# taz.de -- Kultur: Das oberste Prozent
> Woher kommt die öffentliche Sehnsucht nach Palast, Prunk und Privilegien?
> Und nach einer Parallelwelt jenseits der Demokratie? Am Stuttgarter
> Theater der Altstadt ist jetzt „Royals“ von Felix Krakau zu sehen – ein
> Abend, der auf vergnügliche Weise nach beängstigenden Antworten sucht.
(IMG) Bild: Mailin Klinger als „Die designierte Queen“. Foto: Jeanette Bak
Von Verena Großkreutz
Da hocken die Fünf in ihren königsblau schimmernden Morgenröcken vor dem
(nicht sichtbaren) Fernseher, gelangweilt-herablassend an Bierflaschen
nuckelnd – kein Fußballspiel anschauend, sondern irgendeinen Live-Bericht
über ein royales Ereignis im Buckingham Palace. Die Fünf vor dem TV sind
eine fiktive königliche Familie, bestehend aus Mutter, Tochter, Sohn und
den jeweiligen Angetrauten. Der König ist tot, als Erstgeborene wird die
Tochter bald zum neuen Staatsoberhaupt gekrönt. Als die Königswitwe ihren
Platz rechts verlässt um sich einen Tee zu holen, kippt die Spielfläche
plötzlich nach links – denn auf der Bühne steht ein länglicher, mit
Wippfunktion ausgestatteter Podest (Bühne und Kostüme: Marion Eisele).
Daraus entwickeln sich lustige Slapsticks, in denen schon das Aufsetzen
einer barocken Perücke schwer wiegt. Die Waagefunktion dient dem
spielerischen Ausloten der Kräfteverhältnisse innerhalb der Familie und
überhaupt.
Ein exzellent inszenierter Einstieg in „Royals“, das jetzt im Stuttgarter
Theater der Altstadt in der Regie seines Intendanten Christof Küster
Premiere hatte. Ein noch recht frisches Stück des deutschen Theaterautors
Felix Krakau, das 2023 am Bremer Theater uraufgeführt wurde. Es verspricht
im Titel nicht mehr, als es ist: eine Satire über ein absurdes Phänomen,
nämlich die Omnipräsenz vor allem des britischen Königshauses in den Medien
und die öffentliche Faszination an dessen Familienleben. Da wird protzender
Prunk bestaunt, da stürzt man sich auf vermeintliche Skandale, da wird
mitgefiebert in all den Liebes-und-Leid-Geschichten, da giert man auf die
öffentlichen Inszenierungen royaler Heiraten und Begräbnisse. Die
Königsfamilie als sinnentleertes Relikt aus alten Zeiten, ohne
gesellschaftspolitischen Einfluss, als Museumsstück, das der Unterhaltung
dient. Aber: Garantin für Beständigkeit innerhalb einer rasant sich
verändernden Welt. Realmärchen halt – Hauptsache, die Fallhöhe stimmt. Der
königliche Adel lässt sich ja auch gerne durchs Schlüsselloch gucken. Wie
in „Royals“ demonstriert wird.
## Falsche Anreden führen zum Trauma
Die fünf sich zur Schau stellenden Blaublütigen sind typenhaft gezeichnet:
Die zukünftige junge Königin (Mailin Klinger) hat eigentlich anderes im
Kopf, will das Amt gar nicht übernehmen. Sie wolle die Krone vergraben, und
der Mensch, der sie finde, solle König:in werden.
Ihr Gatte (Ambrogio Vinella) leidet dagegen unter seiner Belang- und
Funktionslosigkeit, klagt: Er sei nur da, damit ihm das Volk „beim
Existieren“ zuschaue. Derweil träumt sich der (zweitgeborene) Bruderprinz
(Thomas Georgi) in alte Zeiten zurück, als die Thronfolge noch männlich zu
sein hatte, und schlägt der Mutter vor, mit der Schwester als Doppelspitze
anzutreten, im Team zu arbeiten sei doch modern.
Doch nichts zu machen: Die „Grande Dame de la Famille“ (Dorothea Baltzer)
steht für die Tradition, hält auf Teufel komm raus an Protokollen,
Regelwerken, Etiketten fest, die der Prinzengattin (Hannah Jasna Hess),
einer „Bürgerlichen“ und Anwältin, wiederum völlig schnurz sind. Sie soll
den verstorbenen König einmal mit „Herr Dr. König“ angesprochen haben – was
seine Mutter „traumatisiert“ habe, so der Sohn. Jedenfalls krönt sich die
Tochter am Ende im kleinsten Kreis flugs selbst.
