# taz.de -- Neoliberale Fitnessangebote in Berlin: Lieber kein Longevity als so ein Leben
       
       > Das Fitnessstudio „Anti“ inszeniert Gesundheit als Community-Lifestyle.
       > Wer dazugehören will, muss sich bewerben und tief in die Tasche greifen.
       
 (IMG) Bild: Mehr Chrom und Chic geht natürlich immer (Symbolfoto)
       
       ANTI – HOUSE OF SOCIAL WELLNESS steht auf dem brutalistischen Chromschild,
       das den grell erleuchteten Edelstahlaufzug rahmt. Kanye Wests futuristische
       Betonvilla wirkt dagegen fast heimelig. Über eine seitliche Betontreppe
       geht es in den vierten Stock. Dort empfängt einen ein loftartiger Raum aus
       Beton und Edelstahl – kühl, reduziert, durchzogen von Loungemusik.
       
       Im Fitnessraum des dreistöckigen „Longevity Lab“ – [1][manche würden es
       schlicht Fitnessstudio nennen] – sitzen an einem Dienstagmittag rund 40
       Lifestyle-Teilzeit-Berliner*innen in Sportkleidung auf Yogamatten. ANTI
       steht in dicken schwarzen Lettern auf der Betonwand. Davor positioniert
       sich die Trainerin auf einem Betonpodest. „This is your journey“, sagt sie
       sanft – und nimmt die Teilnehmer*innen dann eine Dreiviertelstunde lang
       gnadenlos auseinander …
       
       Seit eineinhalb Jahren gibt es den 460 Quadratmeter großen „brutalistischen
       Rückzugsort“ in Mitte. Anti will mehr sein als ein Fitnessstudio: [2][Ziel
       sei es, eine „Community“ aufzubauen] und eine Bewegung zu schaffen, die
       Wellness inklusiver macht, so die Gründer.
       
       Scherz: Der Monatsbeitrag liegt bei 199 Euro, eine Stunde kostet 29 Euro.
       Wer Mitglied werden will, muss sich bewerben. Die Gründer wählen nach einem
       persönlichen Gespräch aus. Im Online-Fragebogen ist anzukreuzen, ob man
       „Creative“, „Founder“ oder „Health Performer“ ist – andere
       Berufsbezeichnungen gibt es nicht. Die Inszenierung von Exklusivität gehört
       zum Konzept – bringt wohl aber nicht genug Kohle ein, weshalb das Studio
       dann doch auch Nutzer*innen von Anbietern wie Urban Sports Club
       offensteht.
       
       ## Infrarotlicht für die Zellerneuerung
       
       Überwältigend ist das Gemeinschaftsgefühl nicht: Die jungen, urbanen,
       überwiegend weißen Besucher*innen scrollen vor Beginn von „Power
       Pilates X Redlight“ durch ihre iPhones und machen Selfies. Angeleuchtet
       werden sie von Infrarotlampen – die sollen nicht nur instagrammable sein,
       sondern auch die Zellerneuerung anregen, die Haut verbessern und
       Entzündungen reduzieren. Wissenschaftlich belegt ist das natürlich nicht,
       aber für die Gen Z, die Status über Wohlbefinden statt den Lamborghini
       definiert, scheint das zweitrangig: Die Kurse sind oft ausgebucht, auf
       Instagram hat Anti rund 22.000 Follower.
       
       Aufgebaut wird die „Community“ mithilfe von Crossmarketing und
       Eventisierung. „Weekly exclusive Events“ umfassen Sauna-Raves, „Community
       forest runs“ oder Choreografie-Kurse auf High Heels. Dazu wird mit gehypten
       Lifestyle-Brands kollaboriert, etwa der Outdoormarke Arcteryx oder Sunday
       Natural, einem Premiumanbieter für Nahrungsergänzungsmittel.
       
       Kernversprechen der „zentralen Anlaufstelle für ganzheitliche Gesundheit
       und persönliche Entwicklung“ ist das körperliche Wohlbefinden. „Anti“ steht
       für „Antidote“ – Gegengift. Neben Sportkursen gibt es auch
       „Longevity“-Angebote, etwa Sauerstofftherapie. Doch warum zahlen für Luft?
       „Je nach Wind und Wetter ist die Luftqualität in Deutschland teilweise
       wirklich besorgniserregend“, so die Werbung auf Instagram. Neben der
       Sauerstoffversorgung soll die Anwendung auch die Zellregeneration,
       Konzentration und Leistungsfähigkeit fördern – auch da ist die
       wissenschaftliche Grundlage dünn.
       
       Die Sauerstoffkapsel steht in der „Lounge“ (auf die ein Chromschild
       hinweist) – dem wohl [3][ungemütlichsten Ort Berlins nach LAP Coffee]:
       Chromkücheninsel auf Betonboden vor Betonwand und Chromregalen, dazwischen
       zwei, drei obligatorischen Monstera-Pflanzen. Gegenüber ist eine
       Spiegelwand, davor ein Kühlschrank aus – Überraschung – Chrom, in dem
       Kombucha und Grapefruitwasser von Berliner Start-ups gelagert ist. Von dort
       führt eine Treppe runter in den Spa-Bereich, wo neben einer Sauna auch
       Eisbadsessions angeboten werden. Die sollen das Immunsystem stärken – auch
       das nicht wissenschaftlich … ihr wisst schon.
       
       Das Konzept ist so genial wie durchschaubar: Im Zentrum stehen Kommerz und
       Anonymität, verkauft wird Community und Gesundheit – untermauert von
       pseudowissenschaftlichen Gesundheitsversprechen. Die gute Nachricht: Länger
       leben wird man dadurch nicht.
       
       2 Apr 2026
       
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