# taz.de -- Plattform für Sozialeinrichtungen: Helfen leicht gemacht
> Wie kommen von Armut und Wohnungslosigkeit betroffenen Menschen möglichst
> schnell an Informationen? Eine neue Plattform soll denen helfen, die
> helfen.
(IMG) Bild: Mit Moritz Bachmann, einem der Leiter der Bahnhofsmission in Kassel, besprechen die Initiatoren Funktionen ihrer Plattform
Tür an Tür liegt die Bahnhofsmission des Berliner Hauptbahnhofs neben der
DB-Lounge. Ihre Besucher*innen trennen Welten. An diesem kalten
Februarmorgen warten bereits ein Dutzend Menschen darauf, um Punkt 9 Uhr
für 30 Minuten in den Aufenthaltsraum der Bahnhofsmission eingelassen zu
werden: 16 Sitzplätze und ein Tresen, an dem die Wartenden Kaffee und
Auskunft erhalten. Viele der Besucher*innen sind [1][wohnungs- oder
mittellos], kommen täglich und starten hier ihren Tag.
Ein Mann tritt an den Tresen, hinter dem im blauen Kittel ein Mitarbeiter
steht. Wo er etwas zu essen bekomme, fragt er mit polnischem Akzent.
Zwischen seinen Füßen klemmt ein Rucksack. Die Bahnhofsmission am Bahnhof
Zoo biete Suppe und Dusche, erklärt ihm der Mitarbeiter, mit ein paar
Klicks druckt er ihm die Standortbeschreibung aus.
Verwirrt starrt der Mann auf die rot gestrichelten Linien: S1 -S3 – S5 –
S9, es fahren mehrere S-Bahnlinien zum Zoologischen Garten. „No train“,
sagt der Mann kopfschüttelnd. „Kein Zug“, erklärt der Missionsmitarbeiter.
„Straßenbahn, S-Bahn.“ Dem Mann stehen viele Fragezeichen im Gesicht.
Beraten, Adressen vermitteln, eine Verschnaufpause gewähren, gehört zum
[2][Tagesgeschäft einer Bahnhofsmission]. Viel Zeit bleibt nicht. Wie lässt
sich den Menschen hier also schnell und effizient helfen? Dem kaum Deutsch
oder Englisch sprechenden Polen, der eine warme Suppe braucht? Der zwischen
Arabisch und Französisch switchenden Ägypterin, die seit Tagen ohne Schuhe
auftaucht, obwohl man ihr jedes Mal neue mitgibt. Will sie Kontakt zur
Botschaft oder braucht sie psychologische Hilfe?
## Einen Überblick schaffen
Die Bahnhofsmission am Berliner Hauptbahnhof versucht die Menschen an
soziale Hilfsangebote zu vermitteln und nutzt dafür die App der Berliner
Kältehilfe. Damit ist sie digital zwar weiter als ihre Schwestervereine in
anderen Städten, aber ihre App ist auf Berlin begrenzt und kann nur
Deutsch. An dieser Stelle setzt Egenus an, eine neue Webanwendung, die
bundesweit und gratis einen Überblick über Angebote in allen sozialen
Bereichen bietet. Für Menschen, die arm, krank, verwirrt, wohnungslos, auf
der Flucht oder ohne Auffangnetz sind.
„Wie kommen Hilfsbedürftige möglichst niedrigschwellig an Hilfe, war unsere
Ausgangsfrage“, erzählt Egenus-Mitinitiator Deniz Petzold bei einem Treffen
in der taz Kantine. „Ursprünglich hatten wir an eine App fürs Handy
gedacht, doch davon sind wir wieder abgekommen. Im Browser ist die
Anwendung leichter.“
Petzold ist einer von vieren im Team, die nachts programmieren, Server
pflegen, Adressen digitalisieren. Ursprünglich ein Semesterprojekt im
Bachelorstudium an der Berliner Hochschule für Technik, ist Egenus nun nach
zwei Jahren so weit durchzustarten.
Anfangs hätten sie bei den Betroffenen recherchiert, berichtet Petzold.
„Aber wir sind keine Sozialarbeiter. Wir sind Softwareentwickler, da liegen
unsere Möglichkeiten.“ Trotzdem war er erstaunt, wie gut manche
Wohnungslose untereinander organisiert seien. „Und dann gibt es diejenigen,
die alles verloren oder sich aufgegeben haben. Nicht alle haben ein Handy,
oft geht es verloren oder wird geklaut.“
So kamen die Entwickler auf die Idee, eine Plattform zu kreieren, die denen
hilft, die helfen: Infos möglichst schnell und unkompliziert weitergeben zu
können. Die über 100 deutschen Bahnhofsmissionen wurden zum Testfall, ob
die Plattform funktionieren kann.
## Einrichtungen brauchen Vernetzung
Erster Versuchsort: Freiburg. Dort gibt es mit Malte Klassen einen Leiter
für digitale Projekte. Die taz erreicht ihn am Telefon.„Alle Einrichtungen
der Bahnhofsmission managen ihre Daten selbst“, erklärt Klassen. „Wir sind
untereinander nicht vernetzt. Das ist ein Problem, das wir angehen
wollten.“ Über 100 Bahnhofsmissionen gibt es in Deutschland. Ökumenisch von
der katholischen wie evangelischen Kirche finanziert sowie von den
Kommunen, agieren sie dennoch eigenständig.
