# taz.de -- Israels Krieg im Libanon: Sanitäter im Visier
> Israels Armee will den Süden des Libanon vom Rest des Landes abschneiden
> und zerstört Brücken. Auf Kinder und medizinisches Personal nimmt sie
> keine Rücksicht.
(IMG) Bild: Zerstörung einer Brücke bei Tyros im Libanon durch das israelische Militär am 22. März
Seit drei Wochen hat der Arzt Ghassan Abu-Sittah kaum Pause. Der plastische
Chirurg hilft Kindern, die durch israelische Bomben im Libanon verletzt
wurden. Er berichtet von Metallsplittern im Bauch eines Mädchens, von
Splittern in Gesichtern und Augen, Knochenbrüchen, multiplen Frakturen.
„Die Kinder, die wir im Krankenhaus sehen, wurden alle in ihren Häusern
verwundet – als diese Häuser angegriffen wurden“, sagt er. Das jüngste Kind
sei 4 Jahre alt, das älteste 16 gewesen. „Neben den körperlichen
Verletzungen verlieren die Kinder auch ihre Familienmitglieder. Wir hatten
Patienten, die Eltern und Geschwister verloren haben und nun auch ihr
Zuhause.“
Der britisch-palästinensische Arzt leitet die pädiatrische Intensivstation
im Krankenhaus der Amerikanischen Universität Beirut. „Der Anteil
verletzter Kinder in diesem Krieg nähert sich mittlerweile 25 Prozent“,
sagt Ghassan Abu-Sittah der taz. Im Ukrainekrieg seien 12,5 Prozent aller
Opfer Kinder, sagt er zum Vergleich.
Der Chirurg hat mehrere Male im Gazastreifen gearbeitet – zuletzt für 43
Tage im Oktober 2023, unter israelischer Belagerung der inzwischen
zerstörten Krankenhäuser Al-Ahli und Al-Shifa. Libanon sei „eine kleine
Version von Gaza“, sagt Abu-Sittah. „Die Intensität ist weitaus schlimmer
als im vorherigen Libanonkrieg, und das Muster sowie die gezielten Angriffe
auf Wohnhäuser sind äußerst besorgniserregend“, so Abu-Sittah gegenüber der
taz.
## Der Fluss Litani soll neue Grenze werden
Israels Armee hat angekündigt, ihre Invasion im Libanon auszuweiten. „Der
Einsatz gegen die Terrororganisation Hisbollah hat gerade erst begonnen“,
erklärte Armeechef Ejal Samir am Sonntag. Es handele sich einen
„langwierigen Einsatz“. Die Armee bereite sich nun darauf vor, „die
gezielten Bodeneinsätze und Angriffe entsprechend einem organisierten Plan
voranzutreiben“.
Die israelische Armee hatte am Mittwoch angekündigt, verstärkt Brücken und
Übergänge über den Fluss Litani ins Visier zu nehmen, um den Süden des
Libanon vom Rest des Landes abzuschneiden. So solle die Hisbollah daran
gehindert werden, Verstärkung und Waffen zu transportieren. Zwei Brücken
wurden nach Armeeangaben bereits am Mittwoch zerstört. Man werde nicht
aufhören, „bis die Bedrohung von der Grenze verdrängt ist und langfristige
Sicherheit für die Bewohner Nordisraels gewährleistet ist“. Die
Bewohnerinnen und Bewohner großer Teile des Südlibanon hat die Armee
bereits zur „Evakuierung“ aufgerufen. Sie will dort nach eigenen Angaben
eine „Pufferzone“ errichten.
Am Montag zerstörte sie mit einem Luftangriff eine Brücke über den Litani
und unterbrach eine wichtige Verbindung zwischen der Stadt Nabatije und dem
weiter südlich gelegenen Wadi al-Hudschair, wie die staatliche
Nachrichtenagentur NNA berichtete. Am Sonntag hatte Israel bereits die
Brücke al-Kasmijeh nahe der Hafenstadt Tyros im Südlibanon angegriffen. Der
libanesische Präsident Joseph Aoun bezeichnete Israels Angriffe auf Brücken
in der Region als „gefährliche Eskalation“ und „Vorspiel zu einer
Bodeninvasion“.
