# taz.de -- Die Skrupellosigkeit der Reichen: Macht macht charakterlos
> Eine amerikanische Krankenhausserie spielt in einer schlechten Welt, also
> heute. Aber sie führt dieser Welt vor, wie man darin menschlich sein
> kann.
(IMG) Bild: Dr. Robby bitte in den Shock Room: Szene aus der Serie „The Pitt“, in der es auch um die Frage geht, wie wir eigentlich leben wollen
Eigentlich mag ich keine Krankenhausserien. Und trotzdem schaue ich
[1][„The Pitt“.] Ich sehe abgetrennte Füße, Operationen am offenen Herzen,
die Verletzlichkeit der Körper, die Fragilität der Seelen. Man könnte
meinen, dass es dieser Aspekt ist, der im Zeitalter der Maschinen besonders
wichtig wird: der Mensch in seiner Verwundbarkeit und die Gemeinschaft, die
ihm hilft. Aber ich glaube, es ist etwas anderes, das mich an „The Pitt“
fasziniert. Es ist dieser Moment, dieser geschichtliche Moment. Wir erleben
auf drastische Weise, wie verantwortungslos diejenigen agieren, die so viel
Macht besitzen, dass ihre Charakterschwächen dramatische Folgen für
Millionen oder Milliarden von Menschen haben können. US-Präsident Donald
Trump, der gerade durch einen egomanischen Krieg die Energiepreise weltweit
explodieren lässt, ist nur das drastischste Beispiel.
„The Pitt“ nun zeigt das Gegenteil. Ein Freund, Amerikaner, brachte es für
mich auf den Punkt: „The Pitt“ sei „competency porn“, sagte er, die Erotik
also, wenn man Porno so übersetzen will, die Erotik oder die Schönheit oder
Befriedigung, Menschen dabei zuzuschauen, wie sie ihre Arbeit mit
Kompetenz, Können, Hingabe, Verantwortungsbewusstsein erledigen. Oder ganz
konkret: zu sehen, wie etwas funktioniert. In einer Welt, in der aus den
verschiedensten Gründen immer weniger zu funktionieren scheint. „The Pitt“,
auf HBO Max zu sehen und in den USA als beste Serie ausgezeichnet, erzählt
in 15 Folgen von 15 Stunden eines Tages in einem Krankenhaus in Pittsburgh.
Die zentrale Figur ist ein Doktor, Michael „Robby“ Robinavitch, um ihn
herum entfaltet sich einerseits ein Ballett der Grausamkeiten, weil es
immer schlimm ist, Menschen leiden zu sehen. Andererseits addieren sich all
die Verletzungen und Schicksale zu mehr als einem Balzac’schen
Gesellschaftsporträt, das die verschiedenen sozialen Schichtungen greifbar
macht.
Es geht – für mich jedenfalls – um das System, das hier deutlich wird, eine
Form von Organismus, der deshalb funktioniert, weil jedes einzelne Teil
weiß, was zu tun ist: der Schnitt ins Fleisch, die Dosierung der
Medikamente, diese schnelle Entscheidung um Leben oder Tod. Die Namen der
Medikamente, die mit einer Schnelligkeit und Selbstverständlichkeit hin und
her geworfen werden, und die die Worte und letztlich auch die Verletzungen
fast abstrakt werden lassen. Es geht hier nicht um den einzelnen Fall (und
es geht doch um jeden einzelnen Fall!), es geht um die Frage, wie wir leben
wollen. So geht Gesellschaft, das ist die Hauptbotschaft von „The Pitt“. Im
späten Neoliberalismus, der die Gesellschaft verabschieden wollte, wirkt
diese Lektion in Demut und Dienst am Patienten wie eine politische Haltung:
Wir halten uns nicht damit auf, zu fragen, wer jemand ist, was jemand
denkt, wo jemand herkommt, nein, [2][wir helfen sofort und ohne
Bedingungen]. Wir sind da, auch wenn wir selbst einen hohen Preis dafür
zahlen. Wir helfen, weil wir Menschen sind, und Menschen eben Menschen
helfen.
Damit verbinden sich die Botschaft von „The Pitt“ mit der Botschaft eines
der interessantesten Politiker der USA, des recht jungen Texaners James
Talarico, der als gelernter Prediger das Konzept der (in seinem Fall
christlichen) Nächstenliebe propagiert: der gute Samariter, der dem Fremden
hilft, als Beispiel einer politischen oder gesellschaftlichen Ordnung, die
menschlich, gut und erstrebenswert ist. Aber wie weit sind wir davon
entfernt. Vielleicht offenbart Donald Trump als Symptom nur das, was in den
Jahrzehnten und Jahrhunderten immer schon Realität war: [3][die skrupellose
Art und Weise, wie Macht ausgeübt wird]. Oder, im Idealfall, den konstanten
Kampf darum, dass Macht mit Verantwortung verbunden wird, mit Kompetenz,
mit Hingabe, mit Demut. Vielleicht, das wäre die Hoffnung, ist Trump die
Ausnahme.
