# taz.de -- Nachruf auf Alexander Kluge: Geschichte war seine Obsession
> Das Wesen des Filmemachers und Schriftstellers Alexander Kluge strahlte
> stets Leichtigkeit aus. Dabei war der Rohstoff seiner Arbeit der Krieg.
> Ein Nachruf.
(IMG) Bild: Alexander Kluge 1966 bei den Dreharbeiten zu „Abschied von Gestern“
Geschichtslehrerin Teichert will einen anderen Umgang mit ihrem Fach. Sie
glaubt, dies „den Toten der Kriege“ schuldig zu sein. Als „wilde Maus“
gemobbt, macht sie sich in Gestalt der wunderbar trotzigen Hannelore Hoger
auf die Suche nach der fehlenden Dimension. Alexander Kluges Filmessay „Die
Patriotin“, ein Klassiker seiner experimentierfreudigen Filmkunst,
persiflierte 1979 die Geschichtsblindheit bornierter Schulbürokraten und
passend dazu gängige Politikrituale, wenn zum Beispiel auf einem
SPD-Parteitag Debatten im Saal durch einen Leitantrag kurzgeschlossen
werden.
Es ging jedoch um mehr als Realsatire, Spielszenen komponierte er radikal
in eine wilde Mischung heterogener Bild-, Text- und Musikzitate hinein.
„Die Patriotin“ evozierte einen Stream of Consciousness der verdrängten
„Wünsche, Hoffnungen, Ironie, Skepsis, Protestenergie und Irrtümer“, auf
die es ihm ankam.
Auch seine unfassbar üppige Produktion lakonischer Kurz- und
Kürzestgeschichten war stets in Texturen aus historischem Found Footage
eingebettet. In einer Art Wunderkammer enzyklopädischen Wissens unterzog
Alexander Kluge Lageberichte, Landkarten, Grafiken, Karikaturen und
Fotografien seinen pointierten Analysen, holte Subtexte und Widersprüche
ans Licht und erfand neue Geschichten hinzu.
Das „aktive“ Publikum, das ihm am Herzen lag, wurde zu eigenen
Assoziationen aufgefordert. Als Work in Progress experimentierten Kluges
Bücher und Filme mit unterschiedlichen Perspektiven und Zeitebenen,
provozierten das „Kino im Kopf“, das die einzige Form seriöser Aufklärung
darstellte, von der sich Alexander Kluge Wirkung versprach.
## Anregung zu undogmatischer Gedankenarbeit
Kaum zwei Jahre nach der Gewalteskalation infolge der RAF-Entführung des
Daimler-Managers Hanns Martin Schleyer 1977 und ein Jahr nach „Deutschland
im Herbst“, dem kooperativen Versuch der Münchener Szene, ihr Entsetzen in
einem Episodenfilm zu verarbeiten, regte Kluges „Patriotin“ zu
undogmatischer Gedankenarbeit an. Seine komplexen Materialkonstruktionen
folgten einer eigenen, geschichtstheoretisch fundierten Poetologie, die
sich als Kritik am sozialdemokratisch regierten Staat wie an der RAF
verstand. Sie lasen sich wie Menetekel der archetypischen deutschen „Kälte
und Unerbittlichkeit“, die Kluge auf beiden Seiten wiederkehren sah.
Schon 1969 ließ er seine Freundin Hannelore Hoger als Zirkusdirektorin Leni
Peickert in „Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos“ (1969) prototypisch
am Versuch scheitern, mit selbstbezogenen Egos (aka SDS-Größen) ein
glänzendes Reformprogramm auf die Beine zu stellen. Im selben Jahr lehnte
er Willy Brandts Angebot ab, als Innenminister in dessen erstes Bonner
Kabinett einzutreten.
Das Thema Geschichte in unterschiedlichsten Wissensfeldern war Kluges
Obsession. 1932 in Halberstadt in eine musische Arztfamilie geboren,
prägten ihn die Opern-Schallplatten des Vaters, vor allem jedoch die
unmittelbaren Erfahrungen als Kriegskind. Mit zehn folgte er noch der
verordneten NS-Propaganda zum Russlandfeldzug, mit dreizehn erlebte er das
Inferno amerikanischer Bomber- und Tieffliegerangriffe auf seine
Heimatstadt, die auch sein Elternhaus zerstörten.