Seit Mai 2025 testete die Freiburger Bahnhofsmission die Plattform, gab
Feedback, machte Verbesserungsvorschläge. „Zwei Punkte haben wir
eingebracht“, sagt Klassen. „Wir erleben täglich, dass Sprache darüber
entscheidet, ob Menschen Hilfe finden oder nicht. Deshalb war die
Mehrsprachigkeit von Egenus für uns besonders zentral. Der zweite Punkt war
die Möglichkeit, die Hilfsangebote als Flyer mit Wegbeschreibung sofort
ausdrucken zu können. Das erspart enorm Zeit.“ Überzeugt von dem Projekt,
begann Klassen, Egenus in die Welt der Bahnhofsmissionen zu tragen.
Doch nicht überall reagieren sie so offen wie in Freiburg, gesteht Petzold.
An einem Freitag im Februar sitzt er mit seinem Egenus-Kollegen Ahmad
Zanboua im Auto. „Wir haben oft das Problem, dass die Leute misstrauisch
sind, weil wir so jung sind, und denken, wir wollten ihnen etwas
verkaufen“, sagt Petzold, 25, der fährt. Er hat gerade seine Bachelorarbeit
abgegeben, Zanboua, 26, studiert im Master.
In der Bahnhofsmission von Kassel-Wilhelmshöhe sind die zwei mit Moritz
Bachmann aus dem Leitungsteam, verabredet. Die Einrichtung liegt im ersten
Stock, am Kaffeetresen im Aufenthaltsraum gibt es Kuchenstücke und belegte
Brötchen. Eine Handvoll Leute sitzt an Tischen verteilt. „Sonst ist es
voller“, sagt Bachmann zur Begrüßung, „bei uns streikt heute der
Nahverkehr“.
Bachmann bittet in einen Besprechungsraum, an der Wand hängen Pläne mit
Adressen von Kasseler Sozialeinrichtungen mit Orientierungskarte,
Öffnungszeiten, Dienstleistungen und einem QR-Code. „Die Flyer sind mit
unserer Software erzeugt“, freut sich Petzold, der das „Onboarding“
übernimmt.
Über 400 soziale Einrichtungen – Notunterkünfte, Drogenhilfen,
Beratungsstellen, Tafeln – bundesweit hat das Team in den letzten Monaten
erfasst, Daten, von denen die meisten noch geprüft und aktiviert werden
müssen. Letztlich soll jede Einrichtung sich mit einem Konto einloggen und
dann selbst verwalten können. „Wir werden dann nur noch moderieren“, hofft
Petzold, „und können uns auf die technische Weiterentwicklung
konzentrieren“.
## Auskunft in zwölf Sprachen
„Was würde Ihnen die Arbeit erleichtern?“, fragt Zanboua. „Die
Standortbeschreibungen benutzen wir sehr oft“, sagt Bachmann. „Ideal wäre,
wenn wir auch Straßenbahnhaltestellen markieren könnten, damit die Leute
wissen, wie sie zu den Hilfsstellen kommen können.“ Bachmann wünscht sich
außerdem Standortbeschreibungen, die nicht für alle einsehbar sein sollten,
gemeint sind [3][Notunterkünfte für Frauen] oder Menschen mit
Gewalterfahrungen. „Technisch schwierig“, sagt Petzold.
„Habt ihr entdeckt“, fragt er stolz, „dass man die Informationen
mittlerweile in zwölf Sprachen abrufen kann?“ Viele Hilfesuchende scheitern
an verklausuliertem Deutsch oder am lateinischen Alphabet. Die diversen
Anforderungen lassen sich nun in der Suche kombinieren.
Auch die Leiterin der Bahnhofsmission am Berliner Hautbahnhof hat
mittlerweile von Egenus gehört: „Ich kann mir gut vorstellen, damit zu
arbeiten. Wir machen noch viel in Papierform“, sagt Anke Voigt, 37. Um die
220 Menschen kämen täglich zu ihnen, überschlägt sie. Nach offiziellen
Schätzungen leben in Berlin etwa 6.000 Menschen auf der Straße, rund 1.100
Notübernachtungen bietet die Stadt.
„Wir sind die erste und manchmal auch die letzte Anlaufstelle“, sagt Voigt.
Etwa 80 Prozent der Besucher*innen seien Stammgäste, schätzt sie, ein
Viertel davon Frauen. Nur die Hälfte etwa spreche Deutsch.
Arbeitserleichterung können sie dringend gebrauchen. „Wir arbeiten am
Limit“, sagt Voigt. Nur zwei hauptamtliche Arbeitskräfte sind es in der
Bahnhofsmission des Hauptbahnhofs, unterstützt von etwa 60 Ehrenamtlichen.
In Kassel arbeiten zwei Hauptamtliche mit halber Stelle. Freiburg hat neben
Malte Klassen zwei Festangestellte. Zumal gehören die Begleitung von
Kindern und mobilitätseingeschränkten Menschen nach wie vor zu den
Kernaufgaben einer Bahnhofsmission – neben der Sozialarbeit.
Anfang März fand ein Online-Meeting der Egenus-Initiatoren statt, zu dem
alle Bahnhofsmissionen eingeladen waren. 14 nahmen schließlich teil. „Es
kamen gute Fragen“, sagt Deniz Petzold beflügelt vom Feedback. Ihre
Strategie, die Einrichtungen zu stärken und dadurch Hilfesuchende besser zu
erreichen, hat sich ausgezahlt.
18 Apr 2026
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## AUTOREN
(DIR) Sabine Seifert
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