# taz.de -- Straße von Hormus: Wer sie kontrolliert, hält einen Trumpf in der Hand
> Die USA und Israel hätten den Krieg gegen Iran theoretisch schon gewonnen
> – wären da nicht zwei Meerengen, die für die Weltwirtschaft wesentlich
> sind.
(IMG) Bild: Teheran Anfang April: Der Iran ist militärisch fast besiegt und kann trotzdem noch viel Schaden anrichten
Theoretisch hat die Islamische Republik Iran den Krieg bereits verloren:
Ihr oberster Führer Ali Chamenei ist tot, auch fast die ganze Führungsriege
der Revolutionsgarden und des Verteidigungsapparats. Jeden Tag verliert das
Regime weitere wichtige Personen: Sicherheitsberater, Entscheider innerhalb
der Revolutionsgarden, Wissenschaftler des Raketenprogramms.
Die ohnehin schwache Luftabwehr des Landes ist so stark zerstört, dass sich
die Luftwaffen von Israel und den USA recht frei am Himmel über Iran
bewegen können. Berichten zufolge erlaubt das den USA, ältere Kampfjets zu
verwenden, die etwa schlechter getarnt sind als neuere Modelle.
Hinzu kommen taktische Angriffe: auf Militärdepots – bei denen viele
Raketen Irans auf einmal zerstört werden können. Auf Produktionsanlagen der
Verteidigungsindustrie, um den Nachschub an Raketen zu mindern. Fünfzehn
solcher Stätten sollen nach Information des Institute for the Study of War
allein am 1. April angegriffen worden sein. Auch in der Lieferkette weiter
hinten stehende Firmen, etwa Hersteller von Stahl, werden mittlerweile
attackiert.
## Der neuralgische Punkt in der Region
Zwar greift auch Iran weiterhin in Israel sowie den Golfstaaten an und kann
dabei [1][immer wieder Erfolge vermelden]. Die USA und Israel haben aber in
Iran gerade auf operativer Ebene bislang sehr viel mehr zerstört als
umgekehrt. Sie gewinnen also, wenn man so will, auf dem Schlachtfeld. Doch
viele Militäranalysten fragen: Reicht das, um dem iranischen Regime
beizukommen? Lässt sich aus der operativen Überlegenheit ein strategischer
Vorteil ziehen?
Derzeit ist das ungewiss. Denn strategisch hat die Islamische Republik Iran
noch mindestens an einer Stelle die Oberhand. Die verläuft zwischen Iran
und Oman und heißt Straße von Hormus – eine nur etwa 33 Kilometer breite
Meerenge, die der gesamte Schiffsverkehr des Persischen Golfs passieren
muss. Sie galt immer als der neuralgische Punkt in der Region. Wer sie
kontrolliert, hält einen wichtigen Trumpf in der Hand.
Eigentlich überschneiden sich in der Straße von Hormus die Hoheitsgewässer
von Iran und Oman. Bislang blieb die Passage zumeist frei befahrbar. Das
ist nun vorbei: Iran blockiert sie de facto. Sie zu durchfahren ist nur in
Absprache mit den Revolutionsgarden und wohl auch gegen Zahlung einer
Mautgebühr möglich.
Am 1. April beschoss Iran etwa den Tanker „Aqua 1“, der wohl einem in den
Emiraten ansässigen Reeder gehört und an Qatarenergy verliehen ist. Nach
Bericht von Llyod’s List, einem auf die Schifffahrt spezialisierten
Newsportal, wurde das Schiff von zwei Projektilen getroffen. Eines
explodierte, woraufhin ein Feuer ausbrach. Das andere blieb im
Maschinenraum des Schiffs stecken. Verletzte habe es nicht gegeben. Das
Schiff war zum Zeitpunkt des Angriffs nicht einmal in Bewegung, sondern
nördlich der katarischen Gasexportanlage Ras Laffan geankert.
