# taz.de -- Kriminologe über Schießereien in Berlin: „Es geht um Erpressung“
> Die vielen Schießereien sorgen für Unruhe im kriminellen Milieu, sagt der
> Kriminologe Klaus von Lampe. Revierkämpfe hält er dennoch für
> unwahrscheinlich.
(IMG) Bild: Polizei und alteingesessene Kriminelle auf einer Seite? Zumindest ihre Interessen können deckungsgleich sein
taz: Herr von Lampe, in Berlin wird immer häufiger geschossen. Allein in
der vergangenen Woche gab es drei Vorfälle. Wer oder was steckt dahinter?
Klaus von Lampe: Es kristallisiert sich heraus, dass viele der
Schussabgaben etwas zu tun haben mit Kriminellen, die eigentlich in
Istanbul beheimatet sind und jetzt hier auftreten.
taz: Warum wenden die sich jetzt aus der Türkei heraus anderen Ländern zu?
von Lampe: Dafür gibt es verschiedene Erklärungsansätze. Eine Theorie ist,
dass [1][weniger Heroin aus Afghanistan] über die Türkei in Absatzländer
geht. Dadurch sinken die Profite im kriminellen Milieu vor Ort, neue
Einnahmequellen werden gesucht. Eine weitere Erklärung besagt, dass die
türkische Polizei den Druck auf die kriminelle Szene erhöht hat und es
deshalb ungemütlicher geworden ist. Nach einer anderen Einschätzung liegt
die Zunahme der Gewalt in Berlin im Interesse des [2][russischen Regimes].
Ein führender Kopf einer dieser Gruppen soll sich ja in Russland aufhalten
– und das tut man nicht ohne Gegenleistung. Ich halte alle drei Ansätze für
plausibel, auch weil sie in bereits bekannte Schemata passen.
taz: Und diese Gruppen hoffen, in Berlin schnelles Geld machen zu können?
von Lampe: Es geht [3][um Erpressung von Gewerbetreibenden] mit türkischem
beziehungsweise kurdischem Hintergrund. Die Geschäfte, wie eine
Supermarktkette oder Filialen einer Fahrschule, sind gut sichtbar und sehen
wahrscheinlich auch nach Geld aus. Vielleicht gehen die Kriminellen auch
davon aus, dass diese Geschäftsleute Hemmungen haben, zur Polizei zu gehen.
Das sind also durchaus naheliegende Ziele für jemanden, der von außen
kommt.
taz: Wieso kommt es dann zu so viel offener Gewalt? Stecken da auch
Revierkämpfe dahinter?
von Lampe: Das ist eher unwahrscheinlich. Zwar könnte es sein, dass die
Istanbuler Gruppen ihre Konflikte jetzt auch in Berlin austragen. Aber ich
habe keine Hinweise dafür und es macht auch wenig Sinn. Man könnte sich
doch leicht aus dem Weg gehen und sagen: Eine Gruppe geht ins Ruhrgebiet,
die andere in die Niederlande und eine weitere nach Berlin. Dass jetzt
mehrere Gruppen sagen, es kann nur Berlin sein und entweder sind wir es
oder die anderen – das wäre eher ungewöhnlich.
taz: Und was ist mit den etablierten Akteuren der Berliner organisierten
Kriminalität?
von Lampe: Eine Konfrontation zwischen alteingesessenen und neuen Gruppen
ist nicht ausgeschlossen. Das hat es auch historisch schon gegeben, ist für
die Neuankömmlinge aber typischerweise schlecht ausgegangen.
taz: Woran liegt das?
von Lampe: Eine Gruppe, die irgendwo neu dazukommt und sagt, wir wollen
jetzt mitmischen, scheucht alle auf, die schon präsent sind. Das ist wie
ein Stich ins Wespennest. Die Welt, in der sich die kriminellen Gruppen
bewegen, müsste sich neu sortieren. So etwas bedeutet Verunsicherung und
Unannehmlichkeiten. Als Eindringling hat man dann tendenziell eine
vereinigte Front gegen sich. Natürlich gibt es die Strategie, als Neuling
Stärke zu demonstrieren, um ernst genommen zu werden – etwa durch wilde
Schießereien. Aber damit macht man sich erst recht keine Freunde und ruft
die Polizei auf den Plan.
taz: Dass die Berliner Polizei verstärkt gegen die neuen Gruppen vorgeht,
ist also auch im Interesse der etablierten kriminellen Strukturen?
von Lampe: Ja, in dem Fall überschneiden sich die Interessen der
alteingesessenen Gruppen und die der Polizei. Wenn die Leute, die für die
Schüsse verantwortlich sind, im Knast landen, müssen sich die hier
präsenten kriminellen Akteure um die keinen Kopf mehr machen.
taz: Wenn Sie so erzählen, klingt es, als sei die organisierte Kriminalität
ein rationales Geschäft.
von Lampe: Kriminelle sind Menschen wie Sie und ich. Sie haben im Prinzip
die gleichen Bedürfnisse. Zwar bewegen sie sich in einem Kontext, in dem
andere Regeln gelten. Aber das ändert nichts daran, dass sie in einem
berechenbaren Umfeld leben wollen. Unsicherheit macht den Leuten Stress und
sie überlegen, wie sie ihren Alltag wieder sicherer gestalten können. Das
gilt auch für einen Alltag, der aus Drogenhandel oder aus
Schutzgelderpressung besteht.
taz: Schießereien und spektakuläre Gewalt sind also gar nicht in deren
Sinne?
