# taz.de -- Wahlkampf in Friedrichshain-Kreuzberg: „Wir wollten ein Berliner Seine-Ufer schaffen – wie in Paris“
> Die grüne Bezirksbürgermeisterin Clara Herrmann will sich nicht noch mal
> zur Wahl stellen. Dem Berliner Senat wirft sie ein fossiles Rollback vor.
(IMG) Bild: Clara Herrmann war 2021 der langjährigen, ebenfalls grünen (aber nicht mit ihr verwandten) Monika Herrmann im Amt gefolgt
taz: Frau Herrmann, Sie haben Anfang März – zur Überraschung auch von
Parteifreund:innen – zu den Bezirksbürgermeister:innenwahlen
für Friedrichshain-Kreuzberg im September Ihren Rückzug angekündigt. Was
hat Sie zu diesem Schritt bewogen?
Clara Herrmann: [1][So etwas ist natürlich nie leicht]. Meine Entscheidung
beruht auf einem längeren Prozess. [2][Ich habe jetzt zehn Jahre im
Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg gearbeitet]. Das war eine gute Zeit.
Aber jetzt bin ich Anfang 40, das ist ein Punkt in meinem Leben, an dem es
Zeit ist, sich einer neuen Herausforderung zu stellen. Es stehen aber noch
einige Sachen an. Bis zum Schluss werde ich für die 290.000 Menschen in
Friedrichshain-Kreuzberg mit vollem Engagement und Leidenschaft im Einsatz
sein.
taz: Sie haben 2021 das Amt von [3][Monika Herrmann] übernommen, davor
waren Sie seit 2016 Bezirksstadträtin. Ihr großes Thema war immer die
Umwelt- und Klimapolitik. Wie lautet Ihr Resümee aus zehn Jahren
Bezirkspolitik?
Herrmann: Wir sind als Bezirk in dieser Zeit tatsächlich zu einem
Klimabezirk geworden. Wenn in Berlin irgendwo Zukunftsvisionen gestaltet
werden, wie es etwa in Paris geschieht, dann ist das in
Friedrichshain-Kreuzberg. Aber wir hätten gerne noch viel mehr gemacht. Wir
hatten etwa beim Bund Fördermittel für einen Umbau des Halleschen Ufers
eingeworben, wo wir quasi ein Berliner Seine-Ufer schaffen wollten, eine
grüne Rad- und Fußpromenade auf der einen Seite, die Autos auf der anderen.
Dafür standen Bundesmittel bereit – aber als die CDU den Senat übernommen
hat, ist das Projekt mit als Erstes gestoppt worden.
taz: Wie kann denn der Senat über Bundesmittel entscheiden?
Herrmann: Senatorin Ute Bonde hat in der letzten Kürzungsrunde den Bezirken
die Mittel aus dem Berliner Energie- und Klimaschutzprogramm gestrichen. An
diesen Geldern hing aber der nötige Eigenanteil für Fördergelder, die von
der Bundesebene kommen sollten. Ganz viele Projekte, für die es auch
Zusagen für europäische Fördergelder gegeben hat, sind daran gescheitert.
taz: Zum Beispiel?
Herrmann: Viele, ganz konkrete Sachen. Da geht es zum Beispiel um ein
Projekt, in bezirklichen Gebäuden wie Schulen oder Nachbarschaftszentren
die Lampen mit LEDs auszutauschen, das ist uns um ein Drittel gekürzt
worden, um fast eine halbe Million Euro. Da geht es um Schulhöfe, die wir
entsiegeln wollten, um aus Betonwüsten grüne Oasen zu machen. Oder um
Schwammstadtprojekte zum verbesserten Regenwassermanagement. Dass wir hier
so ausgebremst wurden, ist bitter, weil es uns massiv Zeit kostet. Dabei
müssen wir jetzt gegen die Klimakrise handeln.
taz: Ist es nicht etwas einfach, alle Verantwortung auf die Landesebene zu
schieben?
