# taz.de -- Geopolitik im Weltraum: Die dunkle Seite
> Ab dem 1. April soll die Artemis-II-Mission den Mond umrunden. Die USA
> wollen ihre Vormachtstellung im All sichern, doch China holt auf.
(IMG) Bild: Rusty Schweickart, Pilot der Mondlandefähre der Apollo-9-Mission, am 10. Mai 2023 in einem Mond-Simulator in Bursa, Türkei
Am Startplatz 39B des Kennedy Space Center in Florida steht eine Rakete,
die größer ist als die Freiheitsstatue. In wenigen Tagen sollen vier
Astronaut:innen mit ihr abheben und den Mond umrunden. Es wäre der
erste bemannte Flug dorthin seit über 50 Jahren. Die Mission heißt Artemis
II, ihr Start ist für den 1. April geplant und soll ein großer Triumph der
USA werden. Denn sie ist mehr als ein Flug durchs All. Sie ist Teil
[1][eines machtpolitischen Weltraumwettlaufs], in dem die USA ihren
Vorsprung verteidigen wollen, während China mit enormer Geschwindigkeit
aufholt.
Washington weiß, dass die Zeit drängt. Kurz vor Weihnachten 2025
unterzeichnete Präsident Donald Trump ein Dekret, in dem er die Prioritäten
der US-amerikanischen Weltraumpolitik formulierte. Ziele sind die Festigung
der Führungsrolle in der Raumfahrt, [2][die Rückkehr zum Mond] und seine
wirtschaftliche Entwicklung sowie die Vorbereitung einer Reise zum Mars.
Am selben Tag wurde der Milliardär Jared Isaacman als neuer Nasa-Chef
vereidigt. Bei einer Anhörung im US-Senat kurz zuvor hatte er den Ton im
Wettrennen zum Mond zwischen den USA und China vorgegeben: „Wenn wir ins
Hintertreffen geraten – wenn wir einen Fehler machen –, holen wir diesen
Rückstand vielleicht nie wieder auf, und die Folgen könnten das
Kräfteverhältnis hier auf der Erde verschieben.“
Tatsächlich hat China in den vergangenen zwei Jahrzehnten eine rasante
Aufholjagd hingelegt. Peking betreibt mit Tiangong eine eigene Raumstation
und mit BeiDou ein eigenes globales Navigationssystem. China hat einen
erfolgreichen Antisatellitenwaffentest durchgeführt und arbeitet an einer
eigenen Megakonstellation, um satellitenbasiertes Internet anbieten zu
können.
## US-Vorsprung mit Musks Firma SpaceX
Wie ernst China es meint, zeigt auch ein Manöver, das die
Raumfahrtgeschichte so noch nicht gesehen hatte. Im Mai 2018 schoss Peking
den Satelliten Queqiao an einen Ort im All, an dem sich die
Gravitationskräfte von Erde und Mond so ausgleichen, dass ein Satellit dort
mit minimalem Treibstoff verweilen kann. Von dort hat Queqiao ständigen
Blickkontakt sowohl zur Erde als auch zur Rückseite des Mondes – jenem Ort,
der von der Erde aus niemals zu sehen ist, den kein Funksignal direkt
erreicht und der spätestens seit Pink Floyds legendärem Album als „die
dunkle Seite des Mondes“ bezeichnet wird. China [3][landete dort 2019 als
erstes Land überhaupt] und brachte 2024, ebenfalls als erste Nation, eine
Materialprobe von dort zur Erde.
Noch liegen die USA vorne im Weltraumrennen. Sie haben mit der Space Force
eine eigene Teilstreitkraft gegründet und lassen ein weltraumgestütztes
Raketenabwehrsystem entwickeln, auch Antisatellitenwaffentests haben sie
schon durchgeführt und leiten das Artemis-Mondprogramm mit mehr als 60
Partnerstaaten. Aber der US-amerikanische Vorsprung beruht zu großen Teilen
auf einem einzigen Privatunternehmen: Elon Musks Firma SpaceX.
2025 startete SpaceX über 160 Raketen. Das ist mehr als der Rest der Welt
zusammen. Seine Firma hat wiederverwendbare Raketenstufen entwickelt und
damit die Kosten pro Kilogramm in den Orbit um ein Vielfaches gesenkt.
