# taz.de -- Vergewaltigung in einem Jugendzentrum: Falsch verstandene Solidarität
       
       > Neuköllns Jugendstadträtin hat viel zu erklären, aber sie hat inzwischen
       > auch gehandelt. Ihre Partei, die Linke, täte gut daran, die Aufarbeitung
       > zu unterstützen.
       
 (IMG) Bild: Das besagte Jugendzentrum in Neukölln wurde inzwischen bis auf Weiteres geschlossen
       
       In Neukölln erhärtet sich gerade ein schlimmer Verdacht.
       Mitarbeiter*innen des Jugendamts haben offenbar viel zu spät und
       zögerlich auf eine mutmaßliche Vergewaltigung in einem Jugendzentrum
       reagiert, weil sie [1][die Täter vor Stigmatisierung und einem
       Generalverdacht schützen] wollten. Die muslimischen Jugendlichen seien
       schon genug im Visier der Polizei, soll die verantwortliche
       Sozialraumkoordinatorin demnach gesagt haben.
       
       So jedenfalls ist es zu lesen [2][in einer eidesstattlichen Versicherung,
       die Mitarbeiter*innen des Mädchenzentrums] am Dienstag an die
       Stadträtin und den Jugendhilfeausschuss gesendet hatten. Das Mädchenzentrum
       befindet sich neben dem bezirkseigenen Jugendclub in der Wutzkyallee, wo
       die mutmaßlichen Taten stattfanden. In der eidesstattlichen Versicherung
       werden Aussagen wieder gegeben, die im Austausch mit Mitarbeiter*innen
       des Jugendclubs gefallen sein sollen. Der Tagesspiegel hatte zuerst
       berichtet. In den Akten gibt es zu diesen Treffen wohl keine Protokolle.
       
       Es ist eine komplett falsch verstandene Solidarität, wenn mutmaßliche Täter
       aus Sorge vor Rassismus gedeckt werden. Es ist auch eine komplett falsche
       Reaktion auf den realen Rassismus in der Gesellschaft. In diesem Fall ist
       das insbesondere deshalb fatal, weil damit sexualisierte Gewalt und
       Übergriffe überdeckt werden, denen ein 16-jähriges Mädchen mutmaßlich
       ausgesetzt war. Die Sorge vor einer möglichen Diskriminierung wurde über
       reale patriarchale Gewalt gestellt.
       
       Hier zeigt sich, wie wichtig es ist, grundsätzlich intersektionale
       Perspektiven einzuüben. Denn die erlauben den Blick darauf, dass auch von
       Menschen, die selbst von Diskriminierung betroffen sind, Diskriminierung
       und Gewalt und Rassismus ausgehen kann, was eigentlich eine Binse ist. Das
       wiederum ist die Grundlage dafür, sexistisch oder misogyn auftretende
       Jugendliche in die Schranken zu weisen. Und sie nicht in Schutz zu nehmen,
       nach dem Motto „So sind Jungs halt“.
       
       Helfen würde übrigens auch eine großzügige Finanzierung von Jugendarbeit,
       mit entsprechender Ausstattung und genug Zeit für tiefergehenden Austausch,
       Fortbildungen und Reflexion der Mitarbeiter*innen. Aber das nur am Rande.
       
       Die Empörung darüber, wie das Jugendamt – auch als Träger des Jugendclubs
       Wutzkyallee – wohl Täter schützte, sollte gleichzeitig nicht vergessen
       machen, dass auf allen Ebenen von Verantwortlichen gravierende Fehler
       gemacht worden sind. So hat das Mädchenzentrum nach eigener Darstellung in
       seiner eidesstattlichen Versicherung zwar darauf gedrängt, dass das
       Jugendamt Anzeige erstattet. Doch als das nicht passierte, hätte es diese
       Anzeige selbst auf den Weg bringen müssen. Warum ist das nicht erfolgt?
       
       ## Wieso hatte das Jugendamt keinen Kontakt zum Opfer?
       
       Beim Jugendamt wiederum scheint es so gewesen zu sein, dass dieses keine
       Anzeige ohne Rücksprache mit dem Opfer erstatten wollte. [3][Sich zu
       versichern, ob das mutmaßliche Opfer „anzeige- und aussagebereit“ ist,
       erscheint rücksichtsvoll]. Doch wie kann es sein, dass das Jugendamt lange
       Zeit wohl gar keinen direkten Kontakt zu dem Opfer hatte?
       
       Im Raum steht auch, dass das kommunale Jugendzentrum ohne Schutzkonzept
       gearbeitet hat oder dieses zumindest nicht angewandt hat. Wenn das stimmt,
       wie ist das dann in den Jugendzentren anderer Stadtteile? [4][Berlins
       Jugendsenatorin hat alle Bezirke nun aufgefordert, die Schutzkonzepte ihrer
       Einrichtungen vorzulegen]. Dass das notwendig scheint, auch das wirft
       Fragen auf.
       
       Auch [5][Jugendstadträtin Sarah Nagel (Linke) selbst wird zu erklären
       haben, warum sie erst so spät von den Vorfällen] erfahren hat und zunächst
       so zögerlich reagierte. Hat sie so wenig Kontakt zu ihrem eigenen
       Jugendamt? Gegen Nagel und die Leiterin des Jugendamtes ist inzwischen ein
       Ermittlungsverfahren wegen Strafvereitelung im Amt anhängig. Gegen zwei
       Betreuerinnen des Jugendclubs ist Strafanzeige wegen unterlassener
       Hilfeleistung erstattet worden.
       
       Aktuell kann man Nagel den Willen zur Aufklärung und Aufarbeitung aber
       nicht absprechen. Dazu gehört, dass externe Akteur*innen zur
       Untersuchung der Vorkommnisse dazu geholt werden. Auch die Schilderungen
       der Mitarbeiter*innen des Mädchenzentrums hat Nagel zum Anlass
       genommen, Konsequenzen zu ziehen. Eine Mitarbeiterin des Jugendamts wurde
       bereits versetzt.
       
       Nagels Parteigenoss*innen von der Linken haben der CDU zu Recht
       Instrumentalisierung der Vorfälle vorgeworfen. Was die Ereignisse selbst
       betrifft, sind die Linkenpolitiker*innen bei der
       Bezirksverordnetenversammlung am Mittwochabend aber [6][auffallend vage]
       [7][und defensiv] geblieben. Dabei sollte gerade die Linke die Aufklärung
       an erster Stelle vorantreiben. Eine Zurückhaltung aus Wahlkampfüberlegungen
       käme einem weiteren Vertuschen und Verschleiern gleich. Es wäre die
       Fortsetzung des Skandals.
       
       27 Mar 2026
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Uta Schleiermacher
       
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