# taz.de -- Künstliche Intelligenz und Einsamkeit: Ein Freund, ein falscher Freund
       
       > Ein KI-Anhänger soll dank durchgängig aktiviertem Mikrofon ein Begleiter
       > in allen Lebenslagen sein. Über das Geschäft mit der Einsamkeit.
       
 (IMG) Bild: Auch in New Yorks Subway wird für friend.com geworben – und manch einer setzt den Edding an
       
       Schon beim Betreten der U-Bahn-Station am Ende meiner Straße denke ich:
       Nicht schon wieder! Während ich die Stufen hinabsteige, wird mit ein paar
       geübten Handgriffen ein mehrere Meter langes Werbeplakat im Gang zu den
       Gleisen angebracht. „Je n’annule jamais un brunch!“, steht in schlichten
       schwarzen Lettern auf weißem Grund: Ich sage nie einen Brunch ab. Daneben
       abgebildet ein rundes, glänzend weißes Objekt, befestigt an einer ebenfalls
       weißen Kordel.
       
       Wer wissen will, worum es sich bei dem mysteriösen Objekt handelt, muss die
       auf dem Plakat angegebene Webseite mit der Domain friend.com aufrufen. Als
       ich die U-Bahn wenige Minuten später auf der anderen Seite der Seine
       verlasse, werde ich direkt vom nächsten fast ausschließlich in Weiß
       gehaltenen Plakat geblendet: „Un petit croissant à deux“. Ein kleines
       Croissant zu zweit.
       
       Es ist die zweite Welle dieser mysteriösen Werbeplakate, die seit
       Jahresbeginn einen Großteil der gut 300 Pariser Metrostationen fluten. Bei
       der ersten dauerte es noch ein bisschen, bis die Bevölkerung reagierte, die
       Plakate beschmierte oder direkt abriss. Diesmal geht es schneller. Der
       Kleister ist kaum getrocknet, schon zieren die Plakate Schriftzüge wie
       „Fuck AI“ oder „L’IA n’est pas ton amie“ – KI ist nicht deine Freundin –,
       was das Mysterium zumindest teilweise löst. Es handelt sich nicht um eine
       neue Plattform zum Freundefinden, sondern um ein KI-Tool.
       
       ## Die Provokation funktioniert
       
       Der abgebildete Anhänger ist in den USA seit vergangenem Jahr im Handel und
       soll, um den Hals getragen, ein Begleiter in allen Lebenslagen sein. Unter
       der Plastikhülle verbirgt sich ein durchgängig aktiviertes Mikrofon, das
       die Kommunikation mit dem KI-Freund ermöglicht. Während man selbst in das
       Mikro spricht, kommt die Antwort per Textnachricht aufs iPhone.
       
       Von den zuhauf existierenden kostenlosen Chatbots unterscheidet sich der
       „Freund“ dadurch, dass er nicht nur auf konkrete Fragen antwortet, sondern
       auch spontane Kommentare zu den durchgängig verarbeiteten
       Umgebungsgeräuschen abgibt. Für das Gefühl, nicht allein zu sein, zahlt man
       umgerechnet 116 Euro.
       
       Bei der Einrichtung des Anhängers gibt man dem KI-Kompagnon einen Namen.
       Das soll wohl so etwas wie eine Beziehung auf Augenhöhe suggerieren, doch
       das Gerät ist meilenweit davon entfernt, eine echte zwischenmenschliche
       Beziehung ersetzen zu können. Das weiß auch sein Entwickler Avi Schiffmann.
       Er glaube nicht, dass die Welt zum jetzigen Zeitpunkt bereit für sein
       Produkt sei, sagt der 23-jährige US-Amerikaner [1][in einem Interview mit
       dem US-amerikanischen Fernsehsender NBC]. Ziel sei erst einmal,
       Sichtbarkeit zu erlangen. Und das ist ihm mithilfe einer smarten
       Marketingstrategie gelungen.
       
       Als er gerade mal über ein Budget von 2,5 Millionen Euro verfügte, gab
       Schiffmann 1,8 Millionen davon für die Domaine friend.com aus. Die erste
       große Werbekampagne in der New Yorker Subway kostete ihn später eine
       weitere Million. Und das, obwohl Schiffmann bewusst gewesen sei, dass man
       künstliche Intelligenz in New York hasse. Die Plakate, wie sie nun auch in
       Paris zu sehen sind, lösten in kürzester Zeit große Empörung aus und die
       auffällig großen weißen Flächen luden Passant*innen geradezu ein, diese
       kundzutun.
       
       Schnell wurde die Werbung zum Internetphänomen. Was in New York gut
       funktioniert hat, wird in Paris auf die Spitze getrieben. In der
       französischen Version erhalten einige Plakate Rechtschreibfehler. Mal fehlt
       nur ein Accent, mal ein ganzer Buchstabe. Übersetzungsprogrammen
       unterlaufen solche Fehler nicht, und so liegt die Vermutung nahe, dass es
       sich nicht um ein Versehen handelt. Unter Social-Media-Posts mit Fotos von
       den Plakaten reihen sich Hinweise auf die falsche Orthografie – und die
       vielen Interaktionen sorgen dafür, dass der Post vom Algorithmus noch mehr
       Menschen angezeigt wird.
       
