# taz.de -- „Nouvelle Vague“ von Richard Linklater: Originalität! Spontaneität! Kreativität!
       
       > Er kann einfach kein Drehbuch schreiben: In Richard Linklaters
       > Reenactment der Nouvelle Vague rauchen die Köpfe und rollen die Kameras.
       
 (IMG) Bild: In „Nouvelle Vague“ filmt Godard seine Stars sehr diskret
       
       Eigentlich denkt man sich, das kann doch nur schiefgehen: Ein US-Amerikaner
       schickt sich an, die Entstehung eines der legendärsten Filme der „Nouvelle
       Vague“, [1][Jean-Luc Godards] „Außer Atem“ („A bout de souffle“) zu
       reinszenieren. Und das nicht etwa im True-Crime-Format mit Voice-over,
       Zeitzeugen-Interviewschnipseln und Archivmaterial, sondern als Spielfilm,
       mit jungen, größtenteils unbekannten Schauspielern von heute, die in die
       Rollen von so legendären Gestalten wie Jean-Paul Belmondo, Jean Seberg und
       Jean-Luc Godard himself schlüpfen sollen.
       
       Dass es Richard Linklater ist, der sich an dieses Projekt wagt, weckt dann
       aber erst recht das Interesse. Zum einen, weil man weiß, dass Linklater
       eine gewisse Affinität zu Europa verspürt, wie seine [2][„Before“-Trilogie]
       (1995, 2004, 2013) verrät, deren Teile in Wien, Paris und einem
       griechischen Küstenstädtchen angesiedelt waren. Zum andern, weil er zu
       jenen amerikanischen Indie-Regisseuren gehört, die Neues probieren,
       Tonlagen wechseln und dabei ziemlich stur an der Mode vorbei eigenen
       Interessen nachgehen.
       
       In Genres wie Krimis, Komödien, Animationsfilmen hat sich Linklater schon
       ausprobiert und ein Händchen für Filme entwickelt, die aus dem
       Zusammenspiel eines ganzen Ensembles heraus erwachsen. Sein bislang größter
       Erfolg, [3][„Boyhood“ (2014)], der einzige seiner 24 Spielfilme umfassenden
       Filmografie, für den er eine Oscar-Nominierung als Regisseur landen konnte,
       entstand über geduldige zehn Jahre hinweg, in denen er in Intervallen mit
       einem kleinen, ihm treuen Cast drehte.
       
       Mit „Me and Orson Welles“ (2008) hat sich Linklater auch schon einmal auf
       die Spur eines vermeintlichen Genies begeben: Der Film rekonstruiert die
       Entstehung von Orson Welles’ bahnbrechender Bühnenadaption des
       Shakespeare-Stücks „Julius Caesar“ 1937 in New York – aus der Sicht eines
       17-Jährigen (gespielt von Zac Efron), dem Welles die Rolle des Lucius
       anbietet. Zwar war Welles hier nicht die Hauptfigur, aber mithilfe des
       Schauspielers Christian McKay gelang Linklater ein großartiges Porträt des
       „Citizen Kane“-Regisseurs als junger Mann mit großem Ego.
       
       An weiteren im Film vorkommenden namhaften Figuren wie Joseph Cotten konnte
       man auch schon erkennen, dass Linklater ein besonderes Auge dafür besitzt,
       junge Stand-ins für später legendär gewordene Personen zu besetzen.
       
       ## Kino bildet für sie den zentralen Lebensinhalt
       
       Mit „Nouvelle Vague“ drehte Linklater nun zum ersten Mal in französischer
       Sprache und mit französischen Schauspielern. Diesmal bildet die
       Regielegende Jean-Luc Godard (Guillaume Marbeck) den Mittelpunkt der
       Erzählung. In bündigen 100 Minuten geht es darum, wie der 28-jährige Godard
       im Jahr 1959 den Sprung wagt, aus der Schreibstube der Cahiers du cinéma
       herauszutreten, um endlich, endlich seine ganz eigenen Vorstellungen von
       Kino zu realisieren. „Die beste Weise, einen Film zu kritisieren, ist,
       einen Film zu machen“, lässt Linklater seine Hauptfigur in einer der ersten
       Szenen sich selbst zitieren.
       
       In stimmungsvollen Schwarzweißbildern – was sonst – rekonstruiert „Nouvelle
       Vague“ das Paris jener Zeit – mit ein paar wenigen echten Archivaufnahmen
       und einer breiten Szenerie von nonchalanten, jungen Menschen, für die das
       Kino den zentralen Lebensinhalt bildet. Man sieht sie zuerst im Kino
       sitzen, Godard neben François Truffaut (Adrien Rouyard), Claude Chabrol
       (Antoine Besson) und Suzanne Schiffman (Jodie Ruth-Forest).
       