Nur knapp überstand er einen Bombeneinschlag in zehn Meter Entfernung.
Möglich, mutmaßte ein Kluge-Exeget, dass die Leichtigkeit, die sein
gewinnendes Wesen ausstrahlte, aus dem vitalen Überlebenstriumph dieses
existenziellen Moments herrührte.
## Von der Anwaltskanzlei in die Literatur- und Filmszene
Rohstoff seiner Künste blieb lebenslang die Frage, was im Kriegschaos den
Einzelnen geschieht, wie katastrophale Entscheidungen aus Ehrgeiz,
Unterordnung und Größenwahn den Tod von Hunderttausenden an militärischen
und zivilen Fronten auslösen und wie die Traumata in den absurdesten Formen
nachwirken.
Nach der Scheidung der Eltern mit der Mutter nach Westberlin gezogen,
machte er dort das Abitur, studierte in Freiburg, München und Frankfurt
(Main) Jura, Philosophie und Kirchenmusik und wurde 1955 mit einer
Dissertation über die juristischen Grundlagen studentischer Mitbestimmung
promoviert.
Der Überflieger trat zwar in eine Kanzlei ein, nutzte aber Netzwerke, um
sich einen Platz in der Literatur- und Filmszene zu erobern. Theodor Adorno
vermittelte dem „lieben Axel“ ein Praktikum bei Fritz Lang, als der seinen
Stummfilm „Der Tiger von Eschnapur“ in den CCC-Studios in Berlin
neuverfilmte.
In kurzer Zeit stieg Alexander Kluge zu einer Leitfigur des literarischen
und kinematografischen Aufbruchs in der Bundesrepublik auf. Sein mit Peter
Schamoni realisierter Kurzfilm „Brutalität in Stein“ (1961) über die
monströse NS-Architektur in Nürnberg war der Einstand beim einflussreichen
Kurzfilmfestival in Oberhausen.
Im Jahr darauf präsentierte er dort das legendäre Manifest, mit dem sein
Zirkel aus Münchener Kurzfilmern und Kameraleuten den Anschluss an das
europäische Autorenkino proklamierte. Parallel gründete er seine
Filmproduktionsfirma Kairos, und mit Edgar Reitz begann er 1962 zudem, das
Filmstudium an der Hochschule für Gestaltung in Ulm theoretisch und
praktisch auszuformen.
## Gast der Gruppe 47
Ebenfalls 1962 reüssierte er mit seinem ersten, später mehrfach erweiterten
und zur Schullektüre avancierten Kurzgeschichtenband „Lebensläufe“ als neue
Stimme der Nachkriegsliteratur. Er beschrieb Biografien von Tätern und
Opfern des NS bis in die 1960er-Gegenwart, lakonisch sachlich wie
Fallbeispiele der juristischen Kasuistik. Mit diesem Debüt und dem
folgenden Erzählungsband „Schlachtbeschreibung“ war Kluge Gast der Gruppe
47, was im bundesdeutschen Literaturbetrieb einem Ritterschlag gleichkam.
Kluges Langfilmdebüt „Abschied von gestern“ nach einer Geschichte aus
„Lebensläufe“ trug ihm 1966 den Silbernen Löwen in Venedig und höchste
Auszeichnungen im deutschen Film ein. Seine Schwester Karen (Alexandra)
Kluge verkörperte mit leuchtender Präsenz eine junge, aus Leipzig geflohene
Nachkommin von Holocaust-Überlebenden, die sich den tradierten
Exklusionsmechanismen der Bildungsinstitutionen und den Tücken des
kapitalistischen Alltags, nicht zuletzt dem patriarchalen Gehabe der Männer
stellen muss und darüber den sozialen Abstieg einer ledigen Mutter im
Gefängnis erlebt.
Kluge war maßgeblich in der juristischen Gestaltung des erkämpften neuen
Förderinstruments Kuratorium junger deutscher Film engagiert, er erkannte
die Tücken des schwächelnden deutschen Kommerzkinos, organisierte Bündnisse
mit der Filmkritik und Autoren/Produzenten und verfasste mit anderen
flammende filmpolitische Analysen, vor allem in Richtung der mächtigen
Fernsehanstalten, deren Beteiligung an der Autorenfilmförderung er
einforderte.