Herrmann: Wir setzen trotzdem sehr viel um. Friedrichshain-Kreuzberg ist
Vorreiter beim Klimaschutz, bei der Verkehrsberuhigung. Wir sind als Bezirk
den Weg gegangen, nicht nur die großen, langen, teuren Sanierungsmaßnahmen
unserer Gebäude anzugehen, sondern mit wenig Ressourcen effizient CO₂
einzusparen. Durch intelligente Heizkreisregulierung haben wir etwa die
CO₂-Emissionen der bezirklichen Gebäude um fast 70 Prozent gesenkt und
vorzeitig ein wichtiges Klimaziel erreicht. Das ist der Weg, den wir
weitergehen sollten. Weil der Senat hier bremst, tun wir uns zunehmend mit
neuen Partner:innen wie den Wohnungsbauunternehmen zusammen, um Projekte
umzusetzen. Zur Not halt auch am Senat vorbei.
taz: Sie haben im Amt sowohl Rot-Rot-Grün ab 2016 als auch Schwarz-Rot ab
2023 erlebt. Wie haben Sie den Machtwechsel als Bezirkspolitikerin
wahrgenommen?
Herrmann: Es ist schnell klar geworden, dass der Klimaschutz nicht mehr auf
der Agenda steht. Der Backlash, den wir auf Bundesebene mit der
Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) sehen, zeichnet sich auch auf
Landesebene ab: Der schwarz-rote Senat hat sich als Klimasenat betitelt,
aber uns als Bezirk an allen Ecken blockiert. Und dann gibt es die
ideologische Haltungsfrage, wenn es um die Verteilung des öffentlichen
Raumes geht. Nichts darf das Auto treffen. Das zeigt sich nicht nur bei der
Entsiegelung, sondern natürlich auch bei dem Wahnsinnsplan, eine Autobahn
durch Friedrichshain zu ziehen, den am dichtesten besiedelten Teil unserer
Stadt.
taz: Mit dem Klimaanpassungsgesetz kommen über 200.000 neue Straßenbäume,
mit dem Klimapaket sollen Rekordinvestitionen auf den Weg gebracht werden.
Tut der Senat nicht doch überraschend viel fürs Klima?
Herrmann: Vieles davon halte ich für eine Mogelpackung. Das
Klimaanpassungsgesetz stammt ja letztlich aus der Zivilgesellschaft, die
den Senat getrieben hat, etwas zu tun. Und bei den Investitionen ist eine
Menge, was ohnehin gemacht werden musste, als Klimaprojekt verkauft worden.
Als Bezirkspolitikerin kann ich nur sagen: Wer Gelder vom Bund und aus
Brüssel verfallen lässt, der zeigt, dass ihm Klimaschutz nicht wichtig ist.
taz: Ein weiteres Kernthema Ihrer Amtszeit ist die [4][Gentrifizierung in
Friedrichshain-Kreuzberg]. Wie erleben Sie die Entwicklung des Stadtteils?
Herrmann: Die rasante Entwicklung der Mieten im Bezirk ist eine Zäsur. Wir
erleben, dass die Schere im Bezirk zwischen Menschen, die sehr viel und die
nicht so viel Geld haben, immer weiter auseinandergeht. Das sehen wir
überall. Aber wir bleiben ein Bezirk, wo Vielfalt großgeschrieben wird, wo
keine:r fragt, wo man herkommt, wo es enorm viel Kultur und Freiräume
gibt. Wir sind weiterhin ein Sehnsuchtsort. Das hat sich etwa gezeigt, als
Ende 2025 Neonazis versucht haben, durch den Kiez zu marschieren: Das hat
ein großer, bunter, vielfältiger Widerstand verhindert.
taz: Und nichtsdestotrotz haben auch Sie das Problem der Verdrängung und
Gentrifizierung nicht in den Griff bekommen können, oder?
Herrmann: Unter Rot-Rot-Grün haben wir etwa mit dem Mietendeckel gesehen,
dass es sinnvolle Instrumente geben kann, wenn der politische Wille da ist.
