# taz.de -- NS-Gedenken in Osnabrück: Aus der Mottenkiste hervorgeholt
       
       > Um den richtigen Namen für den Lernort in der ehemaligen
       > NSDAP-Parteizentrale in Osnabrück gab es jahrelang Streit. Fängt jetzt
       > alles von vorne an?
       
 (IMG) Bild: Umstrittener Lokalheld in Osnabrück: Der NS-Täter, der viele Jüdinnen und Juden vor der Deportation bewahrte Hans Georg Calmeyer
       
       Es war ein kollektives Aufatmen 2024 in Osnabrück: Endlich! Vorbei! Schluss
       mit den Grabenkämpfen, Empörungsgesten und Moralkeulen, dem Gegnerbashing
       und Selbstlob.
       
       Jahrelang hatte er gewütet, der lähmende, unwürdige Streit um die
       [1][Neuausrichtung der Villa Schlikker des Museumsquartiers Osnabrück (MQ4)
       zum historisch-gesellschaftskritischen Lernort].
       
       Die 1900 errichtete Villa war in der NS-Zeit Sitz der örtlichen
       NSDAP-Parteizentrale und trug den Namen „Adolf-Hitler-Haus“. Wie die Stadt
       an diese Vergangenheit erinnern wollte – und unter welchem Namen,
       [2][darüber gab es jahrelang Streit].
       
       Dass Geschichtsdidaktiker Alfons Kenkmann, Leiter des Wissenschaftlichen
       Beirats, damals nicht das Handtuch geworfen hat, aus Frust über
       verblendetes Eiferertum, unkritische Perspektivarmut und persönliche Häme,
       grenzt an ein Wunder. Andere BeiträtlerInnen haben es getan. Wäre die
       marode Villa damals einfach zu Staub zerfallen, im Erdboden versunken:
       Nicht wenige wären, ausgelaugt durch die hochtoxische Provinzposse,
       erleichtert gewesen.
       
       ## Der umstrittene Osnabrücker Hans Georg Calmeyer
       
       Doch dann, endlich: 2024. Neueröffnung.
       
       Es gibt zwar weiterhin Kritik. Da ist dieser überkünstelte Unterstrich im
       neuen Namen „Die Villa_Forum für Erinnerungskultur und Zeitgeschichte“.
       Aber die neue Dauerausstellung „Demokratie zählt!“ unterstützt, als Aufruf
       zur Zivilcourage gegen Intoleranz und Diktatur, interaktiv und jugendaffin
       den Mahnmalcharakter des Hauses, das als Sitz der NSDAP ein Täterort war.
       Lernen, lehrt sie, funktioniert auch spielerisch.
       
       Also: Haken dran. Blick nach vorn. Oder?
       
       Falsch: Letzten Montag fing im Osnabrücker Remarque-Friedenszentrum alles
       wieder von vorne an. Durch einen Diskussionsabend über [3][den Osnabrücker
       Juristen Hans Georg Calmeyer]. Hauptakteur war Joachim Castan, Vorsitzender
       der örtlichen Calmeyer-Initiative und Urheber der Erosion in Kenkmanns
       Beirat.
       
       Ein Rücksturz in die traumatische Zeit vor 2024. Längst Geklärtes stand
       plötzlich erneut im Raum: Warum ist die Villa nicht nach Calmeyer benannt?
       Warum ist Calmeyer nicht Kern ihrer neuen Ausstellung? Aktivisten wie
       Castan kämpfen dafür.
       
       Calmeyer! In Osnabrück hat dieser Name etwas von einer Heimsuchung. Wo
       immer er auftaucht, kochen Kontroversen hoch.
       
       Sicher, durch Calmeyer, von 1941 bis 1945 in den Niederlanden als
       NS-Besatzungsbeamter dafür zuständig, Zweifelsfälle jüdischer Abstammung zu
       klären, wurden Juden durch Umdeklarierung vor der Deportation ins KZ
       bewahrt. Aber andere gingen dabei in den Tod. Calmeyers Tun ist also
       ambivalent: Regimesaboteur und Mittäter der Schoah.
       
       Trotzdem zeigte sich bei der Diskussion am Montag fast andächtige
       Verehrung. Da fehlte nur noch der Heiligenschein.
       
       ## Unter den Calmeyer-Verfechtern ist auch die CDU
       
       Castan pushte diese Stimmung. Im Publikum, rund drei Dutzend Menschen und
       eher älter, kamen aber nicht nur Gefühligkeiten hoch, sondern auch
       Vorwürfe, Verdächtigungen und Herabsetzungen. Es wurde beschimpft,
       beschworen, verlacht. Man entrüstete sich, schulmeisterte. Es ging gegen
       das MQ4, gegen den Namen der Villa und ihr pädagogisches Konzept, gegen die
       städtische Kulturverwaltung, unliebsame BuchautorInnen, die Presse. Es sind
       altbekannte Argumente. Aber sie klangen wie die Mobilmachung für einen
       neuen Feldzug.
       
       Ach ja: In ein paar Monaten bekommt Osnabrück eine neue Kulturdezernentin.
       Nicht lange, und sie dürfte Besuch von Fritz Brickwedde bekommen,
       Ex-Vorsitzender der CDU-Ratsfraktion in Osnabrück und seit jeher
       Calmeyer-Verfechter. Man werde sehen, wie weit man komme, raunt Brickwedde,
       kurz vor Ende des Abends.
       
       18 Mar 2026
       
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       ## AUTOREN
       
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