# taz.de -- Schweinfurt trotzt dem Trend: „Mir tut es weh, was mit der SPD passiert“
> Ralf Hofmann erobert in Schweinfurt für die SPD das Oberbürgermeisteramt.
> Seine Partei beschäftige sich zu sehr mit sich selbst, sagt er.
(IMG) Bild: Hier residiert der neue SPD-Bürgermeister: das Rathaus am Marktplatz in Schweinfurt
taz: Herr Hofmann, [1][entgegen der bundesweiten Depri-Stimmung in der SPD]
haben Sie im fränkischen Schweinfurt das Rathaus erobert – nach 34 Jahren
CSU-Regentschaft. Wie haben Sie das geschafft?
Ralf Hofmann: Ich bin immer noch reichlich euphorisiert von dem
historischen Ereignis. Wir haben in einer schwierigen Situation für die SPD
etwas Besonderes geschafft. Wir haben die Wahlkampagne selbst auf die Beine
gestellt, dazu einen Fragebogen genutzt, den ich selbst entworfen habe.
Damit habe ich gefragt, wie sich die Menschen einbringen wollen und können,
und wir hatten von Gewerkschaften über Ex-CSUler bis in die breite
Migrationsgesellschaft viele Menschen dabei. Es gab die Grundstimmung in
der Stadt, dass es Veränderung braucht.
taz: Was sind die größten Herausforderungen in Schweinfurt?
Ralf Hofmann: Der Strukturwandel. Wir werden hier in den nächsten Jahren
etwa 3.000 Arbeitsplätze in der Automobilzulieferung verlieren. Schweinfurt
war ja eine der beiden Städte in Deutschland, wo es lange Zeit mehr
sozialversicherungspflichtige Jobs als Einwohner gab. Heute sind in den
fünf Großbetrieben in der Stadt noch etwa 20.000 Menschen beschäftigt. Der
Schlingerkurs der Bundesregierung und der EU stellt uns hier vor enorme
Herausforderungen. Von den Betriebsräten und auch von den Standortleitungen
haben wir gehört, dass die Stadt hier Akteur werden muss und lange zu
passiv war. Wir müssen schauen, dass wir die guten Arbeitsplätze halten
können, was uns mit der Ansiedlung einer KI-Gigafactory vor den Toren der
Stadt auch gelingen könnte.
taz: [2][Vor allem in Baden-Württemberg hat die SPD stark bei den
Industriearbeitern eingebüßt], auch an die AfD. In Rheinland-Pfalz gab es
jetzt ebenfalls eine Niederlage. Was kann die Partei von Ihnen lernen?
Ralf Hofmann: Wir hatten hier in Schweinfurt bei den Bundestagswahlen einen
extrem hohen AfD-Anteil. Aber in vielen Gebieten, in denen die AfD stark
war, haben wir jetzt bei der Stichwahl bis zu zwei Drittel der Stimmen
geholt. Die Menschen sind nicht verloren, sie haben einen Vertrauensverlust
und große Abstiegsängste. Das konnten wir gut in unserem Wahlkampf
auffangen. Wir haben den großen Vorteil, dass die Betriebsräte und die IG
Metall hier sehr pragmatisch arbeiten. Die Menschen merken, dass ihnen
gewerkschaftliche Arbeit guttut. Daran konnten wir anknüpfen.
taz: Was würden Sie den SPD-Chef*innen Bärbel Bas und Lars Klingbeil raten?
Ralf Hofmann: Die SPD hat nur eine Zukunftschance, wenn sie sich auf ihre
kommunalpolitischen Wurzeln besinnt. Die Parteispitze muss mit den
erfolgreichen Kommunalpolitikern Zukunftsstrategien entwickeln. Ich bin mit
einer Bierbank durch die Stadt gelaufen, und die Leute konnten sich neben
mich setzen. Ich habe mir alles angehört und habe ehrlich gesagt, welche
Probleme wir lösen können und welche eben auch nicht. Obwohl es in
Schweinfurt viele Fahrradfahrer*innen gibt, ist unsere
Radinfrastruktur schlecht ausgebaut. Da habe ich gesagt, dass es in den
kommenden zwei Jahren dafür kein Geld gibt angesichts der Kassenlage. Da
geht es auch mal ruppig zu, aber da darf man keine Angst haben.
taz: Ist die SPD zu zimperlich?
Ralf Hofmann: Ja, wir müssen vor Ort mit den Menschen reden und auch mal
ins Risiko gehen. Die SPD ist immer so staatstragend. Ich sehe bei der SPD
kommunikative Probleme. Die Orientierung auf die Funktionärsebene ist ein
Problem. Auf Parteitagen habe ich mich nie wirklich wohlgefühlt. Wir müssen
doch nicht immer über die Programmatik sprechen! Es geht viel um Vertrauen
und Zuwendung, und da hat die SPD die größte Lücke.
taz: Würden Sie sich wünschen, dass Klingbeil und Bas mal bei Ihnen zu
Besuch kommen?
Ralf Hofmann: Ja, natürlich. Aber ich bin da realistisch, ich kann auch
überall hinfahren, wo so ein Treffen stattfinden könnte. Der Kalender der
beiden ist deutlich strapazierter als meiner. Mir tut es weh, was mit der
SPD passiert. Wenn eine Chance besteht, mit denen in oberster Verantwortung
über die Zukunft der Partei zu sprechen, komme ich überall hin.
taz: Wie muss sich die SPD verändern, um wieder Wahlen zu gewinnen?
Ralf Hofmann: Wenn ich da ein Patent hätte, wäre das nobelpreisverdächtig.
Wir beschäftigen uns zu sehr mit uns. Interne Beteiligung und so weiter,
das ist alles ganz toll. Aber wir müssen raus. Wir müssen zu den Leuten,
Infostände machen, von Tür zu Tür gehen, nicht nur in Wahlkämpfen, und
darüber sprechen, was bei den Menschen ansteht. Was mich zum Beispiel total
nervt, ist [3][dieses Zurückdrehen der Energiewende in der
Bundesregierung.] Wie kann man auf so eine Idee kommen? Das ist das
Gegenteil von Verlässlichkeit und Planungssicherheit. Am aktuellen Krieg
sieht man doch wieder, wie abhängig wir von der fossilen Energie sind. Wir
müssen den Menschen klarmachen, dass wir für eine gewisse Zeit auf Dinge
verzichten müssen. Aber Deutschland ist immer noch eine starke
Industrienation, wir können das sozial abfedern. Und es gibt viel zu
gewinnen – etwa, dass unsere Kinder noch einen lebenswerten Planeten
vorfinden.
24 Mar 2026
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