In den 1970ern erweiterte Alexander Kluge sein kulturkritisches Engagement
durch eine die Jahrzehnte überdauernde Kooperation mit dem
[1][Sozialphilosophen Oskar Negt]. Ihre Bücher „Öffentlichkeit und
Erfahrung“ (1972) sowie „Geschichte und Eigensinn“ (1981) kreisten um die
Idee einer emanzipatorischen Gegenöffentlichkeit bzw. einer
Arbeitsorganisation, die die subjektiven Produktionskräfte in den Blick
nimmt – beide ein geschätztes Vademecum der neuen Cultural Studies.
## Begeistert von Kooperationsprojekten
In seinen Filmen griff Kluge aktuelle Phänomene zunächst noch mit konzisen
Plotstrukturen auf. „Gelegenheitsarbeit einer Sklavin“ (1973) beschrieb den
Prototyp einer als Mutter und Abtreibungsärztin doppelt belasteten Frau.
„In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod“ (1974), einer
Ko-Regie mit [2][Edgar Reitz], hielt sich eine „Beischlafdiebin“ mit dem
Portemonnaie ihrer Kunden schadlos und beobachtete eine DDR-Spionin die
aggressiven Räumaktionen gegen Frankfurter Hausbesetzer. „Der starke
Ferdinand“ (1975) brillierte als Satire auf einen durchdrehenden
Ex-Polizisten und Werkschützer.
1982 in Venedig mit einem Ehrenpreis geehrt, wandte sich Kluge in der
Anthologie „Bestandsaufnahme: Utopie Film“ (1983) der zunehmenden Krise des
neuen deutschen Films zu. Einen Frischling in Sachen Filmgeschichte wie
mich bat er beispielsweise um eine „Liste des Unverfilmten“ und akzeptierte
den Beitrag unverändert, wie immer begeistert von Kooperationsprojekten.
Er beteiligte sich an Omnibusfilmen über den Kanzlerkandidaten Franz Josef
Strauß und die Friedensbewegung gegen die Stationierung amerikanischer
Mittelstreckenraketen in der BRD. Sein Film „Die Macht der Gefühle“ (1983)
versuchte in einem Gewitter aus absurden Plotskizzen und Opernszenen, der
Liebe und dem musikalischen „Kraftwerk der Gefühle“ auf die Spur zu kommen.
## Gespräche mit Wissenschaftlern und Künstlern
1987 erfand sich Alexander Kluge neu. Er gründete eine
TV-Produktionsplattform, die das Vakuum des gesetzlich geforderten
Kulturprogramms in den neu eingerichteten privaten Fernsehanstalten
kompensierte. Dreißig Jahre sendete dctp, Kluges Kooperation mit einer
kapitalstarken japanischen Werbefirma, zu späten Sendezeiten
Dokumentarfilme, vor allem jedoch seine eigenen Fernsehmagazine. In kurzen
Geschichtslektionen und [3][Spielszenen unter anderen mit Dadaisten wie
Helge Schneider] und Peter Berling sowie ausführlichen Gesprächen mit
Wissenschaftlern und Künstlern blieb er seinen Themen treu.
In seiner Schreibklause auf Schloss Elmau verfasste er bis ins hohe Alter
Bücher, darunter erweiterte Neuauflagen früherer Publikationen, versehen
mit QR-Codes, die den Zugang zu thematisch verwandten Filmen aus dem
dctp-Archiv ermöglichen.
Die traumatische Erinnerung ans Ende seiner Kindheit 1945 verarbeitete er
noch einmal in der „Kriegsfibel“ 2023, und sein Buch „Russland-Kontainer“,
gewidmet der „Russland-Liebe“ seiner in der DDR aufgewachsenen Schwester,
setzte sich in Collagenform mit der langen Geschichte des Austauschs und
der Konflikte zwischen beiden Ländern auseinander. Nach dem russischen
Überfall auf die Ukraine sprach er sich gegen deutsche Waffenhilfe aus. Am
25. März ist Alexander Kluge im Alter von 94 Jahren in München gestorben.
Alexander Kluges „Eigensinn“ und sein komplexes Spiel mit Widersprüchen im
„Geflitz seiner Ideen“ forderten heraus, seine Suche nach den
„Möglichkeitsräumen“ der Geschichte wird unvergessen bleiben.
26 Mar 2026
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## AUTOREN
(DIR) Claudia Lenssen
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