Die Strategie Teherans scheint aufzugehen. Viele Schiffe wagen die
Durchfahrt nicht mehr und sitzen im Persischen Golf fest. Für andere wurden
bereits Zahlungen entrichtet, offenbar in der chinesischen Währung Yuan –
für eines wohl umgerechnet bis zu zwei Millionen US-Dollar. Erlöse, die der
iranische Staat dringend braucht, um seine eigene Währung zu stabilisieren.
Zur Erinnerung: Im vergangenen Herbst war der Wechselkurs von iranischen
Rial zu US-Dollar in den Keller gerauscht. Zuletzt kostete ein US-Dollar
über eine Million Rial. Zum Zeitpunkt der islamischen Revolution 1979 lag
der Kurs bei 70 Rial pro US-Dollar. Diese massive und schnelle Entwertung
der iranischen Währung löste die blutig niedergeschlagenen Proteste im
Januar dieses Jahres mit aus. Sie resultierte unter anderem aus zunehmenden
internationalen Sanktionen gegen Iran, die die Exporteinnahmen in US-Dollar
einbrechen ließ.
Von der Mautstelle in der Straße von Hormus dürfte das iranische Regime
also zumindest kurzfristig profitieren. Und auch davon, dass es selbst
weiter Öl exportiert. Über 50 Milliarden US-Dollar hat Iran im Jahr 2025
wahrscheinlich mit dem Export von Erdöl eingenommen – etwa 35 Prozent des
gesamten Staatsbudgets. Gekauft wird es vor allem von kleineren,
nichtstaatlichen Raffinerien in China.
## Je länger die Blockade anhält, desto teurer das Öl
Asien ist von der Blockade der Straße von Hormus besonders betroffen.
Dorthin gehen laut der Wirtschafts- und Sozialkommission für Asien und den
Pazifik der Vereinten Nationen etwa 90 Prozent des Rohöls, das zu normalen
Zeiten durch die Straße von Hormus exportiert wird. Viele asiatische Länder
ächzen unter der Blockade der Meerenge also genauso wie die arabischen
Golfstaaten – vor allem Bahrain, Kuwait und Katar, die über keine Häfen
östlich der Straße von Hormus verfügen. Und je länger diese Blockade
anhält, desto teurer werden auch Öl und andere Rohstoffe auf dem Weltmarkt.
Das baut Druck auf den US-Präsidenten Donald Trump auf und schadet
zumindest kurz- und mittelfristig der Wirtschaft des Globalen Westens. Die
Uhr läuft hier gegen die USA.
Und Iran verfügt noch über eine weitere Eskalationsmöglichkeit – ebenfalls
eine Meerenge, ein weiterer empfindlicher Punkt der Weltwirtschaft. Die 29
Kilometer breite Bab-el-Mendeb-Straße verläuft zwischen Eritrea, Dschibuti
und dem Jemen. Sie ist die Ein- und Ausfahrtsschneise in das Rote Meer und
damit auch den Suezkanal.
Die Bab-el-Mendeb-Straße liegt Tausende Kilometer von Iran entfernt.
Trotzdem scheint die Islamische Republik befähigt, auch sie zu blockieren.
Denn im Jemen finanziert und unterstützt sie seit Jahren die Miliz Ansar
Allah, bekannter unter dem Namen „Huthis“. Die Huthi-Miliz hält seit Jahren
den gesamten Westen des Jemen unter ihrer Kontrolle. Zunächst stieg sie in
den Krieg zwischen Israel, USA und Iran nicht ein. Das änderte sich nach
taz-Informationen, als eine Gruppe Islamischer Revolutionsgarden sie
aufsuchte. Ende März schossen die Huthis eine erste Rakete aus Jemen gen
Israel.
Schon in der Vergangenheit hatten die Huthis die Schifffahrt im Roten Meer
durch Angriffe temporär fast zum Erliegen gebracht. Auch eine westliche
Marinemission konnte ihre Möglichkeiten nicht einschränken, dies wieder zu
tun.
