# taz.de -- Fußball-WM in Mexiko: Und die Fans singen neben verscharrten Leichen
       
       > Im Juni kommt die WM nach Guadalajara. Während die Vorbereitungen laufen,
       > wird rund ums Stadion nach verschleppten Kindern und Geschwistern
       > gesucht.
       
 (IMG) Bild: In einem verlassenen Haus in Tlajomulco suchen die Guerreros Buscadores nach Vermissten
       
       Nur eine halbe Stunde dauert es. Eine halbe Stunde, in der sie immer wieder
       mit Spitzhacke und Spaten den Boden bearbeiten, während aus dem Nachbarhaus
       Cumbia-Musik dröhnt. Dann stoßen sie auf graue Nike-Turnschuhe, Größe 37.
       Beim vorsichtigen Buddeln mit den Händen kommen eine Goldkette mit dem
       Anhänger eines Heiligen sowie schwarze Socken zum Vorschein. Dinge, die
       vermutlich einem 13-Jährigen gehört haben, bevor er in einem verlassenen
       Haus im mexikanischen Tlajomulco starb. Von dem Jungen sind nur
       Knochenfragmente und das Gebiss zurückgeblieben.
       
       Es sind Mitglieder der Guerreros Buscadores – der Suchenden Krieger –, die
       hier graben: Angehörige Verschwundener aus dem Bundesstaat Jalisco, die
       regelmäßig ausrücken, mit Spaten, Handschuhen und anonymen Hinweisen aus
       dem Netz. Erst zwei Wochen zuvor sei vor genau diesem Haus ein 30-Jähriger
       erschossen worden, erzählt ein Nachbar leise. Zwei Kerzen erinnern an ihn.
       Im Wohnkomplex gegenüber soll ein Drogenumschlagplatz sein. Im Treppenhaus
       drücken sich drei Jugendliche herum und beäugen die Gruppe immer wieder
       argwöhnisch. Der Nachbar zieht sich schnell zurück, will sich nicht weiter
       äußern.
       
       Tlajomulco ist ein schnell gewachsener Bezirk am südlichen Rand der
       Millionenstadt Guadalajara. Wegen ihrer zehntausenden leeren Wohnungen
       trägt die Gegend den Spitznamen „Tschernobyl“. Sie steht exemplarisch für
       die Fehlentwicklungen der Region: halbfertige Straßen, Müllberge und
       abgelegene Orte, an denen kriminelle Gruppen ihre Spuren zu verwischen
       versuchen.
       
       Lupita Gutiérrez Avilo und vier weitere Mitglieder der Guerreros Buscadores
       bilden einen Halbkreis um die Überreste des Jugendlichen, fassen sich an
       den Händen und beten. Danach tritt sie schweigend hinaus, lehnt regungslos
       an der Wand. Die 54-Jährige sucht ihren eigenen Sohn: José Manuel. „Seit
       vier Jahren, einem Monat und vier Tagen“, sagt sie. Auf ihr weißes T-Shirt
       ist sein Foto gedruckt. „Sie haben ihn einfach mitgenommen.“
       
       Damals sei er 28 Jahre alt gewesen. Er habe an einer Versammlung von
       Motorradtaxifahrern teilgenommen, wie es heißt. Warum, wisse sie nicht, er
       habe damit eigentlich nichts zu tun gehabt. Anfangs habe Gutiérrez Avilo
       kaum geschlafen. Es sei die Gemeinschaft der anderen, die sie weitermachen
       lässt. In ihrer eigenen Straße vermissten viele einen Angehörigen, wie sie
       erzählt. Gesprochen werde darüber kaum. Und manche sagen, ihr Sohn sei
       selbst in kriminelle Geschäfte verstrickt gewesen. Lupita Gutiérrez Avilo
       sagt nichts dazu. Sie geht graben.
       
       ## „Te extrañamos“ – wir vermissen dich
       
       Immer häufiger suchen die Guerreros Buscadores auch in bewohnten Häusern –
       in Wohnzimmern, in Badezimmern, in Höfen –, und immer häufiger werden sie
       auch fündig. Anonyme Hinweise erhalten sie über Tiktok und andere soziale
       Netzwerke. So auch im Fall des Jugendlichen in Tlajomulco: Bei ihm handelt
       es sich möglicherweise um einen 13-jährigen Jungen, der seit zwei Jahren
       vermisst wird. Hinweise auf den Verbleib von Gutiérrez Avilos Sohn, ein
       Lebenszeichen, habe es seit seinem Verschwinden nicht gegeben.
       
