# taz.de -- Kenianischer Hyperpop: Der Omnivore ist ästhetisch auf der Höhe
       
       > Warum knallen Pop-Künstler Kabeaushé auf „Kabeaushé presents: Iggy
       > Swaggering Ungrateful Incessant Little Peeeaaaaaaaa“ alle Sicherungen
       > durch? Ein Erklärungsversuch.
       
 (IMG) Bild: Im Dunkeln ist gut munkeln: Kabeaushé
       
       Gleich mal eine Überforderung zum Auftakt: Der Ouvertüre des Albums
       „Kabeaushé presents: Iggy Swaggering Ungrateful Incessant Little
       Peeeaaaaaaaa“ klingt nach dem Soundtrack zu einem irrlichternden Film.
       Genremäßig zwischen Schmonzette, Horror und viel Pomp. Wenn den
       Hörer:innen am Ende ein menschliches Wesen begegnet, das vielleicht für
       Orientierung sorgen könnte, und erklärt, worum es hier überhaupt geht,
       rotzt es aber nur derb rum.
       
       Dann erst beginnt ein herausfordernder Ritt quer durch diverse Popstile:
       [1][HipHop, Gospel-Dekonstruktion, Industrial-Punk, dazu Falsettgesang,
       Handclaps, südafrikanische Gqom-Beats und verzerrte Kickdrums]. Man muss
       dem Album ein paar Durchläufe geben, bis sich ein Muster von Grooves und
       Hooks herausschält, das in dem eklektischen Mix durchaus drinsteckt.
       Kabochi Gitau alias Kabeaushé, Mastermind hinter dem vergnüglichen
       Wahnsinn, nennt die Mischung kokett „Pop“.
       
       „Iggy Swaggering …“ ist das dritte Album des 31-jährigen Künstlers, der in
       der kenianischen Hauptstadt Nairobi aufgewachsen ist. In seinen Zwanzigern
       versuchte sich Gitau als Schauspieler und Radiomoderator, dann wollte er
       doch lieber Musik machen. „Ich gab mir ein Jahr, um etwas zu erreichen.
       Über Monate brachte ich wöchentlich eine neue Single heraus“, erzählt er im
       Interview. Derek Debru, Mitbegründer des Underground-affinen, [2][über
       Ostafrika hinaus einflussreichen Nyege-Nyege-Kollektivs] in Kampala, wurde
       auf ihn aufmerksam.
       
       Aus geplanten zehn Tagen in Uganda wurde ein halbes Jahr – der Pandemie sei
       Dank. Kabeaushé übte sich im Beatbasteln. Auf dem mit dem Kollektiv
       verbandelten Label Hakuna Kulala erschienen dann sein Debütalbum „The
       Coming of Gaze“ (2023), eine Compilation früher Tracks. 2022 führte ihn ein
       Künstlerstipendium des Musicboard Berlin von Uganda nach Deutschland. Er
       kam wieder und blieb hängen. Nicht zuletzt die Reibung mit der europäischen
       Kultur gab Gitau Futter für seine exzentrische Pop-Vision.
       
       ## Absichtliche Tippfehler
       
       Geneigten Hörer:innen ermöglichen die superenergetischen,
       hyperdramatischen Konzerte einen Quereinstieg in Kabeaushés Welt. Ihn live
       zu erleben, erleichtert den Zugang in die überbordenden Klangwelten. Das
       galt schon beim ähnlich eklektischen Vorgänger „Hold On to Deer Life,
       There’s a Blcak Boy Behind You!“ (2023), es wartet mit einem Tippfehler im
       Titel auf. Beim neuen Album hat er mit der Rahmung als Pop-Oper eine
       konzeptuelle Schippe draufgelegt.
       