       Avi Schiffmanns Strategie, eine Debatte zu entfachen, geht also auf. Dass
       sich das erfolgreiche Marketing in den Verkaufszahlen widerspiegeln wird,
       ist damit allerdings noch nicht gesagt. Wer das Gadget nutze, erkläre sich
       mit der passiven Aufnahme von Umgebungsgeräuschen einverstanden,
       einschließlich personenbezogener Daten, „deren Erfassung unangemessen,
       illegal oder unethisch“ ist, [2][heißt es in einer Erklärung des
       Unternehmens]. Wenngleich die Verarbeitung von Audiodaten ohne vorherige
       Einwilligung aller Beteiligten [3][mit der Datenschutz-Grundverordnung der
       Europäischen Union und Paragraf 201 des deutschen Strafgesetzbuchs
       kollidiert], liefert Friend seinen Anhänger auch in die EU.
       
       Das Unternehmen könne im Falle einer Persönlichkeitsrechtsverletzung nicht
       haftbar gemacht werden, wird auf der Produktwebseite erklärt. Es liege in
       der Verantwortung der User*innen, geltendes Recht zu respektieren. Dass
       einer der Plakatslogans „Je garde ton secret“ – Ich wahre dein Geheimnis –
       lautet, ist im Hinblick auf den Datenschutz fast schon witzig.
       
       Einiges spricht also gegen einen Verkaufserfolg in Europa, doch eines muss
       man Avi Schiffmann lassen: Mit seinem KI-Freund, den er nach eigenen
       Angaben entwickelt hat, um Einsamkeit zu bekämpfen, trifft er den
       Zeitgeist. Einsamkeit gilt als Massenphänomen, das in Deutschland von der
       Bundesregierung mit einem Maßnahmenkatalog [4][samt Einsamkeitsbarometer]
       adressiert wird. Während der Pandemiejahre 2020 und 2021 schoss die Zahl
       der Menschen, die sich einsam fühlen, in die Höhe. Heute liegt sie immer
       noch über dem Vor-Corona-Niveau.
       
       ## Nichts als ein Selbstgespräch
       
       In einer 2024 veröffentlichten [5][Studie des familiendemografischen Panels
       FReDA] gab etwa ein Drittel der befragten Erwachsenen zwischen 18 und 53
       Jahren an, zumindest teilweise einsam zu sein, 17 Prozent fühlten sich sehr
       einsam. Genau in diese Kerbe schlägt auch friend.com mit seinem
       Plakatslogan „Je suis là pour toi“. Ich bin für dich da.
       
       Besonders betroffen sind neuerdings junge Menschen zwischen 19 und 29
       Jahren – eine Altersgruppe, die soziale Interaktionen häufig in den
       digitalen Raum verlegt. Und nicht nur das: Immer mehr Jugendliche und junge
       Erwachsene wenden sich auch in persönlichen Belangen an Chatbots.
       Ratschläge kommen auf Knopfdruck, sind rund um die Uhr verfügbar und
       kostenlos, außerdem verurteilen die Bots nicht, erklärt Laurence Devillers,
       Professorin für künstliche Intelligenz an der Universität Sorbonne.
       
       Zudem begegnen Chatbots ihren Nutzer*innen in der Regel wohlwollend und
       verständnisvoll. Widerspruch oder Kritik am eigenen Handeln erhält nur, wer
       explizit danach fragt. Das kann laut Laurence Devillers dazu führen, dass
       echte Freundschaften als unbequem wahrgenommen werden, „weil Freund*innen
       auch mal Nein sagen und anderer Meinung sind“. Chatbots hingegen passen
       sich ihren Nutzenden so weit an, „dass man letztendlich das Gefühl hat, mit
       sich selbst zu sprechen“.
       
       So dystopisch all das auch klingt, ganz so weit sind wir als Gesellschaft
       noch nicht, das zeigen die vielfältigen Protestnoten auf den Plakaten. Und
       auch, dass andere Firmen sich etwas davon versprechen, die Friend-Werbung
       mit eigenen Botschaften zu kontern. In Paris wirbt der Pocket-Verlag damit,
       dass Bücher die besseren Begleiter für den Alltag seien. Und in New York
       plakatiert Heineken mit dem Slogan „The best way to make a friend is over a
       beer“.
       
       15 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.youtube.com/watch?v=Id04i6H0fPo
 (DIR) [2] https://friend.com/privacy.pdf
 (DIR) [3] https://www.gesetze-im-internet.de/stgb/__201.html
 (DIR) [4] https://www.bmbfsfj.bund.de/bmbfsfj/themen/engagement-und-gesellschaft/allianz-gegen-einsamkeit
 (DIR) [5] https://www.freda-panel.de/FReDA/DE/Publikationen/PolicyBrief/ar_policy-brief-einsamkeit.html
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Gina Arzdorf
       
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