       Nur wenige Tage später sind die Guerreros Buscadores in Sichtweite des
       Estadio Akron unterwegs – jenes Stadions, [1][das in rund zwei Monaten ein
       Schauplatz der Fußball-Weltmeisterschaft der Männer sein wird]. Vier Spiele
       werden hier ausgetragen. Aus der Ferne sieht das Estadio Akron aus wie ein
       weißes Ufo. Um auf das waldige Gelände dahinter zu gelangen, muss die
       Gruppe an einem Sicherheitskontrollpunkt des Stadions vorbei. Zunächst
       passieren sie ihn einfach, doch dann kommen Mitarbeiter und fordern sie
       auf, das Gelände zu verlassen. Für die Gruppe ist das keine Anweisung,
       sondern eine Provokation. Sie setzen ihren Weg unbeirrt fort. Aufgehalten
       werden sie nicht.
       
       „Statt dass die Staatsanwaltschaft ermittelt, finden oft wir die Beweise“,
       sagt Indira Navarro, die Gründerin der Guerreros Buscadores. Vor einigen
       Monaten hatten Sicherheitskräfte in der unmittelbaren Nähe Männer aus einem
       verlassenen Haus befreit. Obwohl die Staatsanwaltschaft den Ort auf
       Indizien für eventuelle Verbrechen untersuchte, liegen dort noch immer
       dicke gusseiserne Handschellen achtlos in einer Ecke, neben einem
       zerschlissenen Sofa. Mitglieder einer kriminellen Gruppe hatten dort
       mindestens fünf junge Männer festgehalten, wie lokale Medien berichten.
       
       Anderen Suchkollektiven zufolge wurden in der Region rund um das Stadion in
       den letzten Jahren 456 Tüten mit menschlichen Überresten gefunden. „Jetzt
       kommt die WM, und sie wollen die Funde der geheimen Massengräber rund um
       das Stadion herunterspielen – dabei sind wir hier nicht einmal einen
       Kilometer davon entfernt“, ärgert sich Indira Navarro und rammt dabei die
       Spitzhacke immer wieder mit voller Wucht in den Boden.
       
       In der Innenstadt von Guadalajara stecken an diesem Tag die Autos wie
       üblich im Stau. An der Glorieta de La Minerva, einem bekannten
       Kreisverkehr, steht seit einigen Wochen ein riesiger Fußball. Fassaden
       werden frisch gestrichen, Plätze neu begrünt. Doch dort, wo WM-Werbung
       prangt, hängen auch andere Plakate: Vermisstenfotos. Tausende. „Te
       extrañamos“ – wir vermissen dich. „Nos haces falta“ – du fehlst uns.
       
       ## Die Regierung hat die Zahlen nach unten korrigiert
       
       Vor einem dieser Vermisstenfotos, das an einer Mauer klebt, steht Anabel
       Rodríguez. Auf dem Bild ist ein junger Mann mit Vollbart zu sehen. Er
       lacht. Luis Eduardo Campo Sosa, 36 Jahre alt, seit einem Jahr vermisst –
       ein Freund ihres Bruders, sagt Rodríguez. Ihr eigener Bruder sei schon seit
       rund zehn Jahren verschwunden. Anabel Rodríguez ist 35, lebt in Zapopan, in
       einem Stadtteil, in dem eine Untergruppe des Drogenkartells Jálisco Nueva
       Generación das Sagen hat. Sie heißt eigentlich anders. Ihren richtigen
       Namen möchte sie aus Sicherheitsgründen nicht nennen.
       
       Ihr Bruder hatte sich dem Kartell angeschlossen, arbeitete als „Sicario“,
       als Auftragskiller, sagt sie. Wenn er nachts oft völlig aufgedreht von
       Einsätzen zurückkam, hat sie ihm ein Glas Milch und etwas Brot hingestellt.
       Mehr wollte er nicht, erinnert sie sich. Auf ihrem Handy hat sie Fotos
       gespeichert. Eines zeigt ihren Bruder in olivgrüner Uniform, mit einem
       Aufnäher, darauf vier Buchstaben: CJNG – Cartel Jálisco Nueva Generación.
       
