Schloss Bellevue, in
der er hart mit Deutschlands Russlandspolitik ins Gericht gegangen war. Er
habe eigentlich nichts Neues gesagt, konstatiert Göring-Eckardt. Das muss
der Hausherr und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, seiner Reaktion
nach zu urteilen, seinerzeit offensichtlich anders gesehen haben.
Dann betritt Martin die Bühne. „Das Beharren auf Menschenrechten ist
Realpolitik“ ist ein Kernsatz seines Redebeitrages. Man wünschte sich, dass
auch Politiker*innen ihn zur Kenntnis nehmen und danach handeln
würden. Erinnern und Aufarbeiten ist Martin ein großes Anliegen, wie es
auch Schulz eines war. Im Oktober 2021 sprengte ein organisierter Mob in
Moskau eine Veranstaltung von Memorial. Die russische
Nichtregierungsorganisation hatte zu Verbrechen unter der Stalinschen
Gewaltherrschaft gearbeitet.2021 wurde Memorial aufgelöst.
Für Martin ist der Vorfall vom 7. Oktober „ein Symbol dafür“, wie ein
amtlicher Befehl zum Vergessen der vorherigen Untaten nichts anderes
bedeutet, als die Vorbereitung kommender Verbrecher. „Der Kontinuität der
gewaltsamen Machtausübung entspricht seit jeher eine Kontinuität des
Krieges gegen das Gedächtnis“, sagt Martin. Über die Ukraine, seit fast
vier Jahren Ziel von Russlands völkerrechtswidrigem Angriffskrieg sagt er,
dass der Widerstand dieses Landes unser aller ureigenste Angelegenheit sein
müsse. „Wann, wenn nicht jetzt?“
Erstmals hat die Werner-Schulz-Stiftung auch zwei Stipendiat*innen
gefördert: Kacia aus Belarus und die Ukrainerin Zlata Zhuravlova. Die
beiden jungen Frauen sind am Donnerstagabend ebenfalls anwesend. Kacia, die
in Regensburg Sozialarbeit studiert, setzt sich für politische Gefangene in
ihrem Heimatland ein. Sie möchte ihren Nachnamen nicht in der Zeitung
lesen. „Die Geschichten dieser Menschen zu erzählen, das sehe ich als meine
Pflicht an“, sagt sie.
## Ein Stück Hoffnung
Zlata Zhuravlova trägt eins ihrer Gedichte vor. In „Mein Monolog an Euch“
heißt es: … „ich erzähle meine Kindern Geschichten über Sommer- und nicht
über Selektionslager auf der Krym/Wie schön es dort war…/Und sie werden
mich erstaunt ansehen und sich fragen/woher ich weiß, wie der Sommer dort
ist, hinter der grauen Mauer/Sie werden denken, ich sei eine Träumerin/Und
ihr denkt auch, dass ich eine Träumerin bin/wenn ich es nicht will, dass
meine Kinder wissen/was Krieg ist so wie ich es weiß.“
Als sie endet, wird es ganz still und die Kehle trocken. Doch in dem
Auftritt von Kacia und Zlata Zhuravlova liegt auch Hoffnung – Hoffnung
darauf, dass es Menschen gibt, die sich, trotz widrigster Umstände, weiter
für Werte einsetzen. Und vielleicht kommt darin auch zum Ausdruck, was der
jüdische Philosoph und Schriftsteller Manès Sperber, den Marco Martin
zitiert, seinerzeit so formulierte:„Eine kategorische Zurückweisung der
Mutlosigkeit.“
23 Jan 2026
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## AUTOREN
(DIR) Barbara Oertel
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