# taz.de -- Disgusting Food Museum: E-kel-haft!
       
       > Im Disgusting Food Museum in Berlin kann man Essen sehen, schmecken und
       > riechen, das manch einen zum Würgen bringt. Ein Ortsbesuch.
       
 (IMG) Bild: Das Auge isst mit – oder wird gegessen, wie bei diesem Exponat des Disgusting Food Museums
       
       Es soll Leute geben, die im Restaurant Garnelen bestellen, sich aber vor
       der Spinne an der Zimmerdecke ekeln. Beide Tiere gehören zum Stamm der
       Gliederfüßer mit viel zu vielen Beinchen. Trotzdem machen wir zwischen
       ihnen einen Unterschied. Wir ziehen eine Grenze des guten Geschmacks, auf
       der einen Seite der Genuss, auf der anderen Seite das Naserümpfen.
       
       Wie schwammig diese Grenze ist, zeigt das [1][Disgusting Food Museum in
       Berlin-Mitte]. Gleich am Eingang der Zweigstelle des ursprünglich aus Malmö
       stammenden Ekelmuseums dürfen mutige BesucherInnen kulinarische
       Eigenwilligkeiten probieren. Die [2][müffelnde Durian], die nicht ohne
       Grund auch Stink- oder Kotzfrucht genannt wird, schmeckt nach einem Mix aus
       Vanille, Nuss und Zwiebeln. Die frittierten Buffalowürmer am Spieß kommen
       ein bisschen wie gesunde Erdnussflips daher. Und der von Milben bevölkerte
       Käse aus Würchwitz in Sachsen-Anhalt schmeckt fruchtig-zitronig.
       
       Einmal im Monat wird sogar eine Dose Surströmming geöffnet, bestialisch
       stinkender, fermentierter Fisch aus Schweden. An den anderen Tagen riecht
       es im Museum nach nicht viel. Der große helle Raum mit seinen polierten
       Edelstahltischen wirkt so steril, wie man sich eine Großküche wünschen
       würde. Auf den Tischen stehen Teller mit kulinarischen Spezialitäten aus
       aller Welt: Tarantelsuppe, Bullenpenis und frittierte Fledermaus hier,
       Blutwurst, Hackfleisch und Haggis – Schafsmagen – dort. Manche Exponate
       sind plastiniert, andere täglich frisch. Einige kommen mit Pröbchen daher,
       an denen man vorsichtig schnuppern kann.
       
       Mutige BesucherInnen stellen sich dem Ekelreflex. Sie verziehen das
       Gesicht, stöhnen und husten, nehmen Reißaus. „Für den Notfall geben wir
       statt der Eintrittskarte eine Spucktüte aus, aber wirklich gebraucht hat
       die noch niemand“, sagt Alexandra Bernsteiner. Sie ist vor vier Jahren von
       Wien nach Berlin gezogen, als das Museum eröffnete, und übernahm die Stelle
       als Direktorin. Einen besonderen Bezug zum Ekel hatte sie keinen,
       sonderlich empfindlich war sie auch nicht. „Ich komme aus Österreich, wir
       essen alles“, sagt Bernsteiner schmunzelnd.
       
       ## Ekel als Störung
       
       Abstoßend findet sie eher die moralische Flexibilität, die Menschen bei der
       Herstellung und Zubereitung einiger Gerichte an den Tag legen. Sie erinnert
       daran, was man Gänsen antun muss, um [3][Foie Gras, Stopfleber], zu
       erhalten, und berichtet von Virgin Boy Eggs, die im Urin von Kindern
       gekocht werden und in China als immaterielles Kulturerbe gelten. „Es ist
       erschreckend, was sich Menschen alles ausdenken. Inzwischen wundert mich
       gar nichts mehr.“
       
       Durch ihre Aufgabe sei Bernsteiner aber immer neugieriger geworden. „Wir
       wissen relativ wenig darüber, wie Ekel genau funktioniert und wie er
       individuell ausgelöst wird“, sagt sie. „Dabei gehört das Gefühl zu unseren
       Basisemotionen“ – neben Freude, Angst, Trauer, Wut.
       