       Wenn sie von ihm erzählt, beginnt sie zu weinen. Sie lehnt ihren schweren
       Körper nach vorne, sie wirkt, als hätte sie ihr ganzes Unglück aufgegessen.
       Sie waren sich sehr nah, sagt sie, die alleinerziehende Mutter hingegen
       kaum präsent. Dank ihm seien sie immer versorgt gewesen. Sie stockt, als
       sie das erzählt. Sie hat sich zwei Suchkollektiven angeschlossen. Nicht,
       weil sie glaubt, dass ihr Bruder noch lebt, sondern weil sie etwas
       gutmachen will. Sie sucht nach den Söhnen anderer Mütter.
       
       Viele Angehörige ärgern sich, dass sie ihre Suchplakate nicht mehr überall
       aufhängen dürfen. In einigen öffentlichen Bereichen haben die Behörden
       Einschränkungen erlassen – offiziell, um den öffentlichen Raum „geordnet“
       zu halten. Lupita Gutiérrez Avilo glaubt das nicht. „Anstatt, dass die
       Regierung uns hilft und schützt, wenn wir Plakate aufhängen, lassen sie sie
       übermalen. Die Mauern sollen sauber sein, damit niemand einen schlechten
       Eindruck bekommt“, sagt sie. Die Verschwundenen sollen weniger sichtbar
       sein.
       
       Gerade jetzt, im Vorfeld der WM. Die Regierung hat die Zahl der offiziell
       Vermissten deutlich nach unten korrigiert. Fälle, zu denen es Spuren gibt,
       weitere Hinweise oder unvollständige Daten, gelten nicht mehr als
       verschwunden. Und die Vereinten Nationen warnen, die Maßnahmen der
       mexikanischen Regierung zur Vermisstensuche reichten ohnehin nicht aus.
       [2][Ein UN-Bericht stellte jüngst fest], dass das Verschwinden von Personen
       in Mexiko mit stillschweigender Duldung des Staates geschieht. Die UN hoben
       außerdem hervor, dass eine systemische Verflechtung zwischen den
       Sicherheitskräften – auf allen Ebenen, von der Kommunalverwaltung bis zur
       Bundesregierung – und kriminellen Gruppen besteht.
       
       ## Guadalajara soll sich der Welt als sicher präsentieren
       
       Auf einer Mauer in Tlajomulco klebt noch ein Vermisstenplakat, nicht
       übermalt, aber verwittert, die Ecken zerfetzt, das Gesicht kaum noch zu
       erkennen. Auf dem Spielplatz daneben, auf den die Sonne schutzlos
       herabbrennt, hängt eine Gruppe Jugendlicher an der verrosteten Rutsche
       herum. Der Fund des mutmaßlich 13-jährigen hat sich auch zu ihnen
       herumgesprochen. „Manchmal ist es hier echt gefährlich“, sagt Carlos, ein
       schlaksiger 16-Jähriger in zerschlissenen Jeans. „Wenn komische Leute
       auftauchen, verschwinden wir lieber schnell.“ Sie hätten selbst gesehen,
       wie SUVs gehalten haben und Jungs in ihrem Alter mitgenommen wurden.
       Menschen verschwinden – die Leute haben sich offenbar daran gewöhnt.
       
       Nur wenige Monate vor dem Anstoß der Weltmeisterschaft [3][eskalierte die
       Gewalt in der Gastgeberstadt Guadalajara], die Bilder gingen um die Welt.
       Am 22. Februar wurde „El Mencho“ – Nemesio Rubén Oseguera Cervantes, der
       mächtige Anführer des Kartells Jálisco Nueva Generación – bei einem
       Militäreinsatz im Bundesstaat Jalisco gefasst und schwer verletzt. Er starb
       auf dem Weg in die Hauptstadt. Die Reaktion des Kartells war unmittelbar
       und demonstrierte dessen Macht: Straßenblockaden, brennende Fahrzeuge, in
       20 der 32 mexikanischen Bundesstaaten. Guadalajara, die Stadt, die sonst
       bis in den späten Abend im Stau versinkt, war wie leergefegt.
       Fifa-Präsident Gianni Infantino meldete sich wenige Tagen danach von einer
       Reise zu Wort: „Wie überall passieren Dinge. Die Weltmeisterschaft wird ein
       unglaubliches Fest sein.“
       
