# taz.de -- Film „Blue Moon“ mit Ethan Hawke: Monolog der Einsamkeit
> In Richard Linklaters „Blue Moon“ spielt Ethan Hawke den Autor Lorenz
> Hart als kleinen Mann mit großem Herzen. Die anderen wirken daneben wie
> Komparsen.
(IMG) Bild: Traumpaar: Elizabeth Weiland (Margaret Qualley) und Lorenz Hart (Ethan Hawke) in „Blue Moon“
Ein „Haufenreim“ geht so: „I married many men, a ton of them / And yet I
was untrue to none of them / Because I bumped off every one of them / To
keep my love alive“. Reimschema ist AAAB, dazu ein doppeltes „Triplet“ –
die ersten drei Zeilen reimen sich auch in den drei letzten Silben und
bauen so eine Reim-Erwartung auf, die in der vierten Zeile zerstört wird.
Die nächste Strophe von Lorenz Harts Text zu „To Keep My Love Alive“ nutzt
das gleiche Prinzip: „Sir Paul was frail; he looked a wreck to me / At
night he was a horse’s neck to me / So I performed an appendectomy / To
keep my love alive.“ Aber selbstredend beherrscht Songtexter Hart ebenso
Reimschema ABCB: „Sir Marmaduke was awfully tall / he didn’t fit in bed / I
solved that problem easily / I just removed his head“.
Liebe und Tod, in diesem Fall die makabren Morde, die die Ich-Erzählerin an
ihren diversen Ehemännern verübt, weil sie nicht das Herz hatte, sich von
ihnen zu trennen, lagen für Hart nahe beieinander. In [1][Richard
Linklaters „Blue Moon“] dünstet dem 1,52 Meter großen Hart, den der dafür
mit einem Oscar nominierte, viel längere Ethan Hawke mithilfe höher
gehängter Kulissen und extra ausgehobener Gehrinnen spielt, jene emotionale
Widersprüchlichkeit aus allen Poren: Der Film porträtiert einen kleinen,
romantischen Mann mit einem großen, verzweifelten Herzen.
Harts Bitterkeit steckt in jeder Sekunde des von Robert Kaplow
geschriebenen, fast ausschließlich im legendären Broadway-Theaterrestaurant
„Sardi’s“ am Abend der „Oklahoma!“-Premiere angesiedelten Kammerspiels.
Dass er erlebt, wie sein musikalischer Partner Richard Rodgers (Andrew
Scott), Teil des Broadway-Songwriting-Hit-Duos „Rodgers and Hart“, sich
aufgrund von Harts durch dessen Alkoholismus verstärkter Unzuverlässigkeit
mit Oscar Hammerstein II. (Simon Delansey) einen neuen Partner gesucht hat,
bildet den Auftakt zu einem anrührenden Monolog der Einsamkeit.
## Er klagt über schlechte Reime
Ein wirklicher Monolog ist es nicht – im getäfelten, mit Bildern berühmter
Showmenschen dekorierten Bar-Nebenraum, in den der 48-Jährige sich aus dem
Musical geflüchtet hat, um dort auf das Eintreffen seines (einseitigen)
Schwarms, der jungen Elizabeth ([2][Margaret Qualley]) zu warten, halten
sich außer Hart auch noch Barkeeper Eddie (Bobby Cannavale), der in
sämtlichen Hart-und-Rodgers Gassenhauern versierte Bar-Pianist Morty (Jonah
Lees) und der Autor E. B. White (Patrick Kennedy) auf; später fällt die
Premierenmeute ein, um den Start eines der erfolgreichsten Musicals aller
Zeiten zu feiern.
Doch wie Eddie es angesichts Harts nie versiegender, so amüsanter wie
bitterer Ausführungen über schlechte Reime, oberflächliche Kunst und
perfekten Whiskey formuliert, ist Harts Leben ein Theaterstück, in dem er
selbst 99 Prozent aller Dialoge spricht. Alle anderen sind nur Komparsen.
Die Idee Linklaters, diesen Zustand tatsächlich als eine Art Theaterstück
zu inszenieren (inhaltlich basieren die Gespräche auf Briefen zwischen Hart
und Elizabeth), passt ebenso zu seinem Protagonisten wie der Ort – Hart war
„all drinks and all phantasy“.
## Respektvolle Schwebe
Ob er so viel trank, weil er es als kurz gewachsener Mann in der auf
normative Maße fokussierten Showbusiness-Scheinwelt besonders schwer hatte;
welche Rolle seine nie kommentierte, aber von Zeitzeug:innen bestätigte
Homosexualität dabei spielte; ob er den Verlust seiner Mutter nicht
verkraftete, die ein paar Monate vor ihm starb; oder ob ihn Rodgers’
Erfolg, dessen Teamwork mit Hammerstein ihm zu bieder und zu wenig
sarkastisch war, mit zermürbendem Neid erfüllte – all das lässt Linklater
in respektvoller Schwebe.
Ohne zu stigmatisieren oder spekulativ zu psychologisieren, stattdessen mit
großem Mitgefühl zeigt er einen Menschen voller Trauer und Esprit, dem
echte Weisheiten, Bonmots, Anekdoten und Triplets ebenso leicht aus dem
Mund fließen, wie der Schnaps hineinfließt. Nach einem Drink-Binge im
November 1943 starb Hart an einer Lungenentzündung. Sein Herz war bestimmt
auch gebrochen.
30 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Der-Film-Blue-Moon-bei-der-Berlinale/!6067108
(DIR) [2] /The-Substance-im-Kino/!6034358
## AUTOREN
(DIR) Jenni Zylka
## TAGS
(DIR) Spielfilm
(DIR) Richard Linklater
(DIR) Ethan Hawke
(DIR) Biografie
(DIR) Kolumne Cultural Appreciation
(DIR) Spielfilm
(DIR) Schwerpunkt Berlinale
(DIR) Komödie
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Neuer A24-Film „The Drama“: Der gefährlichste Gedanke ist nie passiert
Der neue Kinofilm „The Drama“ mit Starbesetzung löst über die sozialen
Medien hinaus eine Debatte aus. Denn die vermeintliche Rom Com ist so gar
nicht romantisch.
(DIR) „Nouvelle Vague“ von Richard Linklater: Originalität! Spontaneität! Kreativität!
Er kann einfach kein Drehbuch schreiben: In Richard Linklaters Reenactment
der Nouvelle Vague rauchen die Köpfe und rollen die Kameras.
(DIR) Der Film „Blue Moon“ bei der Berlinale: An nur einem Abend an der Bar
Richard Linklaters „Blue Moon“ erzählt flamboyant von der dramatischen
Lebensgeschichte eines Hollywood-Musicaltexters. Der Film läuft im
Wettbewerb.
(DIR) Kinofilm „Everybody Wants Some!!“: Im Reich der Tennissocken
Der neue Film von US-Regisseur Richard Linklater haucht der College-Komödie
der Achtziger Leben ein. Musik spielt eine tragende Rolle.