# taz.de -- Kindersoldaten im Iran: „Der Junge hatte nicht einmal einen Bart“
> In iranischen Städten haben die Revolutionsgarden Checkpoints
> eingerichtet, an denen auch bewaffnete Kinder für die Basidschmiliz Autos
> kontrollieren.
(IMG) Bild: Ein bewaffnetes Mitglied der Basidschmiliz steht an einem Checkpoint in Teheran vor einer Woche
NetBlocks zählt die Stunden. Der Internetausfall in Iran ist nun die
weltweit längste landesweite Internetunterbrechung. Begonnen hatte der
Blackout in den Tagen der Massenproteste und Massentötung im Januar. Was
wir derzeit aus diesem riesigen Land erfahren sind Momentaufnahmen, die uns
entweder über Starlink, mithilfe des Verschlüsselungstools VPN – oder über
offizielle Propagandakanäle erreichen.
Ein Beispiel für Letzteres: Am vergangenen Mittwoch machten mehrere
Nachrichtenseiten, etwa Etemad, mit einem reißerischen Titel auf. „Amerika
bombardiert seine eigene Botschaft“. Sofort tauchte in den sozialen
Netzwerken die Frage auf, warum die USA praktisch ihr eigenes Territorium
zerstören. Später stellte sich heraus, dass es ein sogenannter
Kollateralschaden war. Der Angriff galt offenbar einem Nachbargebäude.
Es wäre aber wohl auch kein verfehlter Angriff. Denn seit der Besetzung der
US-Botschaft kurz nach dem Revolutionssieg 1979 wurde dieses große Areal
zum Stützpunk der sogenannten Basidsch – eine Art paramilitärische Truppe,
die den [1][Revolutionsgarden] unterstellt ist und vor allem auf den
Straßen gegen die Bevölkerung eingesetzt wird. Hier werden seit über
vierzig Jahren diejenigen geschult, die etwa gegen Massenproteste vorgehen
sollen. Zwischen 200.000 und einer Million Mitglieder sollen die Basidsch
haben.
## Kinder werden rekrutiert
Seit dem Tod des elfjährigen Schülers Alireza Jafari vor über einer Woche
ist die Ex-Botschaft neben anderen Basidsch-Stützpunkten in Teheran ein
großes Thema. Denn Alireza war ein „ausgebildetes“ Mitglied der
Basidschmiliz. Seine letzten Worte zu seiner Mutter waren: „Mama, entweder
gewinnen wir diesen Krieg oder wir werden Märtyrer. So Gott will, werden
wir gewinnen, aber ich möchte Märtyrer werden.“ Dieses Zitat stand in der
staatlichen Zeitung Hamschahri.
Der Reporter hatte am Tag nach dem Tod des Kindes seine Mutter Sadaf
besucht. Sie berichtete von den letzten Stunden ihres Kindes. Auch ihr Mann
betätigt sich als Basidsch. Er habe ihr erzählt, dass es an seinem
Checkpoint nicht genügend Kräfte gegeben habe. Er nahm deshalb seinen Sohn
mit. Der Vater blieb dann beim Luftangriff auf den Checkpoint unversehrt.
Seit Alirezas Tod und der verstärkten Mobilisierung der Revolutionsgarden
von Jugendlichen für die Kontrollen an den vielen Checkpoints ist im Iran
wieder der Begriff „Kindersoldat“ geläufig. Es werden Erinnerungen an den
Krieg mit dem Irak wach. Als ob auf Irans Straßen Soldaten des Feinds zu
bekämpfen seien, sieht man auf Plakaten etwa einen Jungen und ein Mädchen,
daneben zwei Erwachsene in Militäruniform.
## Zwölfjährige werden zu „Verteidigern des Vaterlands“
Noch gibt es offiziell keine ausländischen Soldaten auf iranischem Boden
jenseits der jüngsten Rettungsaktion für eine US-Flugzeugbesatzung. Doch
die Straßen sind längst zu Schlachtfeldern erklärt worden. Der gefürchtete
Polizeichef Ahmad Reza Radan sagte schon eine Woche nach Kriegsbeginn im
iranischen Fernsehen: „Ab jetzt ist für uns jeder Demonstrant ein
feindlicher Soldat und wir werden mit ihm so umgehen wie mit einem Feind,
die Finger unserer Jungs sind am Abzug“.
Zwei Tage später stellte Rahim Nadali, Kommandant der Revolutionsgarden, in
den Hauptnachrichten seinen Plan „Verteidiger des Vaterlandes“ vor. Dafür
würden Freiwillige ab 12 Jahren für Basidsch-Aktivitäten registriert. Sie
würden unter anderem an Checkpoints Dienst tun, Sicherheitsaufgaben
übernehmen und Versorgungsgüter verteilen. Doch die Checkpoints in den
Straßen werden regelmäßig aus der Luft beschossen. Fast täglich melden
offizielle Webseiten „Märtyrer der Sicherheit auf den Straßen“.
## „Der Junge hatte nicht einmal einen Bart“
Nach dem Tod des Kindes Alireza riefen BBC-Reporter Bürger in Teheran und
anderen iranischen Städten an. Alle berichteten: Überall gebe es jetzt
Checkpoints, an denen Fahrzeuge durchsucht würden. Und überall seien
Teenager im Einsatz. Eine Frau in den Zwanzigern erzählte der BBC von einem
„kleinen Teenager mit einer zierlichen Statur, etwa 13 Jahre alt“. Er habe
seine Waffe auf Autos gerichtet. „Der Junge hatte nicht einmal einen Bart“,
sagte sie.
Eine andere Frau sagt der BBC: „Sie trugen Masken und ihre Gesichter waren
verdeckt, aber man konnte erkennen, dass es Kinder waren. Man konnte es an
ihren Augen sehen. Sie standen vor den erwachsenen Streitkräften. Sie tun
mir leid, und ich habe Angst“.
Wegen dieser und ähnlich unbestreitbaren Berichte sprach Human Rights Watch
von „schwerer Verletzung der Kinderrechte“ und von „Kriegsverbrechen“.
Holly Dagres, Iran-Expertin beim Thinktank Washington Institute for Near
East Policy, [2][sagte der BBC]: Der Einsatz von Kindern an Kontrollpunkten
zeige „die prekäre Lage der Islamischen Republik“.
7 Apr 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Politik-und-Protest-in-Iran/!6148286
(DIR) [2] https://www.bbc.com/news/articles/c9wqgjn7x89o
## AUTOREN
(DIR) Ali Sadrzadeh
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