       Lupita Gutiérrez Avilo stand an diesem Tag mit den Guerreros Buscadores auf
       einem Parkplatz – ihrem üblichen Sammelpunkt, sie wollten zu einer Suche
       aufbrechen. Dann sahen sie auf ihren Handys die Bilder der brennenden
       Fahrzeuge. Eine Mitstreiterin geriet in Panik, sie selbst sei ruhig
       geblieben, erzählt sie später über Whatsapp. Busse seien keine mehr
       gefahren. Ihre Tochter habe sie abgeholt, über eine menschenleere
       Schnellstraße zurück nach Hause. In der Nacht sei ein Laden um die Ecke
       angezündet worden. Am nächsten Tag hätten sich lange Schlangen vor einer
       Tortilla-Bäckerei gebildet, Hamsterkäufe. Sie habe versucht abzuschalten,
       eine Beruhigungstablette genommen und zwei Tage kaum das Haus verlassen. In
       der Therapie hat Gutiérrez Avilo Techniken gelernt, um mit Angstzuständen
       klarzukommen, die sie hat, seit ihr Sohn verschwunden ist. Die hätten ihr
       auch in diesen Tagen geholfen, erzählt sie. Andere Angehörige von
       Verschwundenen würden genau in solchen Momenten alle Bilder in den Medien
       scannen, um zu sehen, ob ihre Söhne, Töchter darauf zu erkennen sind. Denn
       wenn sie rekrutiert wurden, könnten sie gerade dann, genau auf diesen
       Bildern zu sehen sein. Lupita Gutiérrez Avilo meidet das, sagt sie.
       
       Anabel Rodríguez hat es am Tag der Gewalteskalation nicht mehr nach Hause
       geschafft. Ihr Sohn war zu dem Zeitpunkt bei seinem Großvater, aber ihre
       12-jährige Tochter war allein daheim, sie selbst flüchtete in die Wohnung
       ihrer Schwester, sagt sie. „In der Nacht haben wir die Sirenen der
       Krankenwagen gehört und Schüsse – ansonsten war es gespenstisch still. Die
       ganze Stadt war paralysiert.“ Menschen seien mitgenommen worden. Wie viele
       verschwunden sind? „Diese Zahlen hat die Regierung nicht bekanntgegeben“,
       sagt Rodríguez verärgert. Draußen hätten Männer gerufen: „Puro Cártel
       Jalisco, puro cártel de cuatro letras“ – nur das Kartell Jalisco, das
       Kartell mit den vier Buchstaben –, habe ihre Tochter später berichtet. Auch
       als die Stadt wieder zur Normalität zurückgekehrt war, schickte Rodríguez
       ihre Kinder zunächst nicht in die Schule.
       
       Wenige Wochen später reist die mexikanische Präsidentin Claudia Sheinbaum
       nach Guadalajara und stellt gemeinsam mit Sicherheitsminister García
       Harfuch den „Plan Kukulkán“ vor: Rund 99.000 Einsatzkräfte sollen die
       Fußball-Weltmeisterschaft absichern. Sicherheitszonen, Drohnen, Militär –
       Guadalajara soll sich der Welt als sichere Gastgeberstadt präsentieren.
       
       ## Das Drogengeschäft werde gut laufen
       
       Diese Maßnahmen werden Rodríguez’ Viertel nicht erreichen. In bestimmten
       Teilen von Zapopan gelten andere Regeln. Auf der Straße steht ein Späher,
       der für das Kartell alles im Blick behält. Sie grüßt ihn im Vorbeigehen.
       Vor einem provisorischen Zelt aus einer grauen Plastikplane stehen die
       Leute Schlange, dort werden Drogen in gezuckerter Herzform angeboten, ganz
       ungehindert. „Solange wir uns an die Regeln der kriminellen Gruppen halten,
       passiert nichts. Auf sie ist oft mehr Verlass als auf die Polizei“, sagt
       Anabel Rodríguez nüchtern.
       
