# taz.de -- Kindersoldaten auf Tiktok: Wenn Leichen viral gehen
> Auf Tiktok posieren Kinder aus Sudan mit Leichen im Hintergrund.
> Millionen schauen zu – und die Plattform bekommt das Problem kaum in den
> Griff.
(IMG) Bild: High Five mit einem mutmaßlichen Politiker: Kindersoldat im Sudan posiert für ein TikTok-Video
In einer viel zu großen Uniform sitzt der kleine Junge zwischen Soldaten
auf dem Dach eines Militärgeländewagens und strahlt in die Kamera. Er ist
vielleicht elf Jahre alt. Auf einem weiteren Foto hält derselbe Junge eine
alte [1][Kalaschnikow] in der Hand und strahlt über das ganze Gesicht.
Zahlreiche Fotos und Videos [2][von Kindersoldaten] in Sudan zirkulieren
dieser Tage auf den sozialen Medienplattformen, vor allem auf Tiktok. In
einem weiteren, besonders verstörenden und offenbar selbst gedrehten Video
läuft ein Junge im Alter von vielleicht 12 oder 13 Jahren mit wirren Locken
durch staubige Straßen und ruft „Allah ist groß!“ auf Arabisch. Hinter ihm
sieht man zahlreiche Leichen liegen.
„Das Video war ziemlich beliebt auf Tiktok und erreichte Millionen von
Aufrufen“, so Sebastian Vandermeersch, Reporter [3][bei der investigativen
Medienplattform] Bellingcat, der bei seiner Recherche über
[4][Kriegsverbrechen in Sudan] über diese Tiktok-Accounts der
Kindersoldaten gestolpert ist. „Ich konnte auf Tiktok ein ganzes Netzwerk
von Accounts finden, die Inhalte über Kindersoldaten teilten und damit
Millionen von Aufrufen erzielten.“
Er beschloss, gemeinsam mit seinen Redakteuren auf das Problem aufmerksam
zu machen, sagt er, und begann, soziale Medien gezielt nach Inhalten von
oder über Kindersoldaten in Sudan zu durchsuchen – und letztlich die
Verantwortlichen der Plattformen damit zu konfrontieren. „Wir wollten auf
dieses Problem aufmerksam machen. Kindersoldaten als Influencer
beziehungsweise Kindersoldaten mit einer großen Anhängerschaft – sind etwas
völlig Neues.“
Der Krieg in Sudan, der im April vor drei Jahren begann, ist eine der
größten humanitären Katastrophen weltweit. Fast zehn Millionen Menschen
wurden innerhalb ihres eigenen Landes vertrieben, mehr als vier Millionen
suchen in den Nachbarländern Schutz. Fast ein Viertel der Bevölkerung ist
von akutem Hunger betroffen.
## Oft im Kindesalter entführt
Besonders die Kinder leiden in diesem Krieg. „Über zehn Millionen Kinder
wurden durch die wahllosen und gezielten Angriffe der SAF und RSF auf
Zivilisten und zivile Infrastruktur brutaler Gewalt ausgesetzt“, meldet die
US-Menschenrechtsorganisation [5][Genocide Watch] 2025. „Viele müssen
mitansehen, wie ihre Familienangehörigen getötet, ihre Häuser zerstört und
ganze Dörfer massakriert wurden.“
In einem Bericht des UN-Menschenrechtsrates in Genf vom Februar melden die
UN-Ermittler, dass Kindern gezielt Gewalt angetan wird. Viele – vom
Kleinkind bis zum jugendlichen Mädchen – wurden vergewaltigt, die Jungen
bereits im Kindesalter entführt und in die RSF-Miliz aber auch in die
Reihen der Armee als Kämpfer integriert.
Auch beim Massaker in der Stadt El Fasher in der Region Darfur, die Ende
Oktober von der RSF gestürmt wurde und wo schätzungsweise rund 70.000
Menschen in nur drei Tagen brutal ermordet wurden, wurde „eine
beträchtliche Anzahl“ von Kindern eingesetzt. Sie dienten „als Kämpfer und
zur Informationsbeschaffung“, so [6][der UN-Bericht].
Dass diese Kindersoldaten nun auf den sozialen Medien richtige Onlinestars
werden, ist neu. Kindersoldaten gibt es in Sudan seit Jahrzehnten: Als
„Lion Cubs“, übersetzt „Löwenbabys“, werden sie traditionell bezeichnet.
Der Begriff wurde bereits in den vergangenen Kriegen gegen den mittlerweile
unabhängigen Südsudan für Kindersoldaten verwendet. Auch damals wurden
Abertausende Kinder auf beiden Seiten der Fronten eingesetzt.
Bellingcat-Reporter Vandermeersch nutzte Online-Tools, um „die
Authentizität eines Videos zu überprüfen, indem wir dessen genauen Standort
bestimmen, hauptsächlich anhand von Satellitenbildern“, sagt er der taz.
