# taz.de -- Buch über antifaschistische Architektur: Mehr als Agitprop-Prosa aus dem Schwarzen Block
       
       > Was ist antifaschistisches Bauen? Die US-Architekturforscher Daniel Jonas
       > Roche und Andrew Santa Lucia haben dazu ein spannendes Buch
       > veröffentlicht.
       
 (IMG) Bild: Antifa-Brutalismus: Die Casa del Portuale für Hafenarbeiter in Neapel wurde von Aldo Loris Rossi in den 1960ern entworfen
       
       Ein gigantisches Hakenkreuz, das von Arbeitern mit Schaufeln und
       Motorfräsen gewaltsam zerstört wird. Das plakative Wandrelief, das der
       damals 31 Jahre alte Bildhauer und Designer Isamu Noguchi 1935 im Abelago
       Rodriguez Markt in Mexiko-Stadt schuf, entspricht dem populären Bild der
       klassischen Antifa: die Proletarier, die sich entschlossen den finsteren
       Mächten von Kapitalismus und Faschismus entgegenstellen.
       
       Werk und Leben Noguchis, eines Schülers Constantin Brâncușis, der 1952 in
       Hiroshima auch das „Memorial to the Atomic Dead“ schuf, ist eines von
       zwanzig Beispielen, die Andrew Santa Lucia, Design- und
       Architektur-Professor an der School of Architecture der Portland State
       University in Oregon, und Daniel Jonas Roche, Redakteur des führenden
       US-Fachblattes The Architect’s Newspaper und Dozent der New School in New
       York, in einem so ungewöhnlichen wie spannenden Band zusammengestellt
       haben.
       
       Das Autoren-Duo beschreibt darin ein Feld, von dem viele nicht einmal
       wissen dürften, dass es überhaupt existiert: „Antifaschistische
       Architektur“. Dass sie darunter die Architektin [1][Margarete
       Schütte-Lihotzky], die berühmte Erfinderin der „Frankfurter Küche“, aber
       auch den antikolonialen Widerstandskämpfer Abderrahmane Bouchama, den
       „Vater der algerischen Architektur“, oder Lin Huyin, die erste Architektin
       des modernen China nach Mao Zedongs Kulturrevolution, subsumieren, verdankt
       sich ihrer weiten Definition von Antifa.
       
       Den Terminus verstehen sie als „umbrella“-Begriff für die „militante Linke“
       vom Sozialismus über den Anarcho-Syndikalismus bis zum Trade-Unionismus.
       Deswegen sind in ihrer Beispiel-Liste auch so unterschiedliche Bauten wie
       der 1930 eröffnete Karl-Marx-Hof, eine Gemeindebau-Ikone [2][des „Roten
       Wien“], enthalten. Sie zählen aber auch die Oakland Community School dazu,
       die die Black Panther Party 1973 in Kalifornien eröffnete, oder Aldo Loris
       Rossis brutalistische Casa del Portuale für die Dockarbeiter im Hafen von
       Neapel.
       
       ## Die Schwäche der US-Architekten für Albert Speer
       
       Das Buch ist ein antifaschistischer Weckruf, der zur rechten Zeit kommt.
       Sein Impuls erwächst aus der Kritik der Autoren an dem zeitweiligen
       Liebäugeln der zeitgenössischen Architektur mit den formalen Qualitäten der
       NS-Architektur: Die Schwäche der US-Architekten Peter Eisenman und Philip
       Johnson für [3][Albert Speers Neue Reichskanzlei] und die 1932 bis 1936
       erbaute „Casa del Fascio“ des italienischen Architekten Giuseppe Terragni.
       Über ihre starke These, dass sich das Echo [4][dieser (später bereuten)
       Bewunderung faschistischer Ästhetik] noch in der Markenarchitektur à la Rem
       Koolhaas finden lässt, wird zu streiten sein.
       
       Auch wenn Formeln der Autoren wie „communist maximalism“ so klingen, ihr
       elektrisierender Essay ist alles andere als Agitprop-Prosa aus dem
       Schwarzen Block. Souverän amalgamieren die Wissenschaftler
       Architekturgeschichte und -theorie, Philosophie und Politische Ökonomie zu
       einer Art Standardwerk antifaschistischer Ästhetik. Eine akademische
       Pionierleistung, Pflichtlektüre nicht nur für kritische Urbanist:innen
       jedweder Provenienz, die ganz neue Dimensionen eröffnet.
       
       Was das ausgezeichnet belegte, mit Lane Ricks roten Kreidezeichnungen reich
       illustrierte und im [5][Sinne der Laibach’schen Überaffirmation]
       faschistischer Ikonologie in Frakturschrift übertitelte Werk so nützlich
       macht, ist, dass es nicht bei einem defensiven Kampfbegriff stehenbleibt,
       sondern ein theoretisches Konzept ihres Feldes umreißt.
       
       ## Architektur als umfassende soziale Gestaltung
       
       In dessen Zentrum steht die Abkehr von der objektbezogenen Architektur. Die
       Autoren verstehen Architektur, ganz im Sinne von Beuys, als umfassende
       soziale Gestaltung. Lucia und Roches Desiderate eines an „care“,
       „community“, „survival“ oder „reuse“ orientierten Bauens schließen dabei
       nahtlos an aktuelle Debatten an. Ob diese neue Art Architektur, die den
       Autoren vorschwebt, gegen den (Neo-)Faschismus heutiger Tage reicht, wäre
       mehr als einen zaghaften Versuch wert.
       
       Andernfalls müsste die antifaschistische Linke auf die Entwürfe Alphonse
       Laurencics zurückgreifen. Der französische Maler und Architekt, der als
       Freiwilliger zu den Republikanern im Spanischen Bürgerkrieg gestoßen war,
       wurde im Juli 1939 von Francos Schergen exekutiert. Sein Verbrechen: Er
       hatte Gefängniszellen für Faschist:innen entworfen, deren Architektur
       auf den surrealistischen Bildern Salvador Dalís und [6][des
       Bauhaus-Künstlers Wassily Kandinsky] basierte.
       
       20 Mar 2026
       
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