Nun hat ein hochrangiges Huthi-Mitglied gewarnt: Sollten die arabischen
Golfstaaten in den Krieg einsteigen, werde man die Schifffahrt im Roten
Meer erneut behindern. Das hätte weitreichende Folgen: Schiffe müssten die
sehr viel längere Route um Afrika herum nehmen, um etwa von Asien nach
Europa zu kommen. Die Kosten stiegen deutlich.
## Viele Raffinerien, Öl- und Gasfelder werden beschossen
Besonders weitreichende Konsequenzen hätte das für Saudi-Arabien. Das
Königreich betreibt wichtige Häfen am Roten Meer, unter anderem in der
Stadt Dschidda. Mehr als die Hälfte der Gütertransporte Saudi-Arabiens
läuft über diesen Hafen. Auch der Hafen Yanbu liegt am Roten Meer. Dort
werden vor allem Rohöl und andere Petrochemikalien verschifft. Derzeit
leitet Saudi-Arabien seine Exporte an diese Häfen um.
Über eine mehr als 1.000 Kilometer lange Pipeline – entstanden nach dem
Iran-Irak-Krieg, der ebenfalls die Schifffahrt im Persischen Golf massiv
störte – fließt derzeit Öl aus den Feldern im Osten des Landes zu dem Hafen
am Roten Meer. Wird die Bab-el-Mendeb-Meerenge blockiert, kommen auch diese
Exporte zum Erliegen. Saudi-Arabien ist der größte Ölexporteur der Region,
die Folgen wären auch für die gesamte Weltwirtschaft einschneidend.
Und: Iran attackiert nicht nur die Möglichkeit der Golfstaaten, fossile
Produkte zu exportieren, sondern auch diese zu fördern und zu verarbeiten.
Viele Raffinerien, Öl- und Gasfelder in Küstennähe werden anhaltend
beschossen. Auch die Kraftwerke der Golfstaaten wurden bereits angegriffen.
Und schließlich ihre Entsalzungsanlagen. Alle Golfstaaten sind wasserarm,
beziehen einen Großteil ihrer Wasserversorgung aus der Entsalzung von
Meerwasser. Die Anlagen liegen an der Küste, in bequemer Reichweite
iranischer Raketen und Drohnen. Jüngst griff das Regime erstmals eine
Entsalzungsanlage in Kuwait an.
Das iranische Regime hat also viele Möglichkeiten, den Golfstaaten, der
Weltwirtschaft, Israel und den USA strategisch zu schaden. Doch auch Iran
hat Schwachstellen: Kraftwerke, Entsalzungsanlagen, Anlagen der
Ölindustrie. Letztere wurden bereits angegriffen. Der Großteil des
iranischen Öls wird durch das Terminal auf der Insel Kharg im Persischen
Golf exportiert. Dort gab es weitreichende Luftangriffe. Und auch eine
Eroberung der Insel durch Bodentruppen ist nicht mehr ausgeschlossen. Etwa
50.000 Angehörige des US-Militärs sind nun in der Region.
Analysten nehmen an, dass eine Bodeninvasion zunächst die iranischen Inseln
treffen könnte: entweder Kharg, mit dem Ziel, das Ölgeschäft des Regimes zu
beenden. Oder die Inseln Qeshm und Larak, zwischen denen derzeit der
Korridor für die Schiffsdurchfahrt an der neuen Mautstelle der Straße von
Hormus verläuft. Oder die Inseln Abu Musa, Lesser Tunb und Greater Tunb.
Die Revolutionsgarden benutzen sie als eine Art Außenposten im Meer. Die
Vereinigten Arabischen Emirate beanspruchen sie hingegen für sich.
Damit liegen die strategischen Optionen beider Seiten auf dem Tisch. Wer
zieht den nächsten Trumpf?
3 Apr 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.bbc.com/news/articles/cwyd07m7e1xo
## AUTOREN
(DIR) Lisa Schneider
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