# taz.de -- Entwicklung von Kindern und Teenagern: Menschliche Beziehungen in Zeiten von Social Media
> Wie beeinflussen Instagram, Tiktok & Co die Entwicklung von Kindern und
> Teenagern? Bildungsforscherin Nina Kolleck gibt Antworten in ihrem
> Sachbuch.
(IMG) Bild: Körperliche und digitale Nähe schließen sich nicht aus. Kinder beim gemeinsamen Gaming
Der 16-Jährige, der vierhundert Kontakte auf dem Handy hat und mehr als
zehntausend Follower:innen auf Instagram, aber niemanden, den er
anrufen kann, wenn es ihm schlecht geht. Der 11-Jährige, der erzählt, er
habe schon mit drei Mädchen geschlafen, würde sich aber niemals auf eine
Beziehung einlassen, wenn die potenzielle Partnerin schon sexuelle
Erfahrungen gemacht habe. Das Kita-Kind, das beim Spielen sagt, es dürfe
„nicht traurig sein“, weil „die App sonst denkt, ich bin schwach“.
Das sind drei der Beispiele, die die Bildungsforscherin Nina Kolleck in
ihrem eben erschienenen Buch „Der Kampf in den Köpfen“ skizziert. Es widmet
sich einer der drängenden Fragen unserer Zeit: Wie sollten wir als
Gesellschaft umgehen mit Social Media und ihren Auswirkungen?
Die Frage ist umstritten. Verbieten oder erlauben? Wenn erlauben – sollte
es Altersgrenzen geben? Und wenn ja, welche? Die Diskussion ist erschwert
durch den Umstand, dass die empirische Forschung nur punktuell Evidenz dazu
hat, wie sich die Nutzung der Social-Media-Plattformen auf Kinder und
Jugendliche auswirkt. Indizien ja, Hinweise schon – aber oft genug ist
nicht klar, ob ein Symptom, etwa Schlafstörungen oder psychische
Auffälligkeiten, eine Folge von übermäßiger Social-Media-Nutzung ist.
## Blick auf die Beziehungen
Geführt werden die Debatten nicht nur erbittert – sind sie doch häufig vom
eigenen Erfahrungshorizont geprägt – sondern auch hilflos: Die jüngsten
Elterngenerationen sind die ersten, deren Kinder schon mit der Geburt in
eine Gesellschaft wachsen, die von Social Media geprägt ist. Mode, Werbung,
Musik, Kunst, Ernährung, Sport, Lernen – es gibt nahezu keinen
Lebensbereich, der von den Effekten der Plattformen unberührt bleibt. Noch
weiter entfernt von den Social Media Natives als die Eltern sind oft genug
Politiker:innen, deren Enkel zu den Natives zählen.
In diesem Spannungsfeld liefert Kolleck einen Ansatz, der dabei helfen
könnte, das schier unlösbare Knäuel an Argumenten zu entwirren. Sie
konzentriert sich auf eine Frage: Was macht Social Media mit dem Fundament
unserer Gesellschaft, mit den Beziehungen?
Kolleck zufolge haben sich die Plattformen längst als Sozialisationsinstanz
etabliert. Die Forscherin arbeitet dabei mit dem Begriff der „digitalen
Nähe“. Eine Art Illusion menschlicher Nähe, die positive Effekte wie
Zugehörigkeit, Trost, Identifizierung erzeugen kann. Die aber viel
flüchtiger ist, weil aus Nähe im digitalen Raum schnell wieder Ferne werden
kann: Ein Klick, und man entfolgt sich; ein hämischer Post, und aus
Freund:innen werden Kontrahent:innen. Die problematischen Effekte der
digitalen Nähe blieben nicht auf Online-Freundschaften beschränkt: Sie
wirkten sich auch auf Beziehungen außerhalb des Netzes aus, Aufmerksamkeit,
Vertrauen und Empathie zerbröckelten.
## Warum sind manche resilienter als andere?
Das Buch nimmt auch Menschen mit, die keine Social-Media-Expert:innen sind:
Was ist die Manosphere und warum ist sie eine Gefahr? Welche Folgen hat die
frühe Konfrontation mit pornografischen Inhalten? Wie verändern Social
Media die Demokratie? Warum sind manche Jugendliche resilienter gegen die
süchtig machenden Schleifen der Plattformen, während andere sich schnell
darin verfangen?
Bei allen problematischen Aspekten spart die Forscherin die positiven
Effekte von Social Media nicht aus: Die Plattformen hätten die Hürde
gesenkt, sich zu äußern und gehört zu werden, würden zum Lernen und zur
Mobilisierung genutzt, schafften Zugehörigkeit für Menschen, die sie im
direkten Umfeld nicht finden, und ermöglichten Sichtbarkeit für
Minderheiten, etwa trans Jugendliche.
Bei Chatbots mit künstlicher Intelligenz – einem Thema, das vermutlich in
den kommenden Jahren ähnlich kontrovers diskutiert werden wird wie Social
Media heute – zeigten sich zwar ernste Gefahren bis mutmaßlich hin zum
Suizid. Aber auch positive Effekte, wenn die Bots gezielt für
psychotherapeutische Zwecke eingesetzt würden.
Kollecks Folgerung lautet nicht, Smartphones und Social Media für Kinder
und Jugendliche zu verbannen. Smartphone-Verbote und Altersbeschränkungen
gingen am Kern vorbei. Daher brauche es „keine Logik des Verbots, sondern
eine Logik der Balance und der Regulierung“: gestaffelte
Jugendschutzeinstellungen bei den Plattformen, flankierend pädagogische und
soziale Maßnahmen, Regeln für manipulative Tricks wie endloses Scrollen
oder ständige Push-Nachrichten, und ein konsequentes Vorgehen gegen
Desinformation, Verschwörungserzählungen und menschenfeindliche Inhalte.
Und auch mal Eltern, die sich zusammenschließen und entscheiden, dass die
Kinder einer Klasse zum Beispiel erst ab Stufe 7 ein eigenes Smartphone
bekommen. „Je älter Kinder werden, desto wichtiger wird nicht das
Vermeiden, sondern das Einüben.“
## Social-Nutzung wirkt auf den Dopaminhaushalt
Ein Punkt, den Kolleck leider nur am Rande erwähnt: Gaming. Zwar setzt sie
sich umfangreich mit der Auswirkung von Social-Nutzung auf den
Dopaminhaushalt auseinander. Dieser Botenstoff wird im Gehirn
ausgeschüttet, wenn wir etwas Positives erwarten – eine wichtige Komponente
in Lernprozessen. [1][Wenn schon die Nutzung von Social Media kritisch ist
im Hinblick auf den Dopaminhaushalt, dann ist es Gaming mindestens ebenso].
Setzt doch schon manche Bildungsapp, die bereits in Grundschulen genutzt
wird, auf Belohnungen, auf Spiele und auf Herzchen, die man für die Avatare
anderer Kinder verteilen kann – Instagram lässt grüßen.
Dennoch: Dieses Buch ist ein Baustein, um zu verstehen, wie Social Media
Kinder und die gesamte Gesellschaft beeinflusst. Nicht nur Menschen, die
beruflich oder privat mit Kindern oder Jugendlichen zu tun haben, können
etwas mitnehmen, sondern auch Politiker:innen: Populistische Maßnahmen, die
die Rechte und Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen außer Acht lassen,
gehören hoffentlich bald der Vergangenheit an. Und es gibt stattdessen
Lösungen, die helfen: der Gesellschaft und allen Einzelnen.
16 Apr 2026
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## AUTOREN
(DIR) Svenja Bergt
## TAGS
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