# taz.de -- Trainieren für den Weltraum: Der Mond in Köln
       
       > Sollten Menschen erneut auf dem Mond landen, müssen sie vorbereitet sein.
       > Dafür trainieren sie in einer Halle – inklusive Staub und
       > Schwerelosigkeit.
       
 (IMG) Bild: Scheinwerfer an für Luna, die einzige Mondsimulationsanlage der Welt
       
       Wer einmal einen Tag am Strand verbracht hat, weiß, wie hartnäckig feiner
       Sand sein kann. Noch Wochen später findet man ihn in Schuhen und Taschen,
       zwischen Buchseiten und an anderen unmöglichen Stellen, und hofft, dass er
       nicht auch noch ins Handy gelangt ist.
       
       Ein ganz ähnliches Problem haben auch Mondreisende. Der Mond ist mit feinem
       Staub bedeckt, Regolith nennt er sich. Er ist durch zahlreiche
       Meteoriteneinschläge entstanden und hat unangenehme Eigenschaften. Denn wo
       es keinen Wind und kein Wetter gibt, sind Staubkörner nicht glatt
       geschliffen, sondern scharfkantig. [1][Mondstaub] ist außerdem stärker
       elektrostatisch aufgeladen, „klebt“ also mehr an Raumanzügen und
       Gegenständen.
       
       Passt man nicht auf, trägt man ihn überall mit hin, und anders als beim
       Strandsand ist das nicht bloß nervig, sondern potenziell gefährlich, wie
       schon die Astronauten der ersten bemannten Apollo-Mondmissionen vor über 50
       Jahren erfahren mussten: Regolith reizte ihre Augen und Atemwege,
       beschädigte zudem die Reißverschlüsse ihrer Anzüge.
       
       Auch die Dichtungen von Luftschleusen oder die Gelenke und die hochsensible
       Mikroelektronik von Raumfahrzeugen [2][kann Regolith angreifen]. Das alles
       macht den Staub auch für all diejenigen zu einem ernstzunehmenden Problem,
       die in der Zukunft zum Mond fliegen wollen. Und das sind gerade einige:
       [3][Indien], China, Russland – sie alle arbeiten an bemannten
       Mondmissionen, genau wie die US-amerikanische Nasa. In Kooperation mit den
       Raumfahrtagenturen aus Europa (Esa), Kanada (CSA) und Japan (Jaxa) betreibt
       die Nasa das Artemis-Programm.
       
       ## Nach Apollo fliegt Artemis ins All
       
       Ein erster unbemannter Erkundungsflug (Artemis I) fand im November 2022
       statt. In den kommenden Monaten fliegen vier nordamerikanische
       Astronaut:innen mit Artemis II um den Mond. Mit Artemis III und Artemis IV
       sollen schließlich noch in diesem Jahrzehnt und erstmals seit 1972 wieder
       Menschen den Mond betreten, darunter, so jedenfalls aktuell der Plan, auch
       ein Deutscher.
       
       Anders als beim Space Race der 1960er und 1970er geht es dabei nicht nur um
       die prestigeträchtige Landung an sich. Für Forschungszwecke, um Rohstoffe
       zu gewinnen und auch als Trainingslauf für eine mögliche Marsmission sollen
       die Astronaut:innen dieses Mal mehrere Wochen oder noch länger bleiben. Da
       ist jedes Mondstaubkorn zu viel, und wie man damit umgeht, das sollte man
       vorher üben.
       
       Der Ort, an dem das geht, befindet sich nahe dem Flughafen Köln-Bonn. Auf
       dem campusartigen Gelände des Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrums (DLR)
       [4][eröffnete im September 2024 Luna], die weltweit einzige
       Mondsimulationsanlage. Außen ein weißer Kubus mit elegant verkleideter
       Fassade, innen ein großer Sandkasten.
       
       45 Millionen Euro haben der Bau und bisherige Betrieb gekostet. Zum
       Vergleich: Das Artemis-Programm hat inzwischen über 80 Milliarden Dollar
       verschlungen. Die Idee zu Luna hatte die Esa im Jahr 2015 und von Anfang an
       war das DLR involviert, auch deswegen ist der Mond jetzt in Köln.
       