## Mehr als 1.000 Tote seit Anfang März
Seit dem 2. März hat die israelische Armee bei ihren Angriffen 1.039
Menschen im Libanon getötet und 2.876 verwundet. Darunter sind 118 getötete
und 380 verletzte Kinder, so das libanesische Gesundheitsministerium.
Israel hat 5 Krankenhäuser, 18 Gesundheitszentren sowie 42 Krankenwagen
angegriffen. Dabei wurden 40 Rettungskräfte getötet und 119 verwundet,
zählt das Ministerium.
Israels Militär habe „wiederholt Rettungsteams ins Visier genommen, die an
vorderster Front im Einsatz waren“, sagt ein Sprecher des
Gesundheitsministeriums. Bei einem Angriff auf das Gesundheitszentrum in
Burj Qalawiya am 14. März wurde das gesamte medizinische Personal des
Zentrums getötet: 12 Ärzte, Sanitäter und Krankenschwestern, so das
Ministerium.
Das Zentrum wurde in Zusammenarbeit mit NGOs unter Aufsicht des
Gesundheitsministeriums betrieben, erklärt das Gesundheitsministerium. „Der
Angriff war somit eindeutig gezielt auf eine zivile Gesundheitseinrichtung
im Libanon.“
## Angriffe auf medizinisches Personal
Getötet wurden Sanitäter des Roten Kreuzes, des staatlichen Zivilschutzes
sowie des Gesundheitsdienstes der islamischen Pfadfindervereinigung, der
von der schiitischen Partei Amel finanziert wird. Die Mehrheit der Angriffe
richtete sich gegen den Islamischen Gesundheits-Verband (IHA). Der ist mit
dem zivilen Arm der Hisbollah verbunden und arbeitet mit dem libanesischen
Gesundheitsministerium zusammen.
Israels Militärsprecher [1][Avichay Adraee] behauptet, Krankenwagen und
medizinische Einrichtungen im Libanon würden für militärische Zwecke
genutzt. Das libanesische Gesundheitsministerium [2][weist das zurück].
Israel mache Rettungssanitäter zu „direkten Zielen“.
Der Guardian interviewte neun medizinische Fachkräfte, darunter Augenzeugen
israelischer Angriffe auf drei verschiedene medizinische Einrichtungen. Er
besuchte drei zerstörte medizinische Zentren und untersuchte zwei
beschädigte Krankenwagen. An keinem der Orte fanden sich Spuren
militärischer Nutzung.
## Gezielte Angriffe sind Kriegsverbrechen
„Maßgeblich ist ausschließlich, ob eine Person zum Zeitpunkt des Angriffs
ausschließlich humanitäre Aufgaben wahrnahm“, erklärt die Initiative
Deutsche JuristInnen für das Völkerrecht der taz. An der Einordnung waren
drei Jurist*innen beteiligt. Nach dem humanitären Völkerrecht,
insbesondere den Genfer Konventionen und den Gewohnheitsrechtsnormen sei
medizinisches Personal Kraft seiner Funktion, nicht Kraft seiner
institutionellen Zugehörigkeit geschützt. „Selbst Personen, die einer
bewaffneten Organisation wie der Hisbollah angehören oder nahestehen,
verlieren ihren Schutz nur dann und nur so lange, wie sie unmittelbar an
Feindseligkeiten teilnehmen.“
Die wiederholten, mutmaßlich gezielten Angriffe auf IHA-Sanitäter,
Krankenwagen und medizinische Zentren erfüllten potenziell den Tatbestand