Besonders interessiert hat ihn das Video, in dem der Junge mit den wirren
Locken durch die Straße läuft und im Hintergrund Leichen im Staub zu
erkennen sind.
Bellingcat konnte bestätigen, dass das Video Anfang Dezember 2025 in der
Stadt Babanusa in der Region West Kordofan gedreht wurde. In Babanusa war
die 22. Infanterieeinheit von Sudans Armee SAF stationiert, dann stürmten
die RSF-Rebellen am 1. Dezember die Stadt, die Soldaten ergaben sich.
## Konten wurden gesperrt
Der Junge mit den gelockten Haaren steht in einem weiteren Tiktok-Video vor
dem Eingangsschild der Armeebastion in Babanusa und streckt im Siegestaumel
ein Gewehr gen Himmel. „Bei der Analyse der Videos, in denen Kinder auf dem
Gelände des Stützpunktes umhergingen, konnten wir markante Merkmale im
Hintergrund, wie den Eingang des Stützpunktes, Gebäude und asphaltierte
Straßen, mit Satellitenbildern abgleichen“, sagt Vandermeersch.
Er glich diese Merkmale mithilfe von Google Maps ab und konnte den
Standpunkt exakt bestimmen. „Wir gingen dann noch einen Schritt weiter und
besorgten uns ein Satellitenbild vom 2. Dezember 2025, also einen Tag nach
der Einnahme des Stützpunkts. Auf diesem Bild konnten wir eine Gruppe von
Objekten erkennen, deren Form und Muster den Leichen im Video entsprachen.“
Bellingcat konfrontierte Tiktok damit und meldete insgesamt zwölf Accounts.
„Dann wurden sieben der zwölf Konten gesperrt“, so der Journalist. Bei den
verbleibenden fünf Konten seien nur die gemeldeten Beiträge entfernt
worden, nicht die gesamten Konten. Vandermeersch recherchierte weiter: „Wir
überprüften diese fünf Konten und stellten fest, dass dort immer noch
unzählige Videos mit Millionen von Aufrufen zu finden waren.“
Er beschrieb das in seinem Artikel vom 20. Februar. Immerhin: Nachdem der
Artikel veröffentlicht wurde, sperrte Tiktok alle weiteren Konten. Doch, so
Vandermeersch: „Etwa zehn Tage später entdeckte ich, dass einer der
Kindersoldaten, ein neues Tiktok-Konto erstellt hatte.“ Er hatte bereits
17.000 Follower und Hunderttausende von Aufrufen für seine neuen Videos.
Vandermeersch kontaktierte Tiktok erneut, und nun wurde auch dieses Konto
gesperrt. Doch der Reporter befürchtet, „dass dies ein anhaltendes Problem
bleiben wird“. Es scheint, dass Tiktok Schwierigkeiten hat, dieses Phänomen
der Kindersoldaten „angemessen zu regeln“, so Vandermeersch. Die Videos
seien eine „sehr wirkungsvolle Propaganda, die dazu führen kann, dass noch
mehr Kinder als Soldaten am Krieg teilnehmen wollen“.
25 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Buch-ueber-das-Kalaschnikow-Gewehr/!6117122
(DIR) [2] /1309-Tage-Krieg-in-der-Ukraine/!6115574
(DIR) [3] https://www.bellingcat.com/news/2026/02/20/viral-child-soldiers-on-tiktok-the-disney-stars-of-sudans-civil-war
(DIR) [4] /Drohnenangriffe-im-Sudan/!6135949
(DIR) [5] https://www.genocidewatch.com/single-post/the-recruitment-and-use-of-child-soldiers-in-sudan
(DIR) [6] https://www.ohchr.org/en/documents/thematic-reports/ahrc6177-sudan-hallmarks-genocide-el-fasher-report-independent
## AUTOREN
(DIR) Simone Schlindwein
## TAGS
(DIR) Kindersoldaten
(DIR) Schwerpunkt Krieg in Sudan
(DIR) TikTok
(DIR) Social Media
(DIR) Social-Auswahl
(DIR) Schwerpunkt Krieg in Sudan
(DIR) Afrika-Cup
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Datenschutz und Tiktok: Weimer will Tiktok in „europäische Hände“ legen
Die chinesische Plattform Tiktok ist in Deutschland extrem verbreitet.
Kulturstaatsminister Weimer sieht negative Folgen. Er macht einen
Vorschlag.
(DIR) Heftige Kämpfe in Darfur: Tschad schließt seine Grenze zu Sudan
Sudans aufständische RSF-Miliz hat an der Grenze zu Tschad die Armee
angegriffen. Jetzt macht Tschad die Grenze dicht. Das erschwert humanitäre
Hilfe.
(DIR) Afrika-Cup: Sudan erspielt sich seine Hoffnung zurück
Bei der Afrikameisterschaft haben die Kicker des vom Bürgerkrieg
gezeichneten Landes beste Chancen, das Achtelfinale zu erreichen.