# taz.de -- Jahreswechsel in Neukölln: Ein Moment purer Möglichkeit
       
       > Zwischen dem kollektiven Wahn der Silvesternacht und ihren Ruinen liegt
       > die Chance zu radikaler Erneuerung. Also, auf ins Ungewisse!
       
 (IMG) Bild: Am Tag danach: Asche, Müll, ausgebranntes Feuerwerk – und viel Raum für Neues
       
       Das Jahr ist neu. Hochzeit für Lebensortierer. Ich bin der Vater meines
       Mülleimers. Ein ziemlich schlechter. Ich werfe Obstschalen, Alufolie und
       Taschentücher rein. Die Hausverwaltung verzichtet auf Biomüll. Ich habe
       ohnehin keine Lust auf die Trennung von Dingen, die mich zur Maschine
       machen: sei es die von Nähe und Distanz, Körper und Emotion – richtig und
       falsch.
       
       Vorgestern war in Berlin die Nacht der Nächte. Wir feiern privat in kleiner
       Runde. Essen, abhängen, Musik hören, Scheiße labern.
       
       Kurz vor 12 stehe ich am Fenster. Lasse mich einsaugen von der doppelten
       Buchführung der Wirklichkeit: Ich sehe die Stadt und ich sehe die Freunde,
       die sich spiegeln. Irgendwie gehört das zusammen. Blaulichter tauchen das
       Geschehen in ein bewegtes Mondrian-Gemälde. [1][Ich finde meine
       Freund*innen schön.] Sie haben so viel zu geben. Ich möchte ihnen das
       sagen, doch es ist mir unangenehm, vielleicht kontraproduktiv. Worte
       neutralisieren Erfahrung. Einmal ausgesprochen, muss die nächste Erfahrung
       stärker sein, um gegen die Worte bestehen zu können.
       
       Die Sonnenallee ist gegen Mitternacht seltsam still. An jeder Ecke Polizei.
       Regungslos steht sie da wie die Wachen der Königlichen Garde am Buckingham
       Palace. Nur martialischer, mit Helmen statt Bärenfellmützen, mit Pistolen
       statt mit Gewehr-Attrappen und womöglich auch schlechter bezahlt. Vor ihnen
       mobile Zäune, dahinter Scheinwerfer heller als die Sonne.
       Feuerwerk-Verbotszone. Staatstheater ohne Publikum. Wie ein schief
       gelaufener Joke in einer Sitcom, bei dem das Lachen der Zuschauer trotzdem
       eingeblendet wurde.
       
       ## Ist das die Zukunft?
       
       Sehnsüchtig schauen wir in Richtung der parallel verlaufenden
       Karl-Marx-Straße. Raketen und Böller fliegen in alle Richtungen.
       Hunderttausende Fremde vereint im kollektiven Wahn. Ein Orchester ohne
       Dirigent. Eine spontane Gemeinschaft, ein Experiment, so deep und banal,
       dass ich mich frage, warum das hierzulande so selten passiert.
       
       Ein neues Gefühl, das Chaos zu bestaunen, ohne Angst, selbst eine Rakete
       abzubekommen. Ist das die Zukunft? Eine Stadt, so aufgeräumt wie in den
       Kinderbüchern, die an Weihnachten verschenkt werden?
       
       Am nächsten Tag liegt überall Feuerwerk, das niemand mehr anzündet. So wie
       mich. Vielleicht sollte ich einfach mal schlafen. Aber der Spaziergang
       durch die Ruinen ist ein wichtiges Ritual. Ich passiere ein ausgebranntes
       Auto. Das ist wohl mein Kiez. Hier lässt sich Geböller nicht domestizieren.
       Tut mir leid für die Besitzer.
       
       In Japan werden Menschen, die ihren Müll nicht richtig trennen, künftig
       öffentlich bloßgestellt.
       
       ## Ein Glücksbringer für eine Welt, die sich keine Wunder zutraut
       
       Vor dem Autowrack steht ein Mann. Ein Baby hängt an seiner Brust. In der
       Hand hält es ein [2][Labubu]. Wie ein Glücksbringer für eine Welt, die sich
       keine Wunder zutraut. Auf der Cap des Vaters steht „Pussy“. Meint er sich
       selbst? Das Baby? Mich?
       
       Welche Zukunft sieht das Baby beim Betrachten des Autos? Spürt es, dass es
       ständig Projektion für unverbrauchtes Leben sein muss?
       
       Ich schaue nochmal auf die Cap des Mannes. Krass, da steht was ganz
       anderes, als ich dachte: „Stussy“.
       
       Das Jahr ist neu. Kommt so nie wieder. [3][Ein Moment purer Möglichkeit.]
       
       Also, trinkt Champagner. Oder Traubensaft. Seid bescheuert. Betäubt den
       Schmerz mit übertriebenem Begehren. Küsst eure Fehler.
       
       4 Jan 2026
       
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