       ## Die Sonnenbrille nimmt er nie ab
       
       Später schleichen sie sich auf die Premieren-Party mit dem zeitlosen
       Anreiz, freie Drinks abzustauben. Godard trifft dort auf den jungen
       Produzenten Georges de Beauregard (Bruno Dreyfürst), und obwohl der
       Kritiker nichts Gutes über dessen Film zu sagen hat, sieht man den Funken
       überspringen zwischen zwei ehrgeizigen jungen Männern, die es nach Ausbruch
       aus den Konventionen ihrer Zeit drängt.
       
       Das alles kommt zunächst fast übertrieben drollig daher. Jede Figur wird im
       Lebend-Porträt per Schrifteinblendung mit vollem Namen vorgestellt, alle
       blicken direkt in die Kamera, die meisten halten dabei eine brennende
       Zigarette in der Hand. Es ist, als schlüpfe Linklater in die Rolle eines
       Reality-TV-Dokumentaristen jener Zeit. In der Fülle der vorgestellten
       Figuren, die keine größere Rolle spielen im Verlauf der eigentlichen
       Handlung, drückt sich Linklaters Verehrung für ein ganzes Milieu, ja für
       eine ganze Epoche des französischen Kinos aus.
       
       Guillaume Marbeck, bislang so gut wie unbekannt, gibt eine eindrucksvolle
       Verkörperung des Schweizers Godard, wobei die Tatsache, dass er seine
       Sonnenbrille nie abnimmt, bestens darüber hinwegtäuscht, dass der
       Schauspieler seinem Vorbild äußerlich kaum ähnelt. Die Godard’sche Arroganz
       und Eitelkeit bringt Marbeck sehr gut zum Ausdruck. Vielleicht verleiht er
       seiner Figur sogar mehr persönlichen Charme, als es historisch verbürgt
       ist.
       
       Linklater stellt die Premiere von Truffauts „Sie küssten und sie schlugen
       ihn“ in Cannes 1959 nach. Tosender Applaus straft die Befürchtungen im
       Cahiers du cinéma-Umfeld, dass man den Film hassen würde, Lügen. In Godards
       Sonnenbrille spiegelt sich der jugendliche Jean-Pierre Léaud. Godard
       begreift, dass er handeln muss. Er gewinnt Beauregard als Produzenten,
       Pierre Rissient (Benjamin Clery) als Regieassistenten und macht Jean-Paul
       Belmondo (Aubry Dullin) als Schauspieltalent ausfindig.
       
       Irgendwie gelingt es ihm und seinen Freunden sogar, die mit „Bonjour
       tristesse“ groß herausgekommene und nach Paris gezogene Jean Seberg (Zoey
       Deutch) zu engagieren, die in Wahrheit lieber mit den bereits etablierten
       Chabrol oder Truffaut gedreht hätte.
       
       ## Die Kamera rollt, sobald Godard es fordert
       
       Die Drehtage – es waren nur 20! – inszeniert Linklater als Zeit voller
       Improvisation, spontaner Einfälle und viel Müßiggang, weil Godard gerade
       nicht weiterweiß. Eine besonders gute Figur im Chaos macht dabei Kameramann
       Raoul Coutard (Matthieu Penchinat), der mit Kriegsdokumentaristen-Coolness
       die Kamera rollen lässt, sobald Godard es fordert.
       
       Er habe einfach mit der „New Wave Crowd“ abhängen wollen, beschrieb
       Linklater im Umfeld der Cannes-Premiere letztes Jahr seine Motivation. Der
       hintergründige Humor seines liebevollen Reenactments erinnert streckenweise
       an seinen texanischen Kollegen Wes Anderson. Die Lockerheit, mit der
       Linklater die Kollaboration der vielen jungen Männer und wenigen Frauen
       beim sommerlichen Dreh zeigt, hat aber auch etwas von seinen eigenen
       Jungs-Filmen wie „Slacker“ und „Dazed and Confused“.
       
       Die Dialoge sind regelrecht überfrachtet mit Godard-Sentenzen – Zoey Deutch
       als Jean Seberg verdreht auf herrliche Weise die Augen über die ständigen
       Zitate. Als Jean-Luc einmal mehr ansetzt mit Faulkner, dessen Stil sich aus
       der Unfähigkeit, Lyrik zu schreiben, ergeben habe, vervollständigt sie,
       dass Godards Regie aus seiner Unfähigkeit herkäme, ein Drehbuch zu
       schreiben. „Touché!“
       
       Über all der Zitiererei bildet der Film auch ab, wie sehr Godard und
       Konsorten bereits an der eigenen Mythosbildung arbeiteten. Gleichzeitig
       lässt Linklaters Entspanntheit genug Raum für jene Art von „Fun“, die den
       „kulturellen Moment“ gut trifft. So macht „Nouvelle Vague“ sichtbar, wie
       gewagt und zufällig „À bout de souffle“ zusammenkam, und wie sehr seine
       Macher sowohl von der Lust zur Rebellion als auch der Liebe zum
       amerikanischen Kino inspiriert waren.
       
       11 Mar 2026
       
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