# taz.de -- Linke Konferenz zum Reich der Mitte: Chinas Komplexität von links betrachtet
       
       > Weltmarktkonkurrenz, Hegemoniekonflikte, Umweltfragen und soziale Kämpfe:
       > China-Debatte zwischen Analyse, Solidarität von unten und Kritik.
       
 (IMG) Bild: Essenslieferanten werden hier wie dort ausgebeutet: Plakat auf der China-Konferenz in Köln fordert die Freilassung von Mengzhu
       
       Ist die Volksrepublik China kapitalistisch oder sozialistisch? Die
       Uneinigkeit der Analyse von Chinas hybridem Wirtschaftssystem habe bei
       Attac dazu geführt, sich intensiver mit dem Reich der Mitte zu
       beschäftigen, erklärte eine Aktivistin des globalisierungskritischen
       Netzwerks. Ein Ergebnis davon ist die [1][Konferenz „China und wir:
       Perspektiven für Frieden, Menschenrechte und sozial-ökologischen Wandel“],
       die am Wochenende in Köln stattfand.
       
       Bemerkenswert war an der von Attac und anderen Gruppen organisierten
       Konferenz vor allem zweierlei: Dass es erstmals überhaupt so etwas wie eine
       „linke China-Konferenz“ gab. Die unerwartet hohe Zahl von 260 teilnehmenden
       Wissenschaftlern, Vertretern und Vertreterinnen von NGOs und sozialen
       Bewegungen, Feministinnen, Gewerkschaftern und Aktivisten verschiedener
       Strömungen zeigte das große Interesse, sich über die Folgen von Chinas
       Entwicklung auszutauschen.
       
       Zugleich war es eine Wohltat, dass der derzeit ständig Schlagzeilen
       produzierende US-Präsident Donald Trump an dem Wochenende kaum vorkam, auch
       wenn vereinzelt deutlich wurde, dass es hierzulande manchen leichter fällt,
       einen polternden US-Imperialismus reflexartig zu verdammen, als Pekings
       subtilere Machtpolitik zu verstehen.
       
       Die Themen reichten von der [2][Taiwan-Frage] und dem südchinesischen Meer
       über soziale Proteste, prekäre Arbeitsbedingungen, Wanderarbeiter,
       [3][Klima- und Energiepolitik], Finanzbeziehungen und
       Technologiekonkurrenz, ethnische Minderheiten, chinesische Konzerne in
       Europa bis hin zu Fragen von Marxismus und heutigem Imperialismus.
       
       Der Sinologe Heiner Roetz zeichnete die Entwicklung von Pekings offizieller
       Menschenrechtspolitik nach. Im globalen Diskurs darüber machte er mit
       Universalisten, Kulturrelativisten und Historisten („Wandel durch Handel“)
       drei Hauptströmungen aus. Er zeigte Pekings Widersprüche und Inkonsistenzen
       bei der Zurückweisung westlicher Kritik auf, genauso wie die politische
       Instrumentalisierung dieser westlichen Kritik durch Regierungen der USA und
       Europas.
       
       Doch relativierte er dabei nicht die Berechtigung der Kritik an China, etwa
       von Organisationen wie Human Rights Watch. Trotzdem machte er klar, dass
       Menschenrechtskritik westlicher Regierungen selektiv erfolge, was ihrer
       Glaubwürdigkeit schade.
       
       ## „Sich nicht vor den Karren einer Seite spannen lassen“
       
       Ein wenig überzeugender Kontrapunkt war dazu der Beitrag der Publizistin
       Renate Dillmann zum „Feindbild China“. Sie tat die China-Kritik des Westens
       in einem Schwall von Whataboutism mit Verweisen auf dessen in der Tat
       existierender Doppelmoral einfach ab. Statt Chinas
       Menschenrechtsverletzungen ernst zu nehmen, relativierte sie diese. Damit
       erweckte sie ganz im Sinne Pekings den Eindruck, das Problem sei doch vor
       allem eine verzerrte Wahrnehmung in der westlichen Politik und in den
       Medien.
       
       „Man darf sich in der China-Debatte vor keinen Karren spannen lassen“,
       sagte hingegen Felix Wemheuer, der als Professor für Moderne China-Studien
       die Konferenz an die Universität Köln geholt hatte. Dabei wurde deutlich,
       wie heikel es ist, öffentlich über China zu diskutieren, ohne sich dabei
       von der Regierung in Peking einbinden zu lassen oder platte westliche
       Anti-China-Narrative zu bedienen. So sagten alle geladenen Vertreter aus
       China und der chinesischen Diaspora kurz zuvor ab, mutmaßlich wegen
       politischem Druck oder aus Sorgen vor negativen Konsequenzen.
       
       Mehrere Teilnehmende berichteten geradezu nostalgisch, wie vergleichsweise
       einfach ein Austausch mit Vertreterinnen und Vertretern der chinesischen
       Zivilgesellschaft noch vor dem Machtantritt von Chinas Partei- und
       Staatschef Xi Jinping 2012 gewesen sei. Heute sei dies von Peking nicht
       erwünscht, womit die Polarisierung der China-Debatte, der sich die
       Konferenz zu verweigern versuchte, auch von Peking vorangetrieben wird.
       Laut Wemheuer sei es zwar weiter möglich, mit chinesischen Experten im
       kleinen Kreis zu diskutieren, aber offenbar „nicht auf einem großen
       Kongress mit Ankündigung im Internet“.
       
       So blieb etwa auch das Panel über die Arbeitsbedingungen in der
       Plattformökonomie in China, wo Essenslieferdienste geschätzte 10 Millionen
       Menschen beschäftigen, ohne chinesische Vertreter. Die Rider genannten und
       weitgehend rechtlosen Essenskuriere kämpfen in Europa wie China gegen
       prekärste Arbeitsbedingungen. Frühere Ansätze zur Selbstorganisation und
       Gegenwehr dieser Beschäftigten endeten in China mit der Verhaftung des
       Mengzhu genannten Aktivisten Chen Guojian im Jahr 2021. Sein genaues
       Schicksal ist unklar.
       
       ## Publikum wie Organisatoren grauhaarig
       
       Das Publikum wie die Organisatoren waren vor allem grauhaarig. Für die
       Generation TikTok sind China-Analysen offenbar kein Thema. Wemheuer räumte
       selbstkritisch ein, dann man jetzt zudem versäumt habe, sich stärker mit
       der Kommunistischen Partei Chinas zu beschäftigen.
       
       Nicht abschließend beantwortet wurde die Ausgangsfrage, ob China nun
       kapitalistisch oder sozialistisch sei. Das wird dort ja mit dem
       parteichinesischen Begriff der „sozialistischen Marktwirtschaft“ selbst
       offen gelassen. Eine Teilnehmerin bilanzierte: „In China gibt es eine
       größere Ambivalenzfähigkeit. Vielleicht können wir die unterschiedlichen
       Positionen einfach nebeneinander stehen lassen.“
       
       Anmerkung der Redaktion: In der Ursprungsversion des Textes hieß es, Renate
       Dillman habe ein Buch mit dem Titel „Feindbild China“ geschrieben. Das ist
       falsch und wurde korrigiert.
       
       23 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.attac.de/china-konferenz/startseite
 (DIR) [2] /dpa-Korrespondent-ueber-Taiwan/!6161373
 (DIR) [3] /Chinas-neues-Klimaziel/!6160484
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Sven Hansen
       
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