von Lampe: Die Bereitschaft, Gewalt einzusetzen, ist in dem Milieu viel
größer als im Rest der Bevölkerung. Gewalt gilt als ein Mittel der
Problemlösung. Aber grundsätzlich geht die Tendenz eher in Richtung eines
gewissen Gleichgewichts im kriminellen Milieu. Man arrangiert sich und
versucht, Konflikte kleinzuhalten und sie friedlich beizulegen. Es ist ein
Klischee, dass die Leute nur auf die Gelegenheit warten, ihre Knarren
herauszuholen und loszuballern. Es gibt diese Heißsporne, aber die werden
eher im Zaum gehalten von den Ruhigeren, den Vernünftigeren und den
Älteren.
taz: Aber es gibt ja offensichtlich trotzdem einen Trend hin zu sichtbaren
Gewalttaten und Drohungen.
von Lampe: Genau, es scheint paradox: Warum spektakuläre Straftaten, obwohl
die Täter meistens erwischt werden? Diese Frage habe ich Leuten aus dem
Milieu gestellt. Und die sagen: Es gibt Kriminelle, die wahrgenommen werden
wollen, die bewundert werden wollen für Sachen, die sich andere nicht
zutrauen. Dazu kommt, dass es offensichtlich ein Publikum gibt, bei dem man
dafür tatsächlich Anerkennung bekommt. Man kann sich mit solchen
klischeehaften Gangster-Methoden Status erkaufen. Befeuert wird das durch
Social Media und durch [4][eine kulturelle Verherrlichung der Unterwelt,
etwa Narcocorridos] und Gangsta-Rap. Es handelt sich um ein globales
Phänomen in unterschiedlichen Spielarten. Das heißt, es gibt eine
Echokammer, in der man eben mit solcher theatralischen Gewalt, mit so einem
kriminellen Habitus dann eben auch ein soziales Standing erreichen kann,
was man sonst wahrscheinlich nicht erreichen würde.
taz: Im Zusammenhang mit spektakulären Straftaten ist ja schnell [5][die
Rede von „kriminellen Clans“]. Aber sind Familien überhaupt die relevanten
Player in Berlins organisierter Kriminalität?
von Lampe: Wenn, dann eher im Westen Berlins und nicht im ehemaligen
Ostberlin. Es gibt in den westlichen Bezirken ein gewachsenes kriminelles
Milieu, das eng vernetzt ist. Über die Jahrzehnte zeigt sich dort die
Entwicklung, dass es immer weniger auf charismatische, prominente
Einzelpersonen ankommt und immer mehr darauf, ob man zu einer großen
Gruppierung gehört. Das sind dann einerseits Familien, andererseits, ohne
familiären Zusammenhang, Rockergruppen. Wenn man sich im Milieu umhört,
merkt man, dass die Familiennamen wirklich Bedeutung haben – sowohl in der
Wahrnehmung des Milieus insgesamt als auch in der Selbstwahrnehmung. Die
Familie wird zu einer Art Markenzeichen, das signalisiert, dass man ernst
genommen werden muss und dass man besser in Ruhe gelassen wird.
taz: Laut offiziellen Berichten gilt allerdings nur ein kleiner Teil der
organisierten Kriminalität in Berlin als „Clankriminalität“. Ein Großteil
der Vorfälle, die den „Clans“ zugerechnet werden, [6][sind
Ordnungswidrigkeiten und Alltagsdelikte]. Wie sinnvoll ist die Kategorie
überhaupt?
von Lampe: Als ich vor mehr als 20 Jahren angefangen habe, Menschen im
kriminellen Milieu zu interviewen, war ich erstaunt, [7][wie wichtig
Familien im Denken der Leute waren]. Schon damals konnte man das Milieu
nicht verstehen, ohne die Familienstrukturen zu betrachten. Und die haben
über die Jahre an Einfluss gewonnen. Das kann der Staat nicht ignorieren.
Denn selbst wenn es vordergründig nur um Ordnungswidrigkeiten und kleinere
Straftaten geht, sind diese Bestandteile eines sozialen Phänomens, das eine
viel größere Tragweite hat. Das sind Machtstrukturen, die Leute
beeinträchtigen und schädigen. Unterm Strich kommen die Schwachen unter die
Räder, wenn es solche nicht legitimierten Machtstrukturen gibt.
taz: Zurück zu den Schießereien: Die Berliner Polizei geht seit vergangenem
Herbst mit der Sondereinheit „Ferrum“ verstärkt gegen Waffenbesitz vor, 27
Schusswaffen wurden seither sichergestellt. Auch die Staatsanwaltschaft hat
eine spezielle Ermittlungsgruppe eingerichtet. Ist das der richtige Weg?
von Lampe: Es ist nach wie vor sehr einfach, in Berlin an Schusswaffen zu
gelangen. Deshalb ist es wichtig, dass das Risiko steigt, mit illegalem
Waffenbesitz erwischt und auch verurteilt zu werden. In einer prekären
Phase wie jetzt ist es also richtig, den Druck zu erhöhen und die
Handlungsspielräume von Leuten aus dem kriminellen Milieu einzugrenzen –
zum Beispiel dadurch, dass man sehr viele Kontrollen macht an Treffpunkten
und anderen logistisch wichtigen Orten. Es kommt dann aber auch auf die
Justiz an, inwieweit zum Beispiel Tatverdächtige in Untersuchungshaft
kommen und ob Freiheitsstrafen verhängt werden. Das hat Auswirkungen auf
das Kriminalitätsgeschehen, weil es beeinflusst, wie attraktiv eine Stadt
oder ein Bundesland für Kriminelle ist.
6 Apr 2026
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## AUTOREN
(DIR) Hanno Fleckenstein
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