# taz.de -- Iraner kehren in ihr Land zurück: „Ich will meine Familie nicht alleine lassen“
> Am Bahnhof in Istanbul steigen erstaunlich viele Iraner:innen in den
> Bus, der sie in ihr Heimatland bringen soll. Was sind ihre Beweggründe?
(IMG) Bild: Reisende am türkisch-iranischen Grenzübergang in der Provinz Van im März 2026
Der junge Mann steht etwas abseits der Gruppe, die darauf wartet, einen
großen Reisebus zu besteigen. Er hat lange schwarze Haare, trägt eine weiße
Ski-Jacke und scheint dennoch zu frieren.
Ja, ihm sei kalt, sagt er, er komme gerade aus Brasilien. Was macht er dann
in Istanbul? Er zeigt auf den Reisebus. „Ich fahre nach Teheran.“ Warum
ausgerechnet jetzt, mitten im Krieg nach Teheran? Der junge Mann, nennen
wir ihn Ahmet, zuckt wie resigniert mit den Schultern. „Ich bin Iraner und
meine Familie ist im Iran.“ Es scheint, als wolle er sagen, es muss sein,
mir bleibt nichts anderes übrig.
Ahmet ist wochenlang durch Brasilien getrampt. „Ein tolles Land, ich wäre
gerne dort geblieben“. Als der Angriff der USA und Israels auf Iran begann,
habe er noch gedacht, das ist schnell wieder vorbei. Doch das glaubt er
jetzt nicht mehr. „Es wird wohl noch lange dauern. Ich kann meine Familie
jetzt nicht allein lassen“.
Ahmet hat eine lange Reise vor sich. Allein bis Teheran wird es mindestens
40 Stunden dauern. Von Istanbul bis an die iranische Grenze sind es schon
rund 2.000 km. Dann noch einmal knapp 1.000 km bis Teheran. Aber Ahmet ist
dann noch lange nicht am Ziel. Er muss nach Bandar Abbas. „An der
[1][Straße von Hormus]“, sagt er lächelnd, weil er weiß, dass im Moment die
ganze Welt über diese Meeresenge spricht.
## „Mir wird schon nichts passieren“.
Ob er keine Angst hat? „Eigentlich nicht“, sagt er, „mir wird schon nichts
passieren“. Über Politik will er nicht sprechen, er scheint auch den
anderen Reisenden zu misstrauen. „Mir geht es nur um meine Familie“, sagt
er.
Ahmet ist nicht der einzige, den es jetzt, drei Wochen nach Beginn der
Angriffe auf den Iran, in die Heimat zieht. An einer großen
Verbindungsstraße, die quer durch den Istanbuler Stadtteil Aksaray führt,
stehen an diesem kalten, regnerischen Morgen etliche Gruppen IranerInnen,
die darauf warten, dass ihr Bus in Richtung Teheran startet.
Die Reisebüros an dieser Hauptstraße haben sich in den letzten Wochen in
einen großen Umschlagplatz für Iranreisende verwandelt. Jeden Morgen gehen
von hier aus mindestens zehn große Reisebusse nach Iran. „Alle sind voll“,
sagt ein türkischer Reisebürobesitzer, der wie seine Kollegen das
Schaufenster mit Infos in iranischer Sprache vollgehängt hat. „Läuft
super“, meint er.
## „Zionistischer Bombenhagel“
Seit der Luftraum über Iran für Passagiermaschinen gesperrt ist und auch
Bagdad nicht mehr angeflogen werden kann, ist Istanbul zum Drehkreuz für
alle IranerInnen weltweit geworden, die nun über den Landweg zurück in ihre
Heimat wollen. Und das sind erstaunlich viele.
Statt dass, wie in Europa befürchtet, nun massenhaft Leute aus Iran
fliehen, kehren sehr viele Leute aus dem Ausland nach Iran zurück. Die
meisten sagen genauso wie Ahmet, sie wollen in dieser Situation ihre
Familie nicht allein lassen.
Eine Frau, die mit ihrer Tochter aus Belgien gekommen ist, sagt, ihre
Mutter sei krank, sie müsse unbedingt zurück. Andere geben sich
kämpferisch. Eine Gruppe junger Männer druckst zunächst etwas herum, bis
sie ihren Reiseleiter rufen, der angeblich besser Englisch sprechen würde.
Der legt dann auch gleich los. „Alle Iraner gehen jetzt zurück, um ihr Land
gegen die zionistischen Angriffe zu verteidigen. Sie wollen nicht im
sicheren Ausland sein, während ihre Familien im Bombenhagel sterben“.
## Sich vergewissern
Die anderen aus der Gruppe schauen ein wenig gequält, aber niemand
widerspricht. Wenig später sagen zwei andere junge Männer, die sich den
Auftritt des Regimesprechers aus der Distanz angeschaut haben, „Ja, es
stimmt, wir gehen wegen unserer Familien zurück“. Aber für Iran kämpfen, da
schütteln sie unsicher den Kopf. „Wir wollen ja nicht nach Teheran, sondern
zu unserem Dorf in der nordöstlichen Provinz. Da passiert nichts, da ist es
sicher“.
Nur ein junger Mann sagt leise, während er sich umschaut, „wir haben
Hoffnung“. Hoffnung worauf? „Wir hoffen, dass endlich das Regime fällt“. Er
will seinen Namen nicht sagen, aber er erzählt seine Geschichte.
Er lebt in Istanbul, aber ein Teil seiner Familie ist in Iran. Sein Vater
ist Türke, die Mutter Iranerin aus Ost-Iran. Ethnisch eine Turkmenin. Er
fühlt sich eigentlich als Türke, aber er will nun nach der Familie seiner
Mutter schauen. Über Internet oder Telefon gäbe es keine Verbindung mehr.
Wenn er sich vergewissert hat, dass es ihren Leuten gut geht, will er
wieder zurück.
So wie ihm geht es gerade vielen Leuten in Istanbul. Die iranische
Community in der Stadt ist groß, es gibt viele türkisch-iranische
Verbindungen. Die meisten stimmen dem türkischen Präsidenten zu, der immer
wieder betont, [2][dieser Krieg müsse schnell enden,] bevor noch mehr
Länder in den Konflikt hineingezogen werden.
Die meisten Busse wählen von Istanbul aus die Südroute, die von Ankara über
die Taurus-Autobahn bis Urfa führt und dann weiter nach Van. Die Stadt nahe
der iranischen Grenze ist normalerweise ganz auf iranische Touristen
eingestellt. „Gerade jetzt wären wir über Newroz normalerweise komplett
ausgebucht, aber jetzt stehen alle Hotels leer“, klagte ein
Tourismusmanager gegenüber Hürriyet. Es kommen zwar Iraner über die Grenze,
aber das sind vor allem Tagesbesucher, die abends wieder zurückgehen, sagen
Beobachter vor Ort.
In Aksaray sind sie darauf eingestellt, dass ihr neuer Geschäftszweig noch
eine Zeit lang so weitergeht. Neben den Reisebüros werben jetzt auch Lokale
und Hotels mit iranischen Schildern um Kunden. „[3][Bis man wieder fliegen
kann], wird es wohl noch dauern“, sagt ein Ticketverkäufer.
30 Mar 2026
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## AUTOREN
(DIR) Jürgen Gottschlich
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