# taz.de -- BSW-Politikerin Wolf in Thüringen: Wagenknecht wegatmen
       
       > Katja Wolf steht an der Spitze des einzigen BSW-Landesverbandes, der noch
       > an einer Regierung beteiligt ist. Das hinterlässt auch bei ihr tiefe
       > Spuren.
       
 (IMG) Bild: „Zerstrittene Parteien werden nicht gewählt“: Thüringens BSW-Landeschefin Katja Wolf
       
       Es war ein Tiefpunkt des letzten BSW-Bundesparteitags, als eine Delegierte
       in ihrer Rede auf das Jagdrecht zu sprechen kam. „Mir ist es sehr wichtig,
       Wölfe, die sich nicht an die Regeln halten, zu begrenzen“, sagte sie. Die
       Schafzüchterin aus Mecklenburg-Vorpommern sprach tatsächlich nur übers
       Jagdrecht. Doch der Saal tobte. Männer grölten. Wölfe begrenzen, Wölfe
       jagen. Wolf jagen. Katja Wolf jagen – die BSW-Landesvorsitzende,
       Finanzministerin und Vize-Regierungschefin von Thüringen.
       
       Das ist vier Monate her. Katja Wolf weiß, dass sie für nicht wenige im
       Bündnis Sahra Wagenknecht ein rotes Tuch ist. Zu pragmatisch, zu unabhängig
       von der Berliner Zentrale, zu wenig auf Linie. Zwei lange Tage
       [1][arbeitete sich der Bundesparteitag im Dezember an Wolf und ihrem
       Landesverband ab], weil sie 2024 in Thüringen eine Koalition mit den
       „Kriegstreiberparteien“ CDU und SPD eingegangen sind – und weiter an dieser
       Koalition festhalten.
       
       Bei dem Parteitag, sagt Wolf rückblickend zur taz, sei es ihr Ziel und das
       Ziel ihrer Vertrauten gewesen, die Angriffe „wegzuatmen, nicht über jedes
       Stöckchen zu hüpfen, zu deeskalieren“. Das sei irgendwie auch gelungen.
       „Aber als dann von Wölfen die Rede war und dass man die begrenzen muss und
       die Delegierten johlten wie in einem Festzelt, da dachte ich: Okay, so ist
       das also. Das ging schon auch an die Seele.“
       
       Die 50-Jährige ist an diesem kalten Frühjahrsnachmittag in Eisenach im
       Westen Thüringens unterwegs, ihrem Wahlkreis. Termine, Termine, Termine.
       Diakonie, städtische Wohnungsbaugesellschaft, Bürgersprechstunde. Nach den
       Landtagssitzungen in den Tagen zuvor steht eine Wahlkreiswoche an. Sie
       wolle vor Ort erfahren, „wo der Schuh drückt“. Die BSW-Probleme sind
       wenigstens heute weit weg.
       
       ## „Da kann Frau Wagenknecht nicht aus ihrer Haut“
       
       Nach dem mit großem Trara vollzogenen [2][Bruch der Koalition aus SPD und
       Wagenknecht-Partei in Brandenburg Anfang Januar] ist Thüringen das einzige
       Bundesland, in dem das BSW noch mitregiert, der Landesverband der einzige,
       der bundespolitisch überhaupt noch halbwegs relevant ist. Die Parteispitze
       in Berlin ficht das nicht an.
       
       Allen voran Parteigründerin Sahra Wagenknecht erklärt immer und immer
       wieder, Thüringen sei mit schuld daran, dass das BSW bei der Bundestagswahl
       im Februar 2025 so [3][knapp an der 5-Prozent-Hürde gescheitert ist].
       Zuletzt klagte sie kurz vor Ostern mehrfach darüber, was für „ein schwerer
       Anfängerfehler“ die Regierungsbeteiligung in Erfurt gewesen sei. Bei fast
       allem hätten sich die Kolleg:innen vor Ort von CDU und SPD über den
       Tisch ziehen lassen, sagte Wagenknecht, die seit Dezember als Chefin einer
       BSW-Grundwertekommission über die Einhaltung der Parteilinie wacht.
       
       Katja Wolf kann die Vorwürfe vermutlich mittlerweile mitsprechen. „Da kann
       Frau Wagenknecht nicht aus ihrer Haut“, sagt sie. Und: „Ich glaube, sie
       verkennt, dass wir hier in Thüringen keine unerfahrene und unprofessionelle
       Partei sind.“ Ein Drittel der 15-köpfigen BSW-Fraktion verfügt über
       langjährige Parlamentserfahrungen, darunter zwei ehemalige Grünen- und drei
       ehemalige Linken-Abgeordnete. Zu Letzteren gehört Wolf selbst. 13 Jahre saß
       sie für die Linke im Thüringer Landtag.
       
