# taz.de -- BDSM-Master: „Ich sage stolz, dass ich Nutte bin“
       
       > Neal Brüwer ist ein ungewöhnlicher Sexarbeiter: 25 Jahre war er als
       > Manager in der Techbranche tätig. Heute arbeitet er im BDSM-Studio in
       > Berlin.
       
 (IMG) Bild: Neal Brüwer: Burn-out in der Tech-Branche, jetzt Sexarbeiter
       
       Eine süßliche Parfumwolke schlägt einem entgegen, als der Dominus die Tür
       öffnet. Neal Brüwer trägt sein langes blondes Haar zu einem Zopf gebunden,
       an seinem Hals zeichnen sich dunkle Knutschflecken ab, an seinem Arm blaue
       Flecken – „Vampirunfall“. Hinter dem Sexarbeiter erstreckt sich ein langer,
       dunkler Flur. An den schwarzen Wänden hängen beleuchtete Lederpeitschen in
       prunkvollen Rahmen. Leiser Techno pulsiert, es riecht nach Schweiß und
       Linoleum. Durch die offenen Türen entlang des Gangs blitzen Fixiergeräte.
       
       Im Atrium, dem [1][größten Domina-Studio Berlins] in Schöneberg, herrscht
       an diesem Dienstagmorgen Vollbetrieb. Leicht bekleidete Frauen und Männer
       huschen durch die schummrig beleuchteten Räume; der Puffbesitzer repariert
       gerade die Toilette. In zehn „Spielzimmern“ und einem „Gefängnis“ bietet
       ein Kernteam aus rund 40 Frauen und 7 Männern BDSM-Sessions an.
       
       Neal Brüwer führt in das „Shades“-Zimmer, benannt nach dem Film „50 Shades
       of Grey“, und lässt sich auf die rote Matratze sinken. „Ich war noch nie
       wirklich normal“, sagt er und lacht. „Ich war bloß gut darin, mich der
       Gesellschaft anzupassen.“ Vom Lattenrost gehen dicke Stahlketten ab. Über
       dem Bett hängen Peitschen in allen Farben und Formen: dicke, dünne,
       geflochtene, daneben knallrote Schuhanzieher und Holzkochlöffel.
       
       „Ich habe mich und meine Sexualität erst wirklich kennengelernt, als ich
       vor 7 Jahren nach Berlin gezogen bin“, erzählt er. Brüwer ist kein
       gewöhnlicher Dominus: Der 43-Jährige besuchte europaweit Privatschulen,
       studierte International Business in England und war über 25 Jahre als
       Gründer und Manager internationaler Tech-Unternehmen tätig. Vor rund 10
       Jahren begann er, schleichend nebenbei als BDSM-Master zu arbeiten – ein
       Interesse, das ihn bis dahin nur privat reizte. Während er sein viertes
       Unternehmen gründete, machte er parallel eine Ausbildung zum Dominus.
       
       ## Von der Tech-Branche zum Vollzeitsexarbeiter
       
       „In der Tech-Branche wurde ich als ein Stück Fleisch gesehen, das Geld
       macht“, sagt Brüwer heute. „Dort habe ich mich mehr als Nutte gefühlt als
       jetzt.“ Wie man sich fühlt oder was sozial ist, spiele in dem Bereich kaum
       eine Rolle. Nach seinem zweiten Burn-out habe er dann vor einigen Jahren
       entschlossen: „Ich will das nicht. Ich werde Vollzeitsexarbeiter.“
       
       Brüwer nimmt einen Schluck Kaffee. Auf der Tasse ist eine Puppe mit
       Peitsche abgebildet. „Zuckerbrot ist aus“ steht darunter. „Neun Jahre lang
       habe ich meine Tätigkeit als Dominus komplett versteckt“, erzählt er
       weiter. Grund sei vor allem seine Betätigung in Start-ups mit US-Investoren
       gewesen, in denen strenge Sittlichkeitsklauseln galten.
       
       Als er aufhörte, dort zu arbeiten, machte er es öffentlich, erzählte es
       Familie und Kolleg*innen und stellte sogar sein LinkedIn-Profil auf
       „Professional Dominus“ um. „Die Reaktionen waren gemischt“, sagt Brüwer –
       viele positiv, einige hätten ebenfalls ihre Verbindung zur Szene
       offengelegt. Andere, insbesondere Geschäftsführer und Manager, hätten sich
       distanziert.
       