Doch was passiert, wenn die Interessen dieses Unternehmens – oder die
Launen seines Besitzers – nicht mit den Interessen der Vereinigten Staaten
übereinstimmen? Donald Trump sorgt derzeit dafür, dass sich das
Kräfteverhältnis zwischen SpaceX und der Nasa mehr und mehr zugunsten von
Musk entwickelt, indem er der staatlichen Raumfahrtbehörde mit
Budgetkürzungen droht und Mitarbeitende entlässt.
## Machtkampf: der Wettlauf zum Mond
In China dagegen ist die Raumfahrt noch Staatssache. China ist langsamer
bei Innovationen – die chinesische Raumfahrtindustrie hat bisher keine
wiederverwendbaren Raketenstufen im Einsatz –, aber Peking hat eine
strategische Kohärenz, die den USA fehlt. Peking arbeitet seit Jahrzehnten
an derselben Agenda. Auch die neuen Pläne der Raumfahrtagentur, die im
Rhythmus mit den staatlichen Fünfjahresplänen entstehen, sind ambitioniert:
eine bemannte Mondlandung bis 2030, eine Marsprobenrückführung und der
weitere Ausbau der Raumstation Tiangong.
Besonders brisant in diesem Machtkampf ist der Wettlauf zum Mond, der mit
dem Start von Artemis II seinen nächsten Akt erleben soll. Doch die
tatsächliche Landung von US-Amerikanern auf dem Mond – ihr Termin wurde
bereits mehrfach verschoben – hängt dabei an der Fertigstellung der
Starship-Landefähre von SpaceX, die immer noch nicht voll erprobt ist. Und
damit an einem einzigen Unternehmen.
Auf der anderen Seite des Pazifiks liefen die Tests der chinesischen
Mondlandefähre und Schwerlastrakete nach Plan, wobei Chinas
Raumfahrtprogramm nicht unter den Augen einer kritischen Presse arbeitet.
Sollte sich das Artemis-Programm weiter verzögern, könnte es passieren,
dass chinesische Taikonauten 2030 den Mond betreten, während amerikanische
Astronauten noch auf ihren Lander warten. Dabei wollen die USA unbedingt
ihren strategischen Gegner schlagen. Der fast 70 Jahre alte Schock, als die
Sowjetunion 1957 den ersten Satelliten ins All schoss und die Amerikaner
nur Zweiter wurden, hängt ihnen bis heute nach.
Anders als damals ist der Mond heute nicht mehr nur ein Symbol, sondern
soll je nach Vision eine Mine, eine Forschungsstation oder eine kosmische
Tankstelle für Astronaut:innen auf dem Weg zum Mars werden. Wer dort
zuerst eine dauerhafte Basis errichtet, schafft Fakten, die sich
diplomatisch nur schwer rückgängig machen lassen.
## Chinas und Russlands Gegenprojekt
Genau deshalb stehen sich zwei konkurrierende Ordnungsmodelle gegenüber.
Das von den USA initiierte Artemis-Abkommen erlaubt die Förderung von
Mondressourcen ausdrücklich. Zudem sollen sogenannte Sicherheitszonen
zulässig sein, die das Einmischen anderer Staaten in die eigenen
Angelegenheiten verhindern. Im Rahmen des Artemis-Programms planen die USA,
eine Mondbasis am Südpol zu errichten und dort eine dauerhafte Präsenz zu
etablieren.
China und Russland haben mit der International Lunar Research Station
(ILRS) ein Gegenprojekt ins Leben gerufen. Auch sie möchten eine Mondbasis
am Südpol des Mondes errichten. Laut den Weltraumagenturen soll diese für
Forschung, Ressourcennutzung und mondgestützte Beobachtungen genutzt
werden.
Welcher Entwurf sich letztlich durchsetzen wird, entscheidet sich nicht am
Verhandlungstisch bei den Vereinten Nationen in New York. Sondern auf einer
staubigen Ebene am Südpol des Mondes.
30 Mar 2026
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## AUTOREN
(DIR) Enno Schöningh
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