# taz.de -- Vater und Sohn: Im Hyperpop den Wald finden
> Der Vater unseres Kolumnisten liebte den Wald und hielt sich drinnen tote
> Dinge. Der Sohn hält sich drinnen Pflanzen und sucht draußen das
> Künstliche.
(IMG) Bild: Die Pfarrerin verglich das Leben meines Vaters mit einem Baum
In Deutschland [1][sterben jedes Jahr mehr Menschen] als geboren werden.
Ich nicht. Mein Freund und Bandkollege schon. Du nicht. Mein Stiefvater
schon. Ihr nicht. Mein Vater schon. Vor sechs Monaten.
Es gibt auch viele andere, viel zu viele. Aber ich kenne keine anderen. Ich
kannte nur sie. Mein Vater war der tollste Mann meines Lebens: der Einzige,
der mich liebte ohne Kalkül und der Einzige, der mich schlug ohne
Konsequenzen.
Unsere Beziehung war zuletzt gut, doch es blieb vieles ungesagt. Auf seiner
Beerdigung standen 121 Menschen bei prasselndem Sommerregen im Wald und
starrten auf ihre Schuhe. Die Pfarrerin verglich das Leben meines Vaters
mit einem Baum. Die Metapher war weniger cringe, als ich befürchtet hatte.
Später, bei Kaffee und Kuchen, klopften mir Leute, die ich nur aus
Erzählungen kannte, auf die Schulter und erzählten von der Version einer
Version meines Vaters, die ich mir ganz anders vorgestellt hatte.
Einigen davon begegne ich jetzt in seinem Arbeitszimmer. Die einzige CD,
die er uns hinterließ, ist „The California Sound of the 60s“. Daneben steht
eine Kugel aus Glas und daneben ein Wildschwein aus Holz. An den Wänden
hängen Geweihe und ausgestopfte Tiere, ein Bussard und ein Fuchs, der immer
lächelt, wenn ich ihn anschaue.
In Wohnungen von Toten sprechen die Dinge plötzlich miteinander. Bei meinem
Vater nicht, er hat nie verbunden, was nicht mit bloßen Augen zusammenhing.
Natur und Kultur waren getrennt. Mein Vater wuchs noch in Schwarz-Weiß auf.
Als Kind bekam er nur Schokolade, wenn genug Kartoffeln und Eier zum Tausch
da waren.
## Entfremdung und Nähe
Ich tauschte mein Leben auf dem Land gegen das in der Stadt ein. Ich wollte
alles, was getrennt war, auflösen, Körper und Geist und vor allem: Arbeit
und Leben.
Mein Vater vermittelte mir schon früh, dass Arbeiten das Wichtigste sei. Ab
14 verdiente ich eigenes Geld und lernte, klarzukommen. Wenn ich nach der
Schicht bei OBI nach Hause kam, war ich seltsam zufrieden. Es ist bis heute
so: In Kontakt mit dem institutionalisierten Irrsinn fühle ich mich
verbunden. Gerade, weil ich mir dann selbst am fernsten bin. Die
Philosophie nennt das Entfremdung. Ich nenne es Nähe.
Vielleicht liebe ich deshalb Musik, die künstlich ist, [2][Jungle oder
Hyperpop]. Hier spricht jene nicht-menschliche Kraft mit mir, die mich
sonst kaputt macht. Auch Klang ist eine Natur – nur aufhängen lässt sie
sich nicht.
Der Wald, den ich verlassen habe, um prekär in einer Großstadt zu leben,
ähnelt dem, den mein Vater so liebte. Sehr verschieden war unser Begriff
von Natur. Er liebte es, im Wald zu sein und hielt sich drinnen tote Dinge.
Ich halte drinnen lebendige Pflanzen und suche draußen das Künstliche.
Als wir jünger waren, machten wir uns lustig über die Dinge meines Vaters.
Wir hielten uns für schlau. Ironie war unser Schutz vor einer Welt, gegen
die selbst die Gewehre im Waffenschrank nichts ausgerichtet hätten.
Inzwischen habe ich eine innige Beziehung zu den Dingen aufgebaut, die
unser Vater hinterlassen hat – zärtlicher als wir je miteinander waren.
Vielleicht stopfe ich die Dinge deshalb mechanisch in Müllsäcke. Dabei höre
ich eine Lesung von frühen queeren Gedichten von [3][Eileen Myles]. Diese
radikale Lebendigkeit und diese toten Dinge. Mein neuer Wald.
2 Mar 2026
## LINKS
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## AUTOREN
(DIR) Philipp Rhensius
## TAGS
(DIR) Kolumne Was macht mich?
(DIR) Spielfilm
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