# taz.de -- Geschäftsmodell von Heimstaden: Wetten, dass die Miete steigt?
       
       > Der zweitgrößte Immobilienkonzern in Berlin setzt inzwischen ganz auf
       > Indexmieten. Mieter wehren sich erfolgreich – doch die Trickserei geht
       > weiter.
       
 (IMG) Bild: Tierischer Protest gegen Heimstaden. Süß und nun auch erfolgreich
       
       Die steigenden Ölpreise infolge des Krieges in Iran machen das Leben
       teurer. [1][Die höheren Energiepreise sind ein Kostentreiber]. Der macht
       sich nicht nur an Tankstellen, sondern auch im Supermarktregal bemerkbar.
       Doch für immer mehr Mieter:innen bedeuten die geopolitischen
       Entwicklungen ein noch größeres Ungemach: Auf sie wartet zum Ende des
       Jahres eine besonders satte Mieterhöhung. Sie gucken damit gleich doppelt
       in die Röhre.
       
       Das Problem heißt [2][Indexmietverträge]. Solche Verträge koppeln die
       Nettokaltmiete direkt an den Verbraucherpreisindex, also die Inflation. Je
       höher die Lebenshaltungskosten, desto höher die Miete. [3][Dabei gibt es
       keine Grenze nach oben]. Denn anders als bei regulären Mietverträgen gelten
       weder die Obergrenzen der ortsüblichen Vergleichsmiete nach dem Mietspiegel
       noch die Begrenzung, wonach Mieten in angespannten Wohnungsmärkten um nicht
       mehr als 15 Prozent innerhalb von drei Jahren angehoben werden dürfen.
       
       Was sich wie eine Wette anhört – denn theoretisch können Preise und damit
       die Miete ja auch fallen –, kennt in der Praxis nur einen Gewinner, die
       Vermieter. Die profitieren nämlich gleich doppelt. Einerseits fallen die
       durchschnittlichen erlaubten Mietsteigerungen bei Indexmietverträgen
       deutlich höher aus als in normalen Verträgen, insbesondere seit der
       Inflationswelle infolge des Ukrainekrieges mit Teuerungsraten von bis zu 7
       Prozent jährlich.
       
       Zum anderen entfällt für Vermieter der Aufwand, individuell zu berechnen,
       welche Erhöhung nach Mietspiegel überhaupt zulässig ist. Bei
       Neuvermietungen sind Indexmieten inzwischen weit verbreitet. Der Berliner
       Mieterverein aber stellt fest: „Indexmietverträge sind aus Sicht der
       Mieter:innen die schlechteste Lösung.“
       
       ## Heimstaden als Vorreiter
       
       Ein Akteur, der diese Möglichkeit einer mangelhaften gesetzlichen
       Regulierung besonders konsequent nutzt, ist der schwedische
       Immobilienkonzern Heimstaden, der 2018 die ersten Immobilien auf dem
       deutschen Markt aufkaufte. [4][Seit der Übernahme von 14.000 Wohnungen von
       Akelius im Jahr 2021] ist Heimstaden mit insgesamt über 20.000 Wohnungen in
       Berlin der zweitgrößte private Vermieter der Stadt. 30.000 Wohnungen sind
       es bundesweit.
       
       Zuletzt stand der Konzern Ende vergangenen Jahres nach einer
       [5][taz-Recherche] in der Kritik. Systematisch hatte das Unternehmen bei
       Neuvermietungen die Mietpreisbremse mit dem Hinweis auf „umfassende
       Modernisierung“ umgangen. Dabei war in den Wohnungen lediglich
       oberflächlich saniert worden. Hunderte Mieter:innen konnten nach
       Widersprüchen ihre Mieten nachträglich senken. Doch weiterhin werden
       Wohnungen zu horrenden Preisen angeboten, aktuell etwa eine
       1,5-Zimmer-Wohnung in Neukölln mit 60 Quadratmetern für mehr als 1.700
       Euro.
       
       Doch bei hohen Einstiegsmieten belässt es Heimstaden nicht. Bei neuen
       Verträgen setzt das Unternehmen „ausschließlich auf Indexmieten“, sagt
       Katja Zorn von der [6][Mieter:inneninitiative Stop Heimstaden] der
       taz. Zudem werde versucht, auch bestehende Verträge umzuwandeln, etwa als
       Bedingung, wenn sich Mieter:innen mit einem Anliegen an sie wenden. Das
       alles folge dem Ziel, „alle Abläufe im Unternehmen zu automatisieren und
       Mieterhöhungen per Knopfdruck zu generieren“, so Zorn. Effizienz auf Kosten
       der Mieter:innen.
       
       Zorn, die ihren richtigen Namen aus Sorge vor ihrem Vermieter nicht in der
       Zeitung lesen möchte, ist mit ihren Mitstreiter:innen aktiv, seit sich
       Heimstaden in Berlin breitmachte. Derzeit sind sie dabei, andere
       Mieter:innen über einen besonderen Fall von Indexmietverträgen zu
       informieren und zum Widerspruch aufzurufen. Dabei geht es um 130 Häuser mit
       mehr als 3.000 Wohnungen vor allem in Mitte und Neukölln, die der Konzern
       2020 von GMRE/Gabriel International übernommen hatte. Etwa bei der Hälfte
       wurden die Mietaktivist:innen bereits vorstellig und [7][verteilten
       Informationsflyer], die anderen sollen folgen.
       