       Als man das Konzept auf Konferenzen vorgestellt habe, sei man anfangs eher
       ein wenig belächelt worden, erzählt Petra Mittler, eine der
       stellvertretenden Luna-Projektleiterinnen. Doch als sich das
       Artemis-Programm konkretisierte, war es damit vorbei. „Und ja, mittlerweile
       sind einige wohl ein bisschen neidisch. Aber da haben wir jetzt erst mal
       einen guten Vorsprung.“
       
       ## 900 Tonnen falscher Mondstaub
       
       Bevor Mittler ins Innere von Luna führt, müssen erst Maleranzüge – stilecht
       mit aufgeklebtem Luna-Abzeichen –, Überschuhe, ein Haarnetz und eine
       Atemmaske angelegt werden. So geht es in eine Übergangsschleuse. Das Innere
       soll vor profanem Erdstaub geschützt werden.
       
       Dann rollt das Tor hoch und gibt den Blick auf den Mond frei. Die Wände der
       700 Quadratmeter großen und 9 Meter hohen Luna-Halle sind schwarz
       verkleidet. In einer Ecke steht, so plakativ wie die Requisite eines
       B-Movies, ein Prototyp der europäischen Mondlandefähre Argonaut. Die
       entscheidenden Dinge spielen sich auf dem Boden ab. Rund 900 Tonnen feiner
       grauer Staub bedecken die Halle. Er bildet kleine Dünen und Täler, hier und
       da liegen Gesteinsbrocken. Mindestens 60 Zentimeter tief ist die Schicht,
       teilweise mehrere Meter.
       
       Es ist natürlich kein echter Mond-Regolith. Gewonnen wurde das Material
       quasi nebenan, in Königswinter im Siebengebirge. Das sei eher ein
       glücklicher Zufall gewesen, sagt Petra Mittler. Die Steinbrocken, die im
       Luna-Regolith verteilt liegen, stammen hingegen aus Süddeutschland, vom
       Ätna auf Sizilien und von den norwegischen Lofoten. Entscheidend sei stets,
       dass das Gestein in puncto Material und Beschaffenheit dem auf dem Mond
       möglichst gleicht.
       
       Wie bei einem Strandtag spielt in der Luna-Halle neben dem Sand auch die
       Sonne eine große Rolle. Die ist bisher ein mächtiger Filmscheinwerfer – ein
       neu entwickelter Sonnensimulator wird im Frühjahr eingebaut – und steht nur
       knapp überm Horizont, so wie sie es auch am Südpol des Mondes tut, dem
       [5][Ziel der Artemis-Mondmission und der vergleichbaren Programme] aus
       Indien, Russland und China.
       
       Hier gibt es Berggipfel, die fast immer im Sonnenlicht liegen, was gut für
       die Stromgewinnung mit Solarmodulen ist. Zugleich gibt es hier Krater im
       permanenten Schatten, ein möglicher Ort für die auf dem Mond als sicher
       geltenden Wasservorkommen.
       
       Nun verhält sich das Sonnenlicht auf dem Mond anders als auf der Erde.
       Selbst wenn die Sonne nur knapp überm Horizont steht, scheint sie grell,
       was abermals mit der fehlenden Atmosphäre zu tun hat. Ohne Moleküle in der
       Luft streut das Licht nicht wie zur Dämmerung auf der Erde, hell und dunkel
       bilden viel krassere Kontraste. Für Menschen ist das genauso
       gewöhnungsbedürftig wie für die automatische Geländeerkennung von Rovern
       und anderen Maschinen. Auch das muss also trainiert werden.
       
       ## Trainingsgelände oder Filmset – warum nicht beides?
       
       Seit der Eröffnung können Forschungsgruppen Luna für sogenannte Kampagnen
       buchen, das sind meist zwei bis drei Tage lange Aktionen, manche laufen
       über mehrere Wochen. Denn wie der echte Mond gehört auch dieser nicht
       exklusiv der Esa. Luna ist ebenfalls Forschenden anderer Nationen und
       Universitäten zugänglich, selbst kommerzielle Unternehmen können Vorhaben
       anmelden. „Die haben ihre Erkenntnisse dann nicht nur mitgenommen, sondern
       auch mit uns und der Wissenschaftscommunity geteilt“, sagt Petra Mittler.
       
       So machten im November Studierende mehrerer deutscher Hochschulen
       Probefahrten mit dem an der Uni Bremen entwickelten Janus-Rover, der
       irgendwann mal [6][durch das riesige Canyonsystem auf dem Mars rollen]
       soll. Und kurz zuvor testete ein Team von der Universität Tokio ein Gerät,
       das seismische Energie künstlich erzeugt und auch im Artemis-Programm zum
       Einsatz kommen wird.
       
       Es soll auf dem Mond die Dicke und Struktur des Regoliths bestimmen sowie
       Vorkommen von Wassereis im Boden orten. Genau für solche Zwecke sind im
       Luna-Regolith fast 1.000 Plexiglasteile versteckt. Auch einen Tunnel gibt
       es, der den röhrenförmigen Höhlen aus erkalteter Lava unter der
       Mondoberfläche entspricht.
       