       Grundsätzlich ist Ekel dafür da, nicht zu sterben. Er hält uns von
       Krankheitsherden und giftigen Nahrungsmitteln fern. „Was in unseren Körper
       gelangen soll, muss ungefährlich sein“, erklärt der Psychologe Dr. Jakob
       Fink-Lamotte. Der Spezialist für Zwangsstörungen und Juniorprofessor für
       Klinische Psychologie an der Universität Potsdam weiß aber auch, dass
       [4][Ekel zu viel Raum einnehmen kann]. Einige seiner PatientInnen leiden
       unter einem zu starken Gefühl von Ekel vor Mitmenschen, vor Dingen, vor
       sich selbst.
       
       Der Ekel, den wir erleben, sobald wir Schimmel sehen oder Fäulnis riechen,
       ist hingegen evolutionär sinnvoll. „Wir verziehen das Gesicht und gehen auf
       Abstand. Wir kneifen die Augen zusammen, damit nichts in sie hineinkommt.“
       So entstehen etwa beim Naserümpfen Falten, in denen davonrinnen kann, was
       nicht in den Mund oder die Nase gelangen soll.
       
       ## Ekel als Alarmsignal
       
       Ob wir Eingeweide sehen, Verwesung riechen, jemanden kotzen hören,
       versehentlich etwas Schleimiges anfassen: Alle unsere Sinne sind auf Ekel
       trainiert, sagt Fink-Lamotte. Die darauf folgende Körperreaktion ist nicht
       gelernt, sie ist angeboren. Neugeborene empfinden Ekel genauso, wie sie
       zwischen süß, sauer und salzig unterscheiden können. Sie verschmähen
       zunächst Essen, das grün ist oder bitter schmeckt – Indizien dafür, dass
       eine Frucht noch nicht reif oder ungenießbar ist.
       
       Erst nach und nach lernen wir, diesen Alarmsignalen Ausnahmefälle
       hinzuzufügen. Vor Bohnen, Brokkoli und Spinat müssen wir nicht flüchten.
       Auch lernen wir, in einer Welt voller Keime jene zu dulden, die uns
       vielleicht nicht ganz so krank machen. Der eigene Dreck ist nicht so
       schlimm wie der von anderen, erklärt Fink-Lamotte: „Was uns ähnlich und
       vertraut ist, macht eine geringere Gefahr aus. Für die meisten ist es darum
       unproblematisch, in der Familie vom gleichen Teller zu essen oder aus dem
       gleichen Glas zu trinken.“ Es soll Verliebte geben, die sich sogar die
       Zahnbürste teilen. Es ist halt Geschmackssache.
       
       ## Ekel als universelles Gefühl
       
       Denn obwohl Ekel eigentlich eine unverhandelbare Schutzfunktion ist, hat
       sich im Empfinden diplomatischer Spielraum breitgemacht. Und der variiert
       weltweit. Gelten die im Museum zur Schau gestellten Kuriositäten wie
       Schafsaugen in Tomatensaft, schleimige Jahrhunderteier und Maden im Käse
       hierzulande den meisten als eklig, hört das beim Anblick von Innereien oder
       Kaviar auch schon wieder auf – oder bei Lebensmitteln, die so künstlich
       erzeugt sind, dass sie durch ihre Konservierungsstoffe vermutlich das Ende
       der Welt überstehen würden.
       
       So verschieden die Geschmäcker auch sein mögen, der Ekel vor den Vorlieben
       der anderen wiederum scheint universell. Hierzulande lehnen die meisten
       Leute frittierte Spinnen und Insekten ab, anderswo würde niemand vergorenes
       Eutersekret von Wiederkäuern – auch als Joghurt, Kefir oder Buttermilch
       bekannt – anrühren oder sich zermüllerte Schlachtabfälle namens Wurst aufs
       Brot schmieren. Die Grenzen sind fließend und willkürlich, wie zwischen
       Datteln mit Speck und wurmstichigem Steinobst.
       
       „Wir mögen, womit wir aufwachsen“, sagt Alexandra Bernsteiner. „Das ist mal
       abhängig vom Land, mal von der Zeit.“ Mal sind Hummer und Froschschenkel
       für arme Leute, mal für Gourmets. Erst gilt roher Fisch als ungenießbar,
       dann erlebt er als Sushi einen ungebremsten Hype. Japans Run auf Mettigel
       ist da bestimmt auch nur eine Frage der Zeit.
       
       19 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://disgustingfoodmuseum.berlin/
 (DIR) [2] /Hype-um-Durian-Frucht-in-China/!5949648
 (DIR) [3] /Schweizer-stimmen-ueber-Importverbote-ab/!5981848
 (DIR) [4] /Woher-kommt-das-Ekelgefuehl/!6023776
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Philipp Brandstädter
       
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