## Trump bombt, sein Schwiegersohn streicht Milliarden ein
Aber dieser Gedanken erscheint gerade nicht besonders plausibel. Wenn
Trumps Schwiegersohn Jared Kushner, eine der diabolischsten Figuren unserer
Zeit, erst mit Iran verhandelt, dann zusieht, wie Iran bombardiert wird,
und gleichzeitig Milliarden von den Ölstaaten im Golf eintreibt für den von
ihm gegründeten Fonds, dann ist das in der Scheußlichkeit sehr schwer zu
ertragen. Und doch womöglich nur ein besonders sichtbares Beispiel für
moralische Selbstaufgabe. Denn es gibt ja genug andere Beispiele. „Careless
People“ heißt etwa das Buch der früheren Meta-Mitarbeiterin Sarah
Wynn-Williams, in dem sie die Verantwortungslosigkeit von Teilen des
Facebook-Konzerns beschreibt, und vor allem die Charakterschwächen von
Facebook-Gründer Mark Zuckerberg. Auch er ist nur Stellvertreter für eine
Reihe von Tech-Opportunisten wie Sam Altman, die vorführen, wie schwer es
scheinbar ist, mit Geld und Macht so umzugehen, dass nicht zahllose
Menschen zu Schaden kommen.
Es gibt auch in Deutschland aktuell jemanden wie den ehemaligen
[4][VW-Manager Michael Müller, dessen früherer Konzern gerade verkündet
hat, dass bis 2030 rund 50.000 Stellen wegfallen], wenn man es so nennen
will. Ein wesentlicher Faktor dafür ist die Inkompetenz der Konzernleitung,
die es nicht verstanden hat, rechtzeitig auf Elektromobilität umzustellen.
Müller nun hält dieses eigene Versagen nicht davon ab, für eine Öffnung zur
AfD zu werben, die wiederum für eine Autopolitik steht, die genau die
fossile Vergangenheit bewahren will, die der Grund für die schlechte
Position von VW ist.
„The Pitt“ bietet einen Raum, der frei ist von solcher Art von
verwerflicher Verantwortungslosigkeit, die sich immer öfter – oder vor
allem – als reaktionäre Politik zeigt. Insofern ist die Politik von „The
Pitt“ grundsätzlich progressiv. Und extrem gut gemacht und unterhaltsam.
18 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] /HBO-Serie-The-Pitt/!6145173
(DIR) [2] /Die-Geschichte-des-Sozialismus-in-den-USA/!6141872
(DIR) [3] /Experte-ueber-Atom-Gefahr-im-Iran-Krieg/!6161116
(DIR) [4] /VW-praesentiert-schwaechstes-Ergebnis-seit-11-Jahren-Zehntausende-Stellen-werden-gestrichen/!6161165
## AUTOREN
(DIR) Georg Diez
## TAGS
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Schwerpunkt USA unter Trump
(DIR) Schlagloch
(DIR) HBO
(DIR) Neoliberalismus
(DIR) Rechter Populismus
(DIR) Elektromobilität
(DIR) Populismus
(DIR) GNS
(DIR) Schwerpunkt USA unter Trump
(DIR) Schwerpunkt Iran-Krieg
(DIR) Kuba
(DIR) Reden wir darüber
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Oberster US-Terrorbekämpfer tritt zurück: Enge Kontakte zu Rechtsextremisten und Antisemiten
Joseph Kent gibt seinen Posten als Anti-Terror-Chef der USA wegen des
Irankriegs auf. Er war wegen seiner Nähe zu Rechtsextremisten in der
Kritik.
(DIR) Nachrichten im Iran-Krieg: Chef der US-Terrorabwehr tritt wegen Iran-Krieg zurück
Iran sei keine unmittelbare Bedrohung für die USA, kritisiert der Leiter
des US-Terrorabwehrzentrums, Joseph Kent. Trump verärgert über ausbleibende
Nato-Hilfe.
(DIR) Übernahmegelüste durch die USA: Trump will Kuba übernehmen
Der US-Präsident fordert den Inselstaat während eines erneuten landesweiten
Stromausfalls heraus. Er könne mit Kuba machen, was er wolle, sagt Trump.
(DIR) Ressourcenkonflikte im Irankrieg: Die dritte große Ölkrise
Der wirtschaftliche Kollateralschaden des Irankriegs hat die Welt erfasst.
Trumpf des Mullah-Regimes bleibt die Straße von Hormus. Kommen die
autofreien Tage wieder?