von Kriegsverbrechen nach Artikel 8 des Statuts des Internationalen
Gerichtshofs. „Angesichts von mindestens 128 getroffenen Einrichtungen
deutet das Muster zusätzlich auf Verbrechen gegen die Menschlichkeit hin.“
Gezielte Angriffe auf Sanitäter, während ihrer humanitären Arbeit, können
ein Kriegsverbrechen sein, sagt auch Amnesty International. „Zivilpersonen,
einschließlich medizinisches Fachpersonal, verlieren ihren Schutzstatus
nicht allein aufgrund einer Zugehörigkeit zu einer Organisation“, erklärt
Kristine Beckerle, stellvertretende Regionaldirektorin für den Nahen Osten
und Nordafrika bei Amnesty International. „Daher sind direkte Angriffe auf
medizinisches Personal und Zivilschutzmitarbeiter allein aufgrund ihrer
Tätigkeit für mit der Hisbollah verbundene Institutionen strengstens
verboten.“
## Die Gewalt von 2024 wiederholt sich
Das israelische Militär hatte bereits während der Eskalation im Jahr 2024
im Libanon rechtswidrig medizinische Einrichtungen und ihr Personal
angegriffen. Dabei wurden [3][laut Weltgesundheitsorganisation (WHO)] 226
medizinische Fachkräfte getötet.
Amnesty hatte vier israelische Angriffe auf medizinische Einrichtungen und
Krankenwagen untersucht, bei denen zwischen dem 3. und 9. Oktober 2024
medizinisches Personal angegriffen und dabei 19 Menschen getötet und 11
verletzt wurden. Amnesty fand keine Hinweise darauf, dass die Einrichtungen
oder das Personal für militärische Zwecke genutzt wurden, und forderte die
Untersuchung der Angriffe als Kriegsverbrechen. Bisher ist das
international nicht geschehen.
23 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://x.com/AvichayAdraee/status/2032725479879221755
(DIR) [2] https://www.moph.gov.lb/en/Pages/129/83135/%D8%A7%D9%84%D8%B5%D8%AD%D8%A9-%D8%AA%D8%AF%D8%AD%D8%B6-%D8%A7%D8%AF%D8%B9%D8%A7%D8%A1%D8%A7%D8%AA-%D8%AC%D9%8A%D8%B4-%D8%A7%D9%84%D8%B9%D8%AF%D9%88-%D8%A8%D8%A7%D8%B3%D8%AA%D8%AE%D8%AF%D8%A7%D9%85-%D8%A7%D9%84%D8%A7%D8%B3%D8%B9%D8%A7%D9%81-%D9%84%D8%A7%D8%BA%D8%B1%D8%A7%D8%B6-%D8%B9%D8%B3%D9%83%D8%B1%D9%8A%D8%A9-#/en/Pages/129/83135/moph-denies-the-enemy-armys-claims-that-ambulances-were-used-for-military-purposeshttps://www.moph.gov.lb/en/Pages/129/83135/%D8%A7%D9%84%D8%B5%D8%AD%D8%A9-%D8%AA%D8%AF%D8%AD%D8%B6-%D8%A7%D8%AF%D8%B9%D8%A7%D8%A1%D8%A7%D8%AA-%D8%AC%D9%8A%D8%B4-%D8%A7%D9%84%D8%B9%D8%AF%D9%88-%D8%A8%D8%A7%D8%B3%D8%AA%D8%AE%D8%AF%D8%A7%D9%85-%D8%A7%D9%84%D8%A7%D8%B3%D8%B9%D8%A7%D9%81-%D9%84%D8%A7%D8%BA%D8%B1%D8%A7%D8%B6-%D8%B9%D8%B3%D9%83%D8%B1%D9%8A%D8%A9-%23/en/Pages/129/83135/moph-denies-the-enemy-armys-claims-that-ambulances-were-used-for-military-purposes
(DIR) [3] https://www.who.int/news/item/22-11-2024-lebanon--a-conflict-particularly-destructive-to-health-care
## AUTOREN
(DIR) Julia Neumann
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