# taz.de -- Ex-Nato-Botschafter der USA: „Europa ist auf sich allein gestellt“
       
       > Der frühere amerikanische Nato-Botschafter Ivo Daalder kommentiert Trumps
       > Rede zum Irankrieg. Für das Verteidigungsbündnis hat er eine klare
       > Vision.
       
 (IMG) Bild: Als Ivo H. Daalder noch Nato-Botschafter der USA war, im Jahr 2012
       
       taz: Was halten Sie von Präsident Trumps Rede zum Kriegsgeschehen im Iran? 
       
       Ivo Daalder: Ich glaube nicht, dass irgendjemand irgendetwas Neues erfahren
       hat. Jeder, der auf der Suche nach einer Antwort war – sei es, was dieser
       Krieg eigentlich erreichen sollte, sei es, wie er enden würde –, dürfte
       enttäuscht worden sein. [1][Trump behauptete, wir hätten bereits gesiegt,
       doch seien noch weitere zwei bis drei Wochen Bombardements nötig]. Ich bin
       deshalb – und ich glaube, es geht jedem so, der diese Rede gehört hat –
       genauso verwirrt, warum wir diesen Krieg überhaupt führen, wie ich es schon
       zu Beginn vor 32 Tagen war.
       
       taz: Sollten die USA den Krieg wirklich innerhalb der kommenden Wochen für
       beendet erklären, was genau wäre dann das Resultat? 
       
       Daalder: Ein Großteil der militärischen Kapazitäten, über die der Iran am
       28. Februar noch verfügte, steht ihm nun nicht mehr zur Verfügung –
       entweder, weil sie aufgebraucht oder weil sie zerstört wurden. Das bedeutet
       aber nicht, dass der Iran insgesamt als Bedrohung an Bedeutung verloren
       hätten. [2][Ich glaube vielmehr, dass die Wahrscheinlichkeit, dass der Iran
       nun asymmetrische Kriegsführung zu betreiben] [3][versucht][4][, gewachsen
       ist.] In gewisser Hinsicht wird die Welt dadurch zu einem gefährlicheren
       Ort. Auch hat der Krieg die Entschlossenheit und das Bestreben der Iraner,
       Atomwaffen zu erlangen, noch weiter gefestigt. In zwei Wochen wird die
       militärische Leistungsfähigkeit des Iran zwar geschwächt sein. Doch die
       allgemeine Bedrohung, die der Iran auf lange Sicht für die Region und
       langfristig sogar für die USA darstellt, könnte dann womöglich sogar noch
       größer geworden sein.
       
       taz: Trump hatte vor seiner Rede in einem Interview erklärt, dass er
       ernsthaft darüber nachdenke, der Nato den Rücken zu kehren. Doch jetzt
       erwähnte er die Nato gar nicht. Was heißt das?
       
       Daalder: Ich messe dem keine große Bedeutung bei. Der Präsident gibt seit
       Jahren unmissverständlich zu verstehen, dass er in der Nato keinerlei
       Nutzen sieht; dass er sie für eine Organisation hält, die den
       amerikanischen Steuerzahler nur Geld kostet, den USA aber keinerlei
       Vorteile bringt. Er betrachtet die Ereignisse der letzten vier Wochen als
       eine Bestätigung seiner Ansicht, die er schon lange vertritt.
       
       taz: Hat die Nato ohne klare Rückendeckung der USA denn überhaupt eine
       Zukunft? 
       
       Daalder: Ja, das hat sie. Es bedeutet lediglich, dass die militärische
       Rolle, die die Vereinigten Staaten bislang gespielt haben – eine äußerst
       bedeutende Rolle –, künftig zunehmend von den Europäern übernommen werden
       muss und von den Kanadiern natürlich. Warum sollten sie dazu nicht in der
       Lage sein? Es gibt keinen Grund, warum die europäischen Volkswirtschaften,
       die europäische Rüstungsproduktion und die europäischen
       Verteidigungsfähigkeiten nicht auf das notwendige Niveau ausgebaut werden
       könnten, um Europa gegen einen russischen Angriff zu verteidigen. Ich bin
       fest davon überzeugt, dass es im amerikanischen Interesse liegt, eine
       starke Beteiligung an einer starken Nato zu haben. Aber wenn dies in den
       nächsten Jahren nicht mehr der Fall ist, bedeutet das nicht, dass die Nato
       verschwindet.
       
       taz: Haben die Europäer die Botschaft ihrer Meinung nach auch verstanden? 
       
       Daalder: Ja, ich glaube, das haben sie. [5][Ich denke, es war tatsächlich
       Grönland, das diese Erkenntnis wirklich verankert hat.] Der aktuelle Krieg
       untermauert dies nur noch zusätzlich. Die Erkenntnis, dass die Vereinigten
       Staaten im Grunde nicht mehr die Führungsmacht des Westens darstellen – und
       auch kein vertrauenswürdiger, verlässlicher Bündnispartner mehr innerhalb
       der Nato sind –, hat sich unter den Europäern mittlerweile weitgehend
       durchgesetzt. Zwar gibt es nach wie vor Versuche, den Anschein zu wahren,
       die USA seien weiterhin an Bord. Doch gleichzeitig lautet das Fazit der
       Europäer meiner Meinung nach: Wir sind auf uns allein gestellt.
       
       2 Apr 2026
       
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