## Existenz des Adels bleibt Drohung
Die knappe Handlung wird postdramatisch durch gut getaktete, durch
Körperkomik befeuerte Sprechquintette verbunden. Vom Podest lässt sich
prima von oben aufs Publikum herab propagieren. In kurzen, rhythmischen
Wir-Gefühl-Sätzen wird durch hunderte Jahre Geschichte des europäischen
Adels galoppiert, wird adeliger Alltag beschrieben: von „Der Adel jagt …“
über „Skandal! Wer hat uns verraten?“ bis hin zu „Der Adel schläft unruhig
…“. Da wälzen sich die Fünf wie die Ölsardinen auf der Bühnenwippe hin und
her, albträumend von der eigenen Bedeutungslosigkeit, wehleidig ob des
Schuldballastes ihrer Abstammung: Gewalt, Herrschaft, Feudalismus,
Kolonialisierung, Ausbeutung, Unterdrückung.
Dass sie selbst aus der Zeit gefallen sind, ist ihnen durchaus bewusst –
auch wenn sie sich weiterhin als „oberstes Prozent“ fühlen und snobistisch
herabschauen auf die „normalen Reichen“ – dabei naiv übersehend, dass die
ja längst zu Welt-Macht gekommen sind.
Küster hat den Text flott und sehr vergnüglich in Szene gesetzt. Das
Ensemble spielt und spricht gut getimt, Komik auf den Punkt gebracht.
Trefflich die Rollenbesetzung der designierten Queen mit Mailin Klinger:
mit üppiger Lockenmähne, in ausladendem, güldenem Faltenreifrock, mit
glamourös-opulenter Bühnenpräsenz. Toll! Sie kann auch formidabel singen,
kommentiert ein Pferderennen, mit dem royal gesetzten Ross „Gloria“ am
Start, mit dem gleichnamigen Italo-Schlager. Veredelt Diskussionen über
ihre bevorstehenden Krönung mit dem Lorde-Hit „Royals“.
Wohl weil der Adel in Deutschland seit der Weimarer Republik keine
Standesvorrechte mehr und im Vergleich zu den verbliebenen
(parlamentarischen) Monarchien keine besondere Öffentlichkeit hat – sieht
man einmal ab von der rechten Alten von Thurn und Taxis und
rechtsterroristisch verwirrten Prinzen –, lässt Küster in zwei Videos das
deutsche Baron:innenpaar Iris und Gerrick von Hyningen-Heune zu Wort kommen
(Ausschnitte aus dem preisgekrönten Dokufilm „Standesgemäß“ von 2008 von
Julia von Heinz). Die reden sich um Kopf und Kragen in ihrer völligen
Gesellschaftsferne und Weltentfremdung. Adel sei exklusiv, man könne ihn
nicht erwerben, weswegen der Kreis Adeliger begrenzt sei und sich letztlich
nicht erweitern ließe. Weswegen Frau Baronin regelmäßig „Adel auf dem
Radel“-Touren veranstalte für adelige Kinder zwischen 10 und 15 Jahren –
eine Art mobiler Heiratsmarkt. Auch parlieren sie über das adelige
„Mannesrecht“. Eine adelige Frau, die einen bürgerlichen Mann heirate,
werde adelsrechtlich nicht mehr anerkannt, nicht mehr zu adeligen
Veranstaltungen eingeladen, ja aus der Familie ausgeschlossen. Umgekehrt
natürlich nicht. An diesem „Mannesstammprinzip“ komme man mit keinem
menschlichen Argument vorbei, so die Gattin.
Warum unter sich bleiben, wenn der Untergang eigentlich programmiert ist?
Denkt der Adel, er käme irgendwann mal wieder an die Macht? „Die Menschen
brauchen etwas Großes“, heißt es einmal im Stück. Aber bloß auf die einst
so bedeutungsvolle Vergangenheit zu verweisen, reicht auf Dauer wohl nicht
aus, um das Erb- statt Leistungsprinzip zu rechtfertigen. (Die Weimarer
Verfassung hat den Adel ja schließlich nicht enteignet.) Steckt in dem
öffentlichen Interesse fürs Royale der heimliche Wunsch nach Rückkehr
„echter“ Monarch:innen? Der Chorsprech mündet am Ende pointiert in den Satz
„Der Adel ist noch da.“ Eine Drohung? Ja, schon, irgendwie. In diesem Sinne
ist „Royals“ nicht bloß eine Adeligen-Schenkelklopfer-Komödie, sondern
durchaus politisch.
„Royals“ im Theater der Altstadt, Rotebühlstraße 89, Stuttgart-West, direkt
am S-Bahn-Halt Feuersee.
18 Oct 2025
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