       Die Arbeit ist nach wie vor stigmatisiert, die Antisexarbeits-Bewegung
       einflussreich: Sexarbeiter*innen berichten von geschlossenen
       Bankkonten, abgelehnten Mietverträgen oder Jobkündigungen bei Bekanntwerden
       ihre Tätigkeit. „Es braucht Entstigmatisierung“, sagt Brüwer. „Nutte darf
       kein Schimpfwort sein.“
       
       Vom „Shades“-Zimmer führt der Dominus über die öffentliche „Spielwiese“ in
       das silberne Zimmer. Entlang des Weges reihen sich Boxen mit allem, was die
       Sexarbeiter*innen so brauchen: Fisting-Tools, Atemmasken, Nippel Toys,
       Analplugs, Sklav*innenzubehör. Im silbernen Zimmer steht ein silbernes Bett
       mit lila Matratze, auf dem Nachttisch liegen Stahlpeitschen mit
       Glitzersteinchen. In der Ecke ein Käfig, daneben ein meterhohes
       Metallgestell, das einem Foltergerät gleicht – das Andreaskreuz. „Daran
       werden Menschen fixiert und gedreht“, erklärt Brüwer. Im Studio gibt es
       zahlreiche solcher Gestelle, etwa „Sklavenstühle“ auf denen „Spielzeuge“
       (Kund*innen) öffentlich festgebunden und von vorbeilaufenden
       Sexarbeiter*innen bespaßt werden.
       
       ## Fast alle Fetische werden bedient
       
       Brüwers Spezialgebiete sind Gefängnis- und Militärsessions sowie
       Rollenspiele mit Verhör und Spionageszenarien – die können bis zu 48
       Stunden dauern, samt Inhaftierung und Schlafentzug. „Es kommen 60-Jährige
       ehemalige NVA-Soldaten, die sagen: Damals, als der Offizier mich
       angeschrien hat, habe ich einen Ständer bekommen. Das wollen sie dann
       wiedererleben“, erzählt Brüwer.
       
       In der [2][Fetischklinik, die sich auf der gleichen Etage wie das Atrium
       befindet,] bietet er zudem gelegentlich als „Dr. Samael“ klinische
       Rollenspiele an. Er sei grundsätzlich offen für alles, nur „Kaviar“ und
       „römische Spiele“ seien Tabu. Übersetzt: „Alles, was mit Kotze und Kot zu
       tun hat.“ Es würden aber auch Kund*innen Sessions buchen, nur um ihm die
       Haare zu bürsten.
       
       Als professioneller Dominus verdient Brüwer nicht schlecht: 300 Euro kostet
       eine Stunde mit ihm. Trotzdem sei der Wechsel zum Vollzeitsexarbeiter für
       ihn zunächst ein „krasser finanzieller Downgrade“ gewesen. In seinen
       früheren Positionen sei er auf ein Jahreseinkommen von 200.000 bis 300.000
       Euro gekommen – inklusive Aktienoptionen, Boni und Firmenwagen. „Aber zu
       welchem Preis?“, fragt er rückblickend.
       
       Würde er, wie früher, eine 60-Stunden-Woche arbeiten, könnte er heute
       ähnlich viel verdienen, meint Brüwer. Seine Arbeit möchte er daher
       technisch effizienter gestalten. „Du kannst den Dom aus dem Tech
       rausnehmen, aber nicht Tech aus dem Dom“, sagt er und lacht. Gerade tüftelt
       er an einem Start-up für KI-Lösungen in dem Bereich – unter anderem ein Bot
       für Kalendermanagement und Sessionplanung. Denn viel Zeit gehe für die Vor-
       und Nachbereitung verloren: Kommunikation mit Gästen, Organisation und
       Reinigung.
       
       Gegen die Abwertung seines Berufs wehrt sich Brüwer: „Ich bin bürgerlich,
       habe als Topmanager gearbeitet und sage stolz, dass ich Nutte bin.“ Für die
       Rechte von Sexarbeiter*innen setzt er sich deshalb als Vorstand des
       Berufsverbands für erotische und sexuelle Dienstleister ein. Die
       Entkriminalisierung von Sexarbeit reiche nicht, es brauche die
       Legalisierung, fordert Brüwer. Zudem müsse [3][das Nordische Modell endlich
       vom Tisch.] „Wir wollen endlich einen sicheren Rahmen.“
       
       1 Jun 2026
       
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