       Dass das BSW in Thüringen nichts reiße, stimme auch einfach nicht, sagt die
       Stellvertreterin von CDU-Ministerpräsident Mario Voigt. So habe sie als
       Finanzministerin „unter anderem das größte Investitionsprogramm der
       Geschichte Thüringens“ durchgesetzt. Das kreditfinanzierte Sonderpaket mit
       einem Volumen von einer Milliarde Euro soll helfen, den Investitionstau in
       den Städten und Gemeinden zu beheben. Ohne das BSW hätte es das nicht
       gegeben.
       
       ## Wolf gibt nicht klein bei
       
       Bei den Behindertenwerkstätten der Diakonie in Eisenach hat man andere
       Sorgen. Prokurist Jörn Köhler berichtet Katja Wolf ausführlich vom Rückgang
       der Aufträge aufgrund der allgemeinen Wirtschaftskrise, aber auch vom Kampf
       um die Gemeinnützigkeit mit dem örtlichen Finanzamt. Sie hört geduldig zu,
       schreibt mit, nickt, sagt: „Das nehmen wir jetzt mit und lassen es prüfen.“
       
       Eisenach ist ein Heimspiel für Wolf, so weit das möglich ist. Von 2012 an
       war sie Oberbürgermeisterin der Stadt, bis sie Mitte 2024 für das BSW in
       den Landtagswahlkampf ein- und dann zur Ministerin aufstieg. Nicht alle
       waren von dem Wechsel hellauf begeistert. Insbesondere ihre ehemaligen
       Parteifreund:innen bei der Linken waren schwer enttäuscht. Inzwischen
       hat man sich wieder beruhigt.
       
       Roy Buschmann schneidet in den Werkstätten für einen Onlineshop Wachstücher
       zurecht. Er erinnert sich gut an Wolfs Zeit als Rathaus-Chefin. „Die Katja
       war immer da, man konnte einfach rübergehen zu ihr, wenn was war“, sagt der
       45-Jährige zur taz. Wolf sei „total in Ordnung“, sie höre den Behinderten
       zu. „Aber was Katja macht, das will ich nicht machen. Da muss man sich nur
       herumärgern.“
       
       Möglicherweise wäre der BSW-interne Ärger nicht ganz so massiv, wenn Wolf
       vor genau einem Jahr beim vorletzten Landesparteitag klein beigegeben
       hätte. Damals hatten Wagenknecht und die Parteizentrale versucht, statt der
       Reala Wolf mit der Landtagsabgeordneten Anke Wirsing eine Gefährtin vom
       dogmatischen Flügel als Landeschefin zu installieren. [4][Der Versuch der
       Berliner Kaderabteilung ging schief.] Für Wirsing stimmte nur ein Drittel
       des Parteitags, Wolf wurde mit großer Mehrheit wiedergewählt, Wagenknecht
       war endgültig vergnatzt.
       
       ## Abweichung auch von der rhetorischen Parteilinie
       
       Wolf ist anders. Keine dauerempörte Lautsprecherin. Sie schwadroniert
       nicht, dass Deutschland umgehend aus der NATO austreten und „die Amis“
       rauswerfen müsse. Sie wähnt sich auch nicht wie Sahra Wagenknecht [5][in
       einer „Bananenrepublik“], in der ausschließlich „Irrsinn“ und „Wahnsinn“ am
       Werk ist. Stattdessen sagt sie Sätze wie: „Politik muss immer in der Lage
       sein, abzuwägen, auch Kompromisse zu machen.“
       
       Innerhalb des BSW gilt derlei als schwere Abweichung. In den sozialen
       Medien wird Wolf von Mitgliedern und Unterstützer:innen der Partei
       dann auch ständig der Machtgier und Rückgratlosigkeit beschuldigt,
       neoliberal sei sie, eine Verräterin am BSW und der reinen Lehre
       Wagenknechts. Und immer wieder die Aufforderung an die Parteispitze:
       Schmeißt sie raus. Sie lese das nicht, sagt Wolf.
       
       Selbstkritik falle ihr leicht, wenn sie an irgendeiner Stelle merke, dass
       sie etwas verbockt habe, so Wolf weiter. „Aber erst mal Asche über mich zu
       schmeißen ob meiner Existenz, das ist jetzt nicht mein Ansatz.“
       
       Angesichts der extrem rechten AfD, die in Thüringen in Umfragen auf fast 40
       Prozent kommt, denkt Wolf auch nicht daran, den Laden hinzuwerfen. Im
       Gegenteil: „Ich weiß, welche Verantwortung wir hier haben und wie
       dramatisch die Situation werden kann in Thüringen, falls es uns nicht
       gelingt, Vertrauen in die demokratischen Strukturen zurückzugewinnen.
       Darauf konzentriere ich mich.“
       
       ## Abbruch statt Aufbruch
       
       Beim Parteitag im Dezember wurde permanent von „Aufbruch“ gesprochen, der
       jetzt beim BSW bundesweit anstehe. Es kam anders. Erst zerbrach die
       Koalition in Brandenburg, nachdem mehrere Abgeordnete entnervt Partei und
       Fraktion verlassen hatten. Dann folgten die Wahlniederlagen: die
       Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz, [6][bei denen die
       Partei unter 2 Prozent blieb]; die Kommunalwahlen in Bayern und Hessen, bei
       denen das BSW keine Rolle spielte.
       
