# taz.de -- Energiekrise in Südkorea: Zu lange an Öl und Gas festgehalten
       
       > Die Energiekrise in Südkorea macht es vor: Wer zu lange an Fossilen
       > festhält, zahlt jetzt einen hohen Preis. Das sollte Europa eine Warnung
       > sein.
       
 (IMG) Bild: Der Iran-Krieg treibt auch in Südkorea die Spritpreise in die Höhe
       
       Wer die Energiewende verschläft, wacht mit einem dröhnenden Kater auf. Es
       sei nun der Zeitpunkt gekommen, „grundlegende Veränderungen im
       südkoreanischen Wirtschaftssystem vorzunehmen“, räumte Präsident Lee Jae
       Myung am Ende der Woche ein. Der Krieg im Nahen Osten bedrohe die
       Wirtschaft des Landes erheblich, und die derzeitige Krise müsse man daher
       auch als Chance begreifen.
       
       Die Worte Lees sind von bemerkenswerter Klarheit, kommen sie doch einem
       Schuldeingeständnis gleich: Viel zu lange hat Seoul auf das
       energiepolitisch falsche Pferd gesetzt, nämlich Öl aus dem Nahen Osten. Bis
       zu drei Viertel aller Rohölimporte stammen aus jener jetzt vom Krieg
       betroffenen Region, und das absolute Gros wird über die Straße von Hormus
       verschifft – eine Abhängigkeit, die sich nun rächt. Doch es ist auch eine
       Einsicht, die reichlich spät kommt.
       
       Während viele Staaten die Energiewende in den vergangenen Jahren unter
       großen Anstrengungen vorangebracht haben, hinkte Südkorea stets hinterher.
       Im Climate Change Performance Index (CCPI), der jährlich von einem
       internationalen Zusammenschluss aus NGOs herausgegeben wird, landet der
       ostasiatische Tigerstaat auf dem 63. von 67 Plätzen – direkt vor Russland
       und den USA. Doch stolz gab die Regierung diese Woche bekannt, dass man bis
       Ende des Jahrzehnts immerhin 20 Prozent des landesweit verbrauchten Stroms
       aus erneuerbaren Energien generiere. Tatsächlich handelt es sich um ein
       wenig ambitioniertes Ziel.
       
       Dabei hätte das Land am Hangang durchaus gute Voraussetzungen: viele
       Sonnenstunden und starke Winde an den Küsten. Doch erneuerbare Energien
       wurden stets als Luxusproblem abgetan, um das man sich nicht kümmern könne.
       Schließlich ist Südkorea erst vor wenigen Generationen der bitteren Armut
       entflohen. Die Alten erinnern sich noch an Zeiten, als selbst
       Grundnahrungsmittel knapp waren und die Lebensumstände unwürdig. Alle
       Anstrengungen wurden dem raschen Wirtschaftswachstum unterworfen – die
       Nebeneffekte bereitwillig ignoriert
       
       Dabei ist Südkorea ganz besonders stark von den Folgen des sich wandelnden
       Klimas betroffen. Die schwülheißen Sommermonate sorgen für [1][immer mehr
       Hitzetote], Dürreperioden bedrohen die Ernten der Landwirte. Und nun merkt
       man auch, dass es geopolitisch keine kluge Idee war, die eigene
       Energiesicherheit in die Hände autokratischer Ölstaaten zu legen.
       
       Südkoreas [2][Energiekrisenszenario sollte eine Warnung für Europa und
       ebenso für Deutschland] sein. Öl und Gas auch künftig aus kriegs- und
       krisengeschüttelten Regionen beziehen zu wollen, ist keine kluge
       Entscheidung, weder ökonomisch noch ökologisch. Infolge zu teurer fossiler
       Kraftstoffe [3][im Winter kalte Wohnungen] zu haben und Hitzetote im
       Sommer, vielleicht auch knappe Grundnahrungsmittel – das will schließlich
       auch niemand in Deutschland.
       
       10 Apr 2026
       
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