       Nicht alles lässt sich in Luna simulieren, etwa das Beinahe-Vakuum auf dem
       Mond und die extremen Temperaturen, [7][die zwischen –233 und 123 Grad
       schwanken können]. Und dann ist da noch die Sache mit der Schwerkraft. Die
       beträgt auf dem Mond nur ein Sechstel der Erdgravitation. Alles ist
       leichter, auch man selbst.
       
       Da sich die Schwerkraft nicht einfach runterregeln lässt, wurde für Luna
       ein neuartiges Schwerkraftentlastungssystem entwickelt, das den größten
       Teil des Gewichts trägt. Puppeteer heißt es – Puppenspieler – weil
       Raumanzüge und Rover mit langen Strippen an der Decke befestigt sind. Durch
       ausgeklügelte Technik können diese sich aber nicht verheddern.
       
       „Wir müssen nichts choreografieren, die Astronauten können sich wirklich
       komplett frei bewegen, sich beliebig umeinander drehen“, sagt Petra
       Mittler. „So können wir zum Beispiel auch Notfallrettungsszenarien üben.“
       Zumindest, wenn alles klappt: Der Übungsbetrieb des Systems soll im Sommer
       starten.
       
       Ebenfalls in 2026 soll auch das sogenannte Flexhab nutzbar sein und durch
       einen direkten Zugang samt Schleuse mit der Luna-Halle verbunden werden.
       Mit ihm lassen sich mehrtägige Missionen komplett isoliert von der
       Außenwelt simulieren. Der umgebaute Frachtcontainer bietet vier
       Schlafkojen, Arbeitsflächen für Experimente, eine Küchenzeile, eine
       Nasszelle, ein Fitnessgerät, eine Sitzecke, alles auf weniger als 30
       Quadratmetern. Auch die Enge trainiert für spätere Einsätze.
       
       Fragt sich nur, was passiert, falls dem Artemis-Programm mal das Geld
       ausgeht. Finanziell trägt es vor allem die Nasa und damit die US-Regierung.
       Doch bei Donald Trump kann man sich nie sicher sein, ob er irgendwann das
       Interesse verliert, oder das Programm für eine öffentlichkeitswirksame
       Haushaltskürzung auf eine repräsentative Landung ohne weitere Aufenthalte
       eindampft – einfach nur, um im Space Race mit China als Sieger dazustehen.
       
       Petra Mittler macht das wenig Sorgen. „Die Idee aber, dass Menschen wieder
       zum Mond fliegen, wird nie ganz verschwinden“, sagt sie. „Es ist klar, dass
       eine Reise zum Mars anders nicht möglich ist. Deshalb ist es nur eine Frage
       der Zeit, bis zukünftige Mondreisende nach Köln kommen, um in Luna zu
       trainieren.“
       
       Diese hätten dann voraussichtlich noch mehr Möglichkeiten, sich im Sand
       auszutoben. So soll es irgendwann ein Regolith-Eis-Gemisch in der
       Luna-Halle geben. Grundsätzlich gibt es für Mondmissionen auch die Idee,
       den Regolith unter hohen Temperaturen zu festen Strukturen zu verbacken und
       auf diese Weise [8][Baumaterial] direkt vor Ort zu gewinnen. Auch das ließe
       sich in Luna gut üben. Und die Mondlandefähre in der Ecke soll durch ein
       Modell ersetzt werden, das zumindest einige Funktionen des Originals
       erfüllt. Fertig, sagt Petra Mittler, werde Luna wohl nie sein.
       
       9 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Wohnen-im-Weltall/!5897262
 (DIR) [2] https://www.ohb.de/magazin/staubige-angelegenheit-warum-mondstaub-eine-besondere-herausforderung-darstellt
 (DIR) [3] /Mondsonde-aus-Indien-sicher-am-Ziel/!5955718
 (DIR) [4] https://www.dlr.de/de/forschung-und-transfer/themen/mission-mond/das-mondzentrum-luna
 (DIR) [5] /Wird-die-Zukunft-der-Erde-im-Weltraum-entschieden/!6097987
 (DIR) [6] https://luna-analog-facility.de/mars-rover-janus-nimmt-fahrstunden-auf-den-mond/
 (DIR) [7] https://www.esa.int/ESA_Multimedia/Images/2019/01/Der_Mond_Gravitation_und_Temperatur
 (DIR) [8] /Interplanetarische-Architektur/!5163087
       
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