# taz.de -- Don Karlos-Neufassung in Bonn: Prinz Karlos ohne Halt
       
       > Regisseur Felix Krakau lässt in Bonn Don Karlos durchs Licht staksen.
       > Seiner Schiller-Überschreibung scheint er selbst nicht recht zu trauen.
       
 (IMG) Bild: Auf Silhouetten statt auf psychologische Tiefe fokussiert Felix Krakaus Don Karlos-Produktion
       
       Streckenweise wirkt es wie ein Schnellsprechwettbewerb: [1][Felix Krakau]
       hat fürs Theater Bonn eine neue Fassung von „Don Karlos“ geschrieben und
       auch inszeniert, scheint aber seinem eigenen Text auch nicht so recht über
       den Weg zu trauen. Die sechs Spieler*innen spulen ihre jeweiligen
       Passagen in Höchsttempo und überraschend ausdrucksarm ab, wenn auch gut
       artikuliert.
       
       Auch, was sich im Skript wie freie Verse gelesen hatte, wirkt auf der Bühne
       nur noch wie blasseste Prosa. Da schwingt nichts, da tönt nichts, das
       rattert nur. Schade.
       
       Denn die Übertragung von Schillers dramatischem Gedicht in Krakaus eigene,
       gegenwärtige Sprache ist bei weitem das Interessanteste an dieser
       Überschreibung des kanonischen Dramas: Es ist nicht ohne Witz, wenn Marquis
       Posa den Herrscher warnt, er drohe „als x-beliebiger König in der
       Geschichte“ unterzugehen: „niemand wird sich erinnern / ob Sie Phillipp der
       2., 3. oder 4. waren“, sagt Krakaus Marquis von Posa schnoddrig, bevor er
       ihm, mit Schiller-O-Tönen, empfiehlt, Gedankenfreiheit zu geben, damit er
       „von Millionen Königen ein König“ werde.
       
       Die Karlos-Fassung muss in Bonn, aufgerüscht mit dem ins Englische
       übertragenen Schiller-Zitat „a new morning“ als Untertitel, für die
       Spielplanposition Uraufführung herhalten. Das grenzt an Hochstapelei: Die
       Bearbeitung ist dafür viel zu zögerlich.
       
       Während das Historien- und Gesellschaftsdrama [2][Tankred Dorst] vor 30
       Jahren zu wütender Entgegensetzung und Umwertung der moralischen
       Personenbewertung reizte – sein „Karlos“ war auch in Bonn ein echter
       Bühnenskandal der frühen 1990er –, ergeht sich Krakau in Respekt für die
       Vorlage.
       
       Er folgt ihrer Dramaturgie – Königssohn Karlos liebt seine Stiefmama,
       Marquis von Posa verstrickt ihn, sie und sich in heillose emanzipatorische
       Intrigen, während Alba mit der fatalen Frau Eboli den aggressiven
       Konservatismus von Philipp II. erfolgreich gegen sie in Stellung bringt.
       Auch übernimmt der Jungdramatiker sehr weitgehend die Machtanalyse des
       ausgehenden 18. Jahrhunderts am Vorabend der Revolution.
       
       Ihre psychologische Tiefe verwirft Krakau hingegen: Dass die
       Akteur*innen so hölzern wie Marionetten agieren, ist hoffentlich einer
       Regie-Entscheidung und nicht etwa schauspielerischem Unvermögen geschuldet.
       
       Dafür spricht, dass sie oft genug durch [3][Florian Schaumbergers
       lichtkünstlerisch abstrakt gestaltete Bühne] auf Schattenrisse reduziert
       werden. Dabei gelingen aparte Bilder. Sie wirken wie technologisch
       avancierte 80er-Jahre-Neon-Reminiszenzen.
       
       ## Gut lesbare Symbolik
       
       Deren Symbolgehalt ist gut zu entziffern: Die Personen bewegen sich in je
       ihren Leuchtstoffröhrenrahmen. Eine Treppe aus Licht verheißt Aufstieg im
       Höfischen oder gesellschaftlichen Absturz. Als Gegenbild zu jener Welt der
       Konventionen kitscht ein hellblauer Himmel mit Schäfchenwolken, die sich
       auf dem glattpolierten Bühnenboden spiegeln.
       
       So scheint sich Jacob Z. Eckstein als traumtänzerischer Infant durch sie
       hindurchzubewegen. Allerdings: gaksig staksig eher als schwebend
       beschwingt.
       
       Haltlos, könnte man auch sagen. Und das beschriebe die ganze Produktion: Wo
       Schiller Träume von Freiheit im Dialog, also zwischen den Personen des
       Dramas, entstehen lässt, ist dieser utopische Gehalt bei Krakau fast nur in
       chorischer Schilderung zugegen, in skeptisch-distanzierter Draufsicht.
       
       Das Pathos eines identifikatorischen Zugangs wird nicht zugelassen. Die
       Ironie aber zündet nicht mehr. Also wird die übrig gebliebene Textmasse in
       Timo Heins fade Elektrobässe gesülzt und dann eben absolviert. So schnell
       wie nur eben möglich.
       
       15 Apr 2026
       
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