Was wir brauchen, ist eine Stärkung der Kommunen, um der Entwicklung
entgegenzuwirken. Die Mieten sind ja die entscheidende soziale Frage
unserer Zeit. Dafür muss aber leider erst der rechtliche Rahmen geschaffen
werden. Wir haben das mit dem Vorkaufsrecht gesehen …
taz: … dass es Bezirken erlaubt hatte, bei Häuserverkäufen in
Milieuschutzgebieten die Käufer zur sozialverträglichen Vermietung zu
verpflichten oder das Haus in gemeinwohlorientierte Hände zu bringen, eine
Regelung, die aber 2022 vom Bundesverwaltungsgericht weitgehend gekippt
wurde …
Herrmann: Genau. Das Vorkaufsrecht hat gezeigt, dass Verdrängung kein
Naturgesetz ist, wenn es den politischen Willen und einen rechtlichen
Rahmen gibt. Auch das Gewerbe ist komplett ungeschützt, dabei sind es ja
gerade die kleinen Buchläden und Nachbarschaftscafés, die die Kieze
ausmachen. Wir hätten gerne am Gleisdreieck dagegengehalten, wo der Senat
neue Hochhäuser für Hotels und „Wohnen auf Zeit“ plant, aber dann wurde uns
auch hier die Kompetenz entzogen. Ähnlich wie beim Görli oder an der
Warschauer Brücke, wo die SPD-geführte Senatsverwaltung quasi einen zweiten
Amazon Tower hinklatschen will. Wir werden auch hier vom Senat immer wieder
ausgebremst.
taz: Spielen diese Erfahrungen eine Rolle für Ihren Rückzug?
Herrmann: Natürlich ärgert es einen persönlich, wenn immer Bremsen
reingehauen werden. Da stecken ja viele Leute sehr viel Arbeit rein. Aber
das war für mich nicht der ausschlaggebende Punkt. Die gelebte
Auseinandersetzung mit dem Senat, der unterschiedliche Ansichten und
Inhalte hat, ist völlig normal. Ich mache bis zur Wahl meine Arbeit, um zu
zeigen, was man alles mit progressiven und grün-linken Mehrheiten umsetzen
kann.
taz: Als Ihr Nachfolger wurde nun am Samstag Thomas Weigelt genannt, der
aktuell als Richter arbeitet.
Herrmann: Thomas war davor schon viele Jahre Experte in der BVV in Sachen
Miet- und Stadtentwicklung. Er genießt mein volles Vertrauen. In den
kommenden Jahren wird von entscheidender Wichtigkeit sein, dass wir den
sozialen Zusammenhalt stärken. Hier werden vor Ort die Weichen gestellt.
Deshalb ist es so wichtig, und das sage ich als Finanzerin, die Basis für
dieses Zusammenleben sicherzustellen, die Bibliotheken, die Jugendzentren,
die Notunterkünfte, saubere Parks. Hier werden wir weiter die richtigen
Schwerpunkte setzen.
taz: Der Bezirk ist seit 2006 fest in der Hand der Grünen. Doch bei der
Bundestagswahl ging das Direktmandat mit Pascal Meisner an die Linken, die
nun mit René Pérez Domínguez auch auf Bezirksebene einen Machtwechsel
anstreben wollen. Worin liegt es, dass die Linken im Bezirk Land gewinnen
können?
Herrmann: Bis September ist noch eine ganze Weile Zeit. Diesmal geht es
außerdem um unseren Bezirk und nicht um den Bund. Wer radikalen
Mieter:innenschutz und ambitionierte Klimapolitik, grüne Oasen statt
Betonwüste, ein Herz für die Kultur und vielfältige Kieze, sichere
Schulwege und mehr Radwege will – ist bei uns richtig. Wir haben die
Konzepte und wir liefern.
taz: Was haben Sie noch vor, bis September?
Herrmann: Konkret steht die energetische Sanierung vom Bethanien an, damit
wir diesen vielfältigen Kulturort klimagerecht gestalten. Und dann geht es
natürlich um die Entwicklung des RAW-Geländes, damit dieses soziokulturelle
Herz aus Clubs und Künstler:innen erhalten bleibt. Im Klimabereich kann
man sich noch auf die ein oder andere Maßnahme freuen. Wir werden ein neues
Stadtteilzentrum eröffnen und nächstes Jahr wird es die erste Gartenstraße
der Stadt bei uns im Bezirk geben.
taz: Und was wird Sie in der Zukunft erwarten?
Herrmann: Ich weiß nur so viel: Ich bin und bleibe ein politischer Mensch
und werde immer den Anspruch haben, die Dinge zum Besseren zu verändern.
23 Mar 2026
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