       Das im Eigenverlag veröffentlichte Album erzählt vom Aufstieg und
       Niedergang eines Herrschers namens Iggy. Im fiktionalen Dorf Kingdom wird
       er zum Despoten und endet als gebrochener, einsamer Mann. Da denkt man als
       westlich popsozialisierter Mensch gleich an seinen, Iggys,
       [3][Beinahe-Namensvetter Ziggy] und dessen „Rise and Fall“ – zumal das
       Drama, wie Kabeaushé es auf die Bühne bringt, ähnlich surreal und mit
       barockem Outfit und blonder Perücke zudem genderfluid anmutet.
       
       An Bowie habe er gar nicht gedacht, erzählt Gitau im Gespräch. Iggys
       Geschichte sei ja auch nicht die eines Außerirdischen, sondern eines
       weltlich orientierten Menschen, der über seinen Größenwahn stolpert.
       Inspiration seien eher die Gottesdienste, mit denen er aufgewachsen sei –
       seine Mutter sei eine überaus devote Christin; auch sich selbst bezeichnet
       er als „sehr religiös“. „Ich hatte Iggy im Kopf, bevor die Geschichte
       konkrete Formen angenommen hat. Es ist Jahre her, dass ich ihn erstmals
       gezeichnet hatte.“
       
       Als er auf die sehr theatralischen Filme des sowjetrussischen Regisseurs
       Sergei Eisenstein stieß, habe ihn das in eine neue Richtung geschubst.
       Gitau erzählt, dass er während der Arbeit am Album endlos viele
       expressionistische Schwarz-Weiß-Filme geguckt habe – Spuren finden sich im
       Video zum Song „Untitled 1981“, das den eingekerkerten Iggy zeigt. Auch
       musikalisch taten sich durch den Kaninchenbau namens Youtube neue Welten
       auf.
       
       So schwärmt er etwa von dem rumpelig-psychedelischen Song „Leg“ der
       obskuren Bluesrock-Combo Uriel, die ihr einziges Album „Arzachel“ 1969
       veröffentlichte. Der Song haben ihn zum sich frenetisch hochschraubenden
       „Go Forwards“ inspiriert, einem seiner Lieblingstracks auf dem Album. Die
       Verbindung erschießt sich der Rezensentin auch nach mehrfachen Hören nicht
       unbedingt, selbst wenn es bei „Go Forwards“ auch ganz schön rumpelt.
       
       Abgesehen davon steckt in dem Song vor allem viel Kabeaushé. Und der hat
       sich auch auf diesem Album als ästhetischer Omnivore erwiesen, der fremde
       kulturelle Welten auf sich einprasseln lässt – und daraus ganz eigene
       Verbindungen schafft
       
       8 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Pop-Kultur-Festival-in-Berlin/!6030983
 (DIR) [2] /Musikfestival-Nyege-Nyege-in-Uganda/!5881416
 (DIR) [3] /10-Todestag-von-David-Bowie/!6140226
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Stephanie Grimm
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Kenia
 (DIR) Pop
 (DIR) Neues Album
 (DIR) Social-Auswahl
 (DIR) Berlin
 (DIR) HipHop
 (DIR) Musikfestival
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Pop-Kultur-Festival in Berlin: Zeigen, was gehen kann
       
       Auch in der zehnten Ausgabe eröffnete das Festival Pop-Kultur
       Möglichkeitsräume. Als großer Gewinn erwies sich der Fokus auf Musik aus
       Afrika.
       
 (DIR) Album von ugandischer Rapperin MC Yallah: Eleganter Flow zu düsterem Sound
       
       Rapperin MC Yallah gehört zum ugandischen Label Nyege Nyege. Ihr Album
       „Yallah Beibe“ mischt ostafrikanischen Flow mit Berliner
       Elektronik-Knowhow.
       
 (DIR) Musikfestival Nyege Nyege in Uganda: Heavy Bass an den Gestaden des Nils
       
       2015 als Underground-Veranstaltung entstanden, war das diesjährige Nyege
       Nyege-Festival in Uganda eine ebenso denkwürdige wie strapaziöse Erfahrung.