       ## Auf den Fehler folgt der Trick
       
       In den Häusern wohnen Mieter:innen wie Max Grube (Name geändert). Seit
       Langem lebt er in seiner Neuköllner Wohnung, damals noch im Besitz von
       GMRE, hatte zunächst einen Staffelmietvertrag, der nach seinem Auslaufen
       durch einen Indexmietvertrag abgelöst wurde.
       
       Durch die bei der Übernahme von Heimstaden entstandene
       Mieter:innenvernetzung, in der Stop Heimstaden frühzeitig informierte,
       wurde Grube darauf aufmerksam, dass die Indexklausel in seinem Vertrag
       gegen die geltende Rechtslage verstößt. Denn darin wird einzig dem
       Vermieter das einseitige Recht zur Mietanpassung zugestanden. Sollte sich
       die Preisentwicklung zu einer Deflation verkehren, gibt es dagegen keine
       Möglichkeit für den Mieter, dies als Mietsenkung geltend zu machen.
       
       Grube widersprach der Klausel. In einem der taz vorliegenden Schreiben
       erkannte Heimstaden die Rechtswidrigkeit an. Es hieß: „Nach erneuter
       Prüfung stellen wir fest, dass die bisherigen Anpassungen der Miete auf
       Grundlage der Indexvereinbarung nicht in der vertraglich vorgesehenen Form
       erfolgt sind.“ Rechtlich gesehen ist die Angelegenheit damit erledigt, der
       Mieter zu keinen weiteren Schritten verpflichtet. Die Indexklausel
       entfällt, der Mietvertrag wandelt sich in einen regulären um. So sagt es
       die Mietrechtsanwältin Carola Handwerg der taz.
       
       Doch Heimstaden wollte es nicht dabei belassen und versuchte es mit einem
       Trick. Sie schickten Grube zur „Klarstellung der Indexvereinbarung“ einen
       „Nachtrag zum Mietvertrag mit der Bitte um Unterzeichnung“. Der Mieter
       solle nun einer „wirksamen Indexmiete“ zustimmen. Grube hat, gut beraten,
       darauf nicht reagiert und sagt: „An dem Vorgehen sieht man, dass das
       Verbrecher sind.“ Katja Zorn bezeichnet das Vorgehen als „hochgradig
       unseriös“ und sagt: „Ich erwarte, dass hier staatliche Stellen tätig werden
       und einen Betrugsversuch überprüfen.“
       
       ## Weitere umstrittene Klauseln
       
       Die Anwältin Handwerg vertritt inzwischen fünf Mieter:innen, die ihre
       Indexklauseln anfechten. In zwei Fällen habe Heimstaden bei den
       beanstandeten Klauseln sofort nachgegeben, in anderen wehrt sich der
       Konzern. Rechtlich umstritten ist vor allem eine weitere Klausel, die dem
       Vermieter trotz Indexmiete die Umlage von Sanierungskosten gestattet. Doch
       das ist gesetzlich nur in Ausnahmefällen erlaubt. Handwerg hofft, dass auch
       jene Klausel für unwirksam erklärt wird.
       
       „Heimstaden baut darauf, dass sich die meisten Mieter:innen nicht
       wehren, aus der unbegründeten Angst, die Wohnung zu verlieren“, sagt
       Handwerg. Für diejenigen, die widersprechen, sei dabei viel zu holen.
       Rückwirkend für drei Jahre können Mieterhöhungen zurückgefordert werden.
       Selbst ehemaligen Mieter:innen steht dieses Recht zu.
       
       Gäbe es in alten Vertragen „unwirksame Passagen oder andere Mängel“, habe
       Heimstaden „das größte Interesse daran, diese zu heilen und
       Rechtssicherheit für beide Seiten herzustellen“, schreibt der Konzern auf
       eine Anfrage der taz. Die Frage, wieso die Klauseln weiterhin für
       Mieterhöhungen genutzt werden, beantwortet Heimstaden dabei nicht.
       Stattdessen heißt es: „Eine an den Verbraucherpreisindex des Statistischen
       Bundesamts gekoppelte Miete ist ein faires und transparentes Modell für
       beide Seiten, Mieter und Wohnungseigentümer.“ Gleichzeitig heißt es, dass
       Wohnungsbauprojekte erst durch Indexmieten „kalkulier- und realisierbar“
       werden.
       
       Sorge hat man bei den Vermietern vor einem Gesetzesentwurf, den
       Justizministerin Stefanie Hubig (SPD) im Frühjahr vorlegte. Mit diesem soll
       die [8][die jährliche Steigerung der Indexmieten auf 3,5 Prozent begrenzt]
       werden. Doch die CDU hat bereits „Korrekturbedarf“ angemeldet. Vorerst
       müssen Mieter:innen also weiter bibbern. Im März stiegen die Preise im
       Durchschnitt bereits um 2,7 Prozent an. Zum Jahreswechsel droht nach dem
       Preis- auch der Mietpreisschock.
       
       8 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
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