       In der öffentlichen Wahrnehmung taucht das BSW häufig nur noch dann auf,
       wenn es mal wieder mit sich selbst beschäftigt ist. Wie jüngst, [7][als die
       ehemalige Bundestagsabgeordnete und BSW-Mitgründerin Żaklin Nastić –
       Mitgliedsnummer 11 – aus der Partei austrat]. Die BSW-Spitze, so Nastićs
       Begründung, sei ihr zu woke und ukrainefreundlich. Darauf muss man erst mal
       kommen.
       
       Klar ist: Von der Euphorie des BSW-Gründungsjahrs 2024 ist so gut wie
       nichts mehr da. Auch in Thüringen hat die Partei massiv an Boden verloren.
       Kam das BSW bei der Landtagswahl 2024 auf fast 16 Prozent, geben
       Demoskop:innen ihm derzeit gerade noch 7 Prozent. „Zerstrittene
       Parteien werden nicht gewählt“, sagt Wolf. Das sei das kleine Einmaleins
       der Parteienforschung. „Auch in Thüringen ist es so, dass man nicht genau
       weiß: Wer ist das BSW und wofür steht das BSW? Da bin ich froh, dass wir
       noch bei 7 Prozent sind.“
       
       Sahra Wagenknecht und ihre Getreuen meinen freilich genau zu wissen, wofür
       die Partei steht, in Thüringen und auch sonst: Fundamentalopposition. Ein
       halbes Jahr vor [8][den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt] und
       Mecklenburg-Vorpommern hat Wagenknecht jüngst erneut eine
       Regierungsbeteiligung in Magdeburg und Schwerin ausgeschlossen: „Nach der
       Wahl wird das BSW weder für eine Koalition mit der AfD noch für eine
       weitere Brandmauer-Koalition gegen die AfD zur Verfügung stehen.“ Ende der
       Durchsage.
       
       ## Verpflichtungserklärungen in Mecklenburg-Vorpommern
       
       In Mecklenburg-Vorpommern hat die Partei schon mal vorgebaut. Wie [9][der
       dortige Landesverband] auf taz-Nachfrage bestätigt, mussten alle
       BSW-Bewerber:innen für einen Sitz im Landtag eine „Verpflichtungserklärung“
       unterzeichnen, sich im Parlament „loyal für die konkrete politische
       Ausrichtung und die zentralen politischen Vorhaben unserer Partei“
       einzusetzen. Anderenfalls werde man sein Mandat sofort niederlegen. Zuerst
       hatte der NDR berichtet.
       
       Alles halb so dramatisch, findet Thomas Schneider, Sprecher des BSW
       Mecklenburg-Vorpommern. „Das stellt ja erst mal nichts anderes dar als
       einen Appell an die moralische Verantwortung gegenüber den Mitstreitern im
       BSW.“ Alle blieben trotzdem frei in ihren Entscheidungen. Aber etwas Druck
       habe noch nie geschadet. Der Landesverband habe eben aus Brandenburg, aber
       auch aus Thüringen gelernt, so Schneider.
       
       Vielleicht stellt sich im September die Frage auch gar nicht mehr. Schon
       jetzt dümpelt das BSW in Sachsen-Anhalt wie in Mecklenburg-Vorpommern nur
       bei 5 Prozent herum. Was, wenn die Partei auch bei den Wahlen im September
       scheitert? Katja Wolf sagt: „Dann wird es schwer für das BSW als Ganzes.“
       
       9 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) [9] /Landtagswahlen-in-Ostdeutschland/!6140934
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Rainer Rutz
       
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 (DIR) Schwerpunkt Thüringen
 (DIR) Brombeer-Koalition
 (DIR) BSW
 (DIR) Sahra Wagenknecht
 (DIR) Eisenach
 (DIR) BSW
 (DIR) BSW
 (DIR) BSW
       
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 (DIR) Bündnis Sahra Wagenknecht: BSW-Mitgründerin verlässt Partei mit großem Knall
       
       Die Ex-Bundestagsabgeordnete Żaklin Nastić bricht mit der
       Wagenknecht-Partei – und teilt gegen die BSW-Chefin aus. In der
       Parteispitze ist man irritiert.
       
 (DIR) BSW-Bundesparteitag in Magdeburg: Bündnis Sahras Wutbürger
       
       Auf dem Bundesparteitag der Wagenknecht-Partei wird ständig von Aufbruch
       gesprochen. Über Strecken wirkt es eher, als stünden die Zeichen auf
       Abbruch.
       
 (DIR) BSW-Parteitag in Thüringen: Katja Wolf setzt sich wieder durch
       
       Sahra Wagenknecht hat dem Landesverband in Thüringen einen neuen Vorstand
       empfohlen. Doch ihre Favoritin verliert deutlich.