       David Mora, Mexiko-Experte der Nichtregierungsorganisation International
       Crisis Group, erklärt unmittelbar nach der Gewalteskalation gegenüber einem
       kanadischen Sender: Die Weltmeisterschaft und der Zustrom von Touristen
       seien „gewissermaßen ein Glücksfall“ für die organisierte Kriminalität. Das
       Geschäft werde gut laufen, weil die Waren und Dienstleistungen der Kartelle
       [4][genau das seien, wonach Touristen häufig suchten]. Sie würden die
       Nachfrage nach Drogen und Sexarbeit steigern. Großveranstaltungen eigneten
       sich zudem zur Geldwäsche über Cateringfirmen, Shuttledienste oder
       Sicherheitsunternehmen, deren Geldflüsse kaum kontrolliert werden.
       Vielleicht wird gerade dieses Eigeninteresse der Kartelle für Ruhe sorgen –
       zumindest, solange die Welt hinschaut.
       
       Im Schatten des Estadio Akron trainiert Iván täglich. Er ist 11 Jahre alt,
       ein schmaler Junge im Fußballtrikot. Iván hat bereits ein Ticket für die
       WM, bezahlt von seinem Vater. 10.000 Pesos habe es gekostet, etwa so viel
       wie der mexikanische Monatsmindestlohn. Ganz oben werde er sitzen, wenn im
       Sommer die Welt nach Guadalajara kommt, erzählt Iván. Er strahlt stolz
       durch den Zaun, der ihn von der Straße trennt. Der Platz, auf dem er
       trainiert, gehört zu einer privaten Sportschule. Hier spielen Kinder, deren
       Eltern sich die Gebühren leisten können. Er finde es gut, dass Straßen
       erneuert werden und mehr Polizei im Einsatz sei, sagt Iván. Er lebt mit
       seiner Familie in einer Wohnanlage mit Wachschutz.
       
       Lupita Gutiérrez Avilo kann sich kein Ticket leisten. Regelmäßig kehrt sie
       nach Tlajomulco zurück. Zuletzt folgte ihr Suchkollektiv einem weiteren
       anonymen Hinweis. Die Angaben waren so konkret, dass sie in einem
       verlassenen Haus die Leichenteile eines Uber-Fahrers fanden, der seit 2022
       vermisst wurde.
       
       ## „Wir müssen laut bleiben“
       
       Während Gutiérrez Avilo und die Guerreros Buscadores weitersuchen, findet
       Ende März im Estadio Akron ein Qualifkationsspiel um einen der letzten
       Plätze bei der WM statt: Jamaika gegen Neukaledonien. Knapp 40.000 Menschen
       im Stadion, Fahnen, grölende Fans. Draußen ist die Sicherheitspräsenz
       unübersehbar: Polizei, Militär, Kontrollen. Mannschaftsbusse unter Eskorte,
       überwachte Zufahrten – ein durchorganisierter Probelauf und Vorgeschmack
       auf die Weltmeisterschaft.
       
       Viele Dinge bedeuten Lupita Gutiérrez Avilo nichts mehr. Ihr Leben, sagt
       sie, laufe im Flugmodus. Manchmal frage sie sich, wozu das alles gut sei.
       Dann geht sie wieder graben. Das Verschwinden ihres Sohnes hat sie
       angezeigt – Fortschritte gibt es nicht. Damit ist sie nicht allein: Laut
       offiziellen Zahlen werden rund 90 Prozent der Straftaten in Mexiko nicht
       aufgeklärt. Seit mehr als vier Jahren hat Gutiérrez Avilo nur vier Termine
       bei der Staatsanwaltschaft gehabt. Statt neuer Erkenntnisse wird sie dort
       gefragt, ob sie selbst neue Hinweise habe. Für die Behörden, glaubt sie,
       ist der Fall ihres Sohnes nur eine weitere lästige Akte.
       
       Der Fund der Überreste des Jugendlichen in Tlajomulco lasse Gutiérrez Avilo
       nicht los, sagt sie. Die Nike-Turnschuhe erinnerten sie an ihre Enkelin –
       gleiche Größe. Sie hat die feinen Handknochen freigelegt, noch bevor die
       Staatsanwaltschaft und die Forensiker kamen. Die Weltmeisterschaft, sagt
       auch sie, sei in gewisser Weise eine Chance. „Aber wir müssen laut bleiben.
       Die Menschen sollen wissen: Jalisco ist ein riesiges Massengrab, hunderte
       Familien sind zerbrochen und in unseren Häusern bleiben viele Stühle leer.“
       
       Die Sicherheitskräfte werden die Spiele bewachen. Die Kartelle verdienen
       mit. Und die Guerreros Buscadores graben weiter.
       
       11 Apr 2026
       
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