# taz.de -- Folgen des Irankriegs für China: Langfristige Chancen durch Krieg
> Dank massiver Ölreserven kann China die Energiekrise besser abfedern als
> andere Staaten der Region. Und geopolitisch dürfte Peking Nutznießer
> sein.
(IMG) Bild: Vorgesorgt: ein Öltanker im Hafen im chinesischen Zhoushan
Es klingt makaber, doch Chen Dingding nennt einen anhaltenden
[1][Irankrieg] eine „strategische Chance“ für China. In einer viel
beachteten Analyse schlussfolgert der Politikprofessor der
Jinan-Universität im Osten des Landes, dass die Volksrepublik der große
Nutznießer des Konflikts in Nahost sein könnte.
Denn zum einen würde der Krieg „systematisch die militärischen,
diplomatischen und finanziellen Ressourcen der Vereinigten Staaten
erschöpfen“. Anders formuliert: Die USA, Chinas größter Rivale im
hegemonialen Wettbewerb, verbrauchen derzeit ihr Schießpulver in Nahost,
während Peking das angerichtete Chaos von der Seitenlinie aus beobachtet.
Und dabei gewinnt die Volksrepublik insbesondere im Globalen Süden an
Strahlkraft, ohne dafür etwas zu leisten. Je mehr Kriege US-Präsident
Donald Trump vom Zaun reißt, desto friedliebender und rationaler erscheint
die alternative Weltmacht China – ein Narrativ, das Staatschef Xi Jinping
über seine Propagandamedien global verbreitet.
Zugleich würde der Krieg laut Chen langfristig sowohl Kapitalflüsse als
auch Energierouten und Lieferketten zugunsten Pekings umleiten. Wer etwa
keine Sanktionen fürchten möchte, handelt künftig wohl stärker in Renminbi
statt in Dollar. Und die kontinentale Landroute, die über China nach Europa
führt, gewinnt angesichts der geschlossenen Straße von Hormus an
Attraktivität. „Das ist keine Schadenfreude, sondern eine nüchterne
strukturelle Realität“, schreibt Chen.
## China hat große Ölreserven aufgebaut
Fakt ist: Iran war für China ein wichtiger Öllieferant, aber keineswegs
essenziell. Zwar verkaufte Teheran vor dem Krieg 80 Prozent seiner
Ölexporte nach China. Doch machten dies Lieferungen nur 12 Prozent der
chinesischen Ölimporte aus. Ein Drittel seines Öls fördert die
Volksrepublik selbst, darunter in der westlichen Region Xinjiang.
Die asiatischen Nachbarn sind viel stärker von der Ölkrise betroffen.
Südkorea etwa, dessen auf Halbleiter fokussierte Volkswirtschaft einen
starken Energiebedarf hat, bezieht rund 70 Prozent seines Rohöls über die
Straße von Hormus. In Japan ist der Anteil der Importe, die über die
derzeit geschlossene Handelsroute verschifft werden, sogar noch höher. In
China liegt der Wert bei rund 40 Prozent.
Die Volksrepublik hat gleich mehrfach vorgesorgt. Zum einen macht sich
bezahlt, dass Peking in den letzten Jahren massiv in erneuerbare Energien
investiert hat. Diese decken bereits über 40 Prozent des Strombedarfs ab.
Hinzu kommt, dass Chinas Staatsführung für den Ernstfall riesige
strategische Ölreserven angelegt hat. Laut einer Schätzung der
Columbia-Universität könnten diese bis zu 1,4 Milliarden Barrel umfassen.
Dieser Puffer kann die Auswirkungen der Engpässe für mindestens vier Monate
abfedern.
Immun ist das Reich der Mitte allerdings nicht. „Für China besteht die
Hauptbedrohung durch den Irankonflikt darin, dass er den weltweiten Konsum
hemmen könnte, mit offensichtlichen Folgen für chinesische Exporte“,
[2][argumentiert die Ökonomin Alicia García-Herrero für die europäische
Denkfabrik Bruegel]. Denn China Volkswirtschaft leidet unter einem
historisch schwachen Binnenkonsum und hängt zugleich umso stärker von ihren
Exporten ab – insbesondere in den EU-Raum. Kauft Europa also wegen einer
drohenden Wirtschaftskrise weniger aus dem Reich der Mitte, wird das
chinesische Wachstum ausgebremst.
Insofern ist China also nur bedingt Nutznießer des Irankriegs. Chens
eingangs erwähnte Analyse, die in Chinas sozialen Medien für Furore sorgte,
wurde übrigens bald von der Zensur gelöscht. Denn sie passt nicht ins
Selbstbild der Parteiführung, die China als neutrale, friedensliebende
Großmacht präsentiert und nicht als Profiteur von Krieg und Elend auf der
Welt. Öffentlich spricht sich Peking denn auch für eine Deeskalation im
Nahen Osten aus. Außenamtssprecher Lin Jian erklärte am Mittwoch zu
Pakistans Vermittlungsangebot: „Wir unterstützen alle Bemühungen, die zur
Deeskalation der Situation und zur Wiederaufnahme des Dialogs beitragen.“
26 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Schwerpunkt-Iran-Krieg/!t5613610
(DIR) [2] https://www.bruegel.org/analysis/what-war-iran-means-china
## AUTOREN